Internationales Literaturfestival Berlin

Mustafa Khalifa war 1982 bis ’94 in Syrien inhaftiert. Und erinnert sich

Er darf nicht verrückt werden. Das hat er für sich beschlossen, ganz am Anfang. Manchmal hat er das Gefühl, kurz davor zu stehen. Dann beginnt er zu singen. Tonlose Lieder. Niemand darf ihn hören. Um ihn herum ist die Hölle. 

Mustafa Khalifa. Foto: A. Abdelwahab

Die Hölle, das ist das berüchtigte Militärgefängnis im syrischen Tadmor, (der arabische Name für die Wüstenstadt Palmyra). Dorthin wird Mustafa Khalifa, 30-jähriger syrischer Absolvent der Pariser Filmhochschule, 1982 verbracht, als er bei seiner Heimkehr am Flughafen von Damaskus verhaftet wird.  Der Geheimdienst hält ihn für einen Muslim. In seiner Zelle heißt es, er sei „Christ, Atheist und Spion.“ Die mit ihm inhaftierten Islamisten der verbotenen Muslimbruderschaft wollen ihn, den Ungläubigen, töten. „Mit der Zeit entstand um mich herum ein Schneckenhaus. Eine Mauer, die durch ihren Haß errichtet wurde (…) Und die zweite Mauer bestand aus meiner Angst vor ihnen.“

13 Jahre wird seine Hölle währen. Sadistische Wärter, stumpfe Lust am Quälen und Töten, brutale Hinrichtungen. Lakonisch beschreibt Khalifa tagebuchartig, aber ohne Datum, aus seinen Erinnerungen zusammengesetzt, das Grauen. Foltertorturen in Autoreifen. Oder ein Gefängnisarzt, der jene Ärzte unter den Insassen, die mit ihm studiert haben, ermordet.  1994 kommt Khalifa frei, darf erst 2006 ausreisen, lebt jetzt in Frankreich. Sein Text, zunächst auf arabisch im Internet und 2007 auf französisch als Buch erschienen, gilt als „Evangelium der syrischen Revolution.“ Dieses grandiose Buch macht sprachlos, von Anfang an, Seite für Seite wird es schlimmer. Und irgendwann kommt die Wut.

Das Schneckenhaus von Mustafa Khalifa, aus dem Arabischen und mit einem Nachwort von Larissa Bender, Weidle, 312 S., 23 €

Lesungen: Di 17.+Mi 18.9, jeweils 18 Uhr, Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstr. 12, Mitte, Eintritt frei