Performance

„Music for the future“ in der Zollgarage auf dem Flughafen Tempelhof

Das Kunstkollektiv Institut für Widerstand im Postfordismus beschäftigt sich in „Music for the future“ mit dem ­Überlebensmittel Musik in der Zwangsarbeit – am historischen Ort

Foto: Michaela Muchina

Im Sommer 2014 besucht das fünfköpfige Kunst-Kollektiv müller***** um die Schauspielerin und Theaterwissenschaftlerin Elisa Müller das Museum für Deutsche Geschichte in Bonn. Die Ausstellung verwundert die Gruppe und löst massiven Widerspruch aus: Was? Mit der Ära Helmut Kohl sollte die Geschichte der Bundesrepublik aufhören?

Während die Ausstellung an diesem Zeitpunkt endet, geht es in den Köpfen des aus Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen bestehenden Kollektivs nun erst richtig los. Es wird die Geburtsstunde des Instituts für Widerstand im Postfordismus. Ihr selbstgewählter Forschungsauftrag: Die Gegenwart kritisch zu befragen, die Zukunft visionär zu entwerfen. Die erste größere Produktion widmet sich der Frage im raffinierten doppelten Futur II: „Welche Revolutionen werden wir erlebt haben werden?“.

Fordismus ist ein wirtschaftlicher Begriff, der auf den amerikanischen Autoentwickler und Fließbanderfinder Henry Ford zurückgeht. Im Postfordismus nun sind die klassischen Arbeitsstrukturen aufgebrochen, just-in-time und immer verfügbar arbeiten immer mehr Freelancer einsam vor sich hin.

Das Institut für Widerstand im Postfordismus ist in Berlin beheimatet, gedanklich und praktisch ist es eng verknüpft mit dem Theaterzentrum Vierte Welt in der Adalbertstraße. Das Theaterkollektiv mit dem etwas sperrigen Namen wendet sich gegen Ausbeutung und Gewinnmaximierung, gegen die „Durch-Ökonomisierung aller Lebensbereiche“, wie es die zur Gruppe gehörenden Kulturwissenschaftlerin Inga Anderson nennt. Und Marcus Reinhardt, Performer in der aktuellen Produktion, konstatiert „eine Ich-AGisierung der ganzen Gesellschaft.“ Eine Gesellschaft, die so funktioniert, entsolidarisiere sich komplett. Denn dann, sagt Reinhardt, „ist man nicht mehr in Konfrontation mit seinem Arbeitgeber und streikt für bessere Arbeitszeiten oder Bedingungen, sondern arbeitet nur noch daran, in Konkurrenz zu allen anderen besser wegzukommen. “

Das Institut für Widerstand wendet sich immer wieder kreativ gegen diese kalte Lebens­welt. Etwa indem sie in der Umgebung des Kottbusser Tores „Revolutionsautomaten“ aufstellen, aus denen nach dem Einwurf von ein paar Cents kleine Bleigieß-Sets heraus purzeln, inklusive Beipack-Zetteln, auf denen Interpretationsmöglichkeiten für die in Blei gegossene Zukunft angeboten werden. Ein bleiernes, einem Vogel ähnliches Gebilde kann dann zum Beispiel bedeuten: „Der Konsum vom tierischen Produkten wird drastisch sinken.“

In ihrer neuen Produktion „Music for the future“ greift die Gruppe ein häufig verdrängtes Thema auf: das Leben der Zwangsarbeiter auf dem Tempelhofer Feld im Zweiten Weltkrieg. Große Baracken säumten den Columbiadamm, die Berliner konnten von ihrem Balkon aus beobachten, wie die Arbeiter sich hier, aber auch an vielen anderen Orten der Stadt, morgens zum Marsch formierten. Unter den Augen der Nachbarn also arbeiteten Tausende von Menschen im Berliner Werk der Weser Flugzeugbau GmbH. Ohne die insgesamt 20 Millionen verschleppten und versklavten Zwangsarbeiter in Deutschland, so vermuten heute Historiker, wäre Deutschland schon 1943 nicht mehr in der Lage gewesen, den Krieg fortzusetzen.

In der offiziellen Gedenkpolitik des Bezirks Tempelhof, merkt Marcus Reinhardt kritisch an, spielt diese Tatsache keine große Rolle. In Zeitzeugen-Archiven und im Gespräch mit Historikerinnen stellte Elisa Müller fest, dass es in den Lagern „auch ein ganz normales Leben gab. Also: Feste feiern, singen, tanzen, teilweise sogar Theateraufführungen.“ Seinem Namen gemäß interessiert sich das Kunstkollektiv für die widerständigen Momente der Musik. Gesungen wurde anscheinend alles und gern: Volkslieder, Chansons, Soldatenlieder. Welche Kraft schöpften die Zwangsarbeiter aus ihren Liedern? Ist das Singen in einer zwanghaften Situation eine Möglichkeit, „die eigene Identität aufrecht zu erhalten, eine Überlebensstrategie“, wie Inga Anderson meint? Aber was ist das für eine Magie, wie wirkt Musik oder Kunst ganz allgemein auf den Menschen? Befreiend, verändernd? „Das kennen wir alle,“ meint Müller, „wir hören ein Lied im Radio, fahren dabei Auto, und schon sieht die Welt anders aus.“
Musik wird in der Performance natürlich vorkommen, viel mehr wird vorab aber nicht verraten. Der Zuschauer wird mit dem, was auf der Bühne passiert, konfrontiert, aber womit genau, soll er nicht vorher wissen. Das fünfköpfige Kunstkollektiv gibt sich geheimnisvoll, der Besuch ihrer Performance ist eine Wundertüte für neugierige, aufgeschlossene und interessierte Besucher.

Klar ist: Das Stück wird am historischen Ort eines Zwangsarbeitslager gespielt, in der Alten Zollgarage des Flughafen Tempelhofs. Es werden drei Darsteller auf der Bühne stehen, aber kein Schauspiel, kein Thea­terstück, keine Dokumentation ist zu erwarten, sondern ein künstlerischer Abend, der performativ mit den Themen Widerstand und Musik umgeht. Elisa Müller ist es wichtig, nicht nur die Vergangenheit zu reflektieren, sondern auch in die Zukunft zu schauen und das Gespräch mit dem Publikum zu suchen: „Wir müssen in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht jammern und uns vielleicht noch schämen, sondern wir können sagen: Okay, wir sind jetzt hier und wir sind viele. Was wollen wir jetzt tun? Worüber wollen wir nachdenken, damit wir, wenn wir rausgehen, die Zukunft gestalten können?“

Zollgarage Flughafen Tempelhof Columbia­damm 10, Sa 15.7. 19 Uhr, So 16.7.,16+19 Uhr, Mo – Mi 17.–19.7., 20 Uhr, Eintritt frei, Spende erbeten

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