Berlin verstehen

Mythos Kreuzberg – Zeitreise zu den Anfängen der Berliner Gegenkultur

Auf der Suche nach dem Mythos Kreuzberg: „Kreuzberg bildet in der öffentlichen Wahrnehmung seit vielen Jahrzehnten eine mythenumwobene Besonderheit als Stadtteil“, schreibt Jürgen Enkemann im Vorwort zu seinem gerade erschienenem Buch „Kreuzberg – Das andere Berlin“.

In diesem reich bebilderten und zwischen historischem Abriss und Anekdotenschatz angelegten Band geht der Autor dem Mythos Kreuzberg nach. Er beleuchtet den Häuserkampf und die linke Szene, die Politisierung der Bewohner und die Entwicklungen der Sub- und Gegenkultur.

Diese 12 Abbildungen aus Enkemanns Buch hat uns der Verlag freundlicher Weise zur Veröffentlichung bereitgestellt. Die Bilder erlauben eine Zeitreise von den Anfängen der Kreuzberger Boheme bis in die Gegenwart.

Kurt Mühlenhaupt, 1965

Kurt Mühlenhaupt, um 1965. Foto: Max Jacoby

Seit den frühen 1960er-Jahren zogen meist mittellose Kunstschaffende und Kunstinteressierte nach Kreuzberg. Es entstanden so genannte Künstlerlokale wie die „Kleine Weltlaterne“ in der Kohlfurter Straße oder der „Leierkasten“ in der Zossener- Ecke Baruther Starße. Auch der Maler Kurt Mühlenhaupt (Foto) gehörte zur ersten Generation der Kreuzberger Bohème. Trödler, Künstler und schrille Typen lebten in maroden Altbauwohnungen mit Kohleofen und Außen-WC und experimentierten mit einem nonkonformen Lebensstil.

Doch nicht alle waren davon begeistert. Die Dichterin Ingeborg Bachmann schrieb 1965 in Wagenbachs „Quartheft“: „Im Kommen ist jetzt Kreuzberg, die feuchten Keller und die alten Sofas sind wieder gefragt, die Ofenrohre, die Ratten, der Blick auf den Hinterhof. Dazu muss man sich die Haare wachsen lassen, muss herumziehen, muss herumschreien, muss predigen, muss betrunken sein und die alten Leute verschrecken.“


Friedrich Schröder-Sonnenstern, 1967

Friedrich Schröder-Sonnenstern bei der Feier zu seinem 75. Geburtstag, 1967. Foto: Ludwig Binder. Foto: Ludwig Binder

Die Anfänge der Kreuzberger Subkultur beginnen mit den Künstlern. Die 1959 gegründete Galerie Zinke in der Oranienstraße 27 gilt als Urzelle der Bohème. Eine Gruppe von Malern, Grafikern und Bildhauern um Günter Bruno Fuchs wagte von Kreuzberg aus die ästhetische Auflehnung. Der Künstlerzirkel um die Galerie war stets auch an dem Bezirk selbst, der Stadtplanung und Architektur, interessiert.

Eine der spannendsten Figuren jener Zeit war der Zeichner und Maler Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892-1982), der zu den Protagonisten der Art Brut in Deutschland gehörte. Später ordnete man ihn auch den „Berliner Malerpoeten“ zu, einer Künstlergruppe, die sich 1972 in Kreuzberg gründete. Auf der Abbildung feiert er seinen 75. Geburtstag und ist umgeben von Freunden und Weggefährten.


Leierkasten

Leierkasten-Werbung, undatiert
Leierkasten-Werbung, undatiert. Foto: Archiv Hugo Hoffmann

Künstler und Bürgerschreck sein war das eine, aber da die Kreuzberger Nächte nicht nur der Legende nach, sondern auch in Wirklichkeit lang waren, mussten dafür Orte geschaffen werden. Bühnen, Szenen oder wie es in Berlin halt so ist: Kneipen. Alkohol spielte eine wichtige Rolle. Ob Lesung, Vernissage oder Theaterstück, es wurde gesoffen, was das Zeug hält.

Oft und viel etwa in der Künstlerkneipe „Leierkasten“, die von 1960 bis 1977 in Kreuzberg residierte. Insterburg und Co., Günter Grass und viele andere Berühmtheiten gehörten zu den Gästen. Der Lyriker Gerhard Kerfin schrieb 1965 das Gedicht „Nächte im Leierkasten“, darin findet sich die Strophe: „von der musik-box / interpretiert / bekommt die / hinterhof-melancholie / manchmal klare / spendiert“.


Mehmet Aksoy, 1975

Mythos Kreuzberg: Der Bildhauer Mehmet Aksoy bei der Vorbereitung der Ausstellung Demonstration im Künstlerhaus Bethanien, 1975.
Der Bildhauer Mehmet Aksoy bei der Vorbereitung der Ausstellung „Demonstration“ im Künstlerhaus Bethanien, 1975. Foto: © FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum/Fotosammlung Jürgen Henschel

In den ersten Jahren der Kreuzberger Bohème spielten Migranten kaum eine Rolle. Doch das änderte sich spätestens mit dem Zuzug der Türken nach Berlin. Der etwas heruntergekommene Arbeiterbezirk zog viele Gastarbeiterfamilien an und einige der neuen Kreuzberger wurden Teil der Künstlerszene.

Dazu zählte der Schriftsteller Aras Örens, dessen Kreuzberger Krimi „Bitte nix Polizei“ 1981 erschien, ebenso wie der Bildhauer Mehmet Aksoy, der auf dem obigen Foto im Jahre 1975 eine Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien vorbereitet.


Theater Zentrifuge, 1976

Aufführung von Brechts „Der Brotladen“ im Theater Zentrifuge, Künstlerhaus Bethanien, 1976. Foto: © FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum/Fotosammlung Jürgen Henschel

Kreuzberg stellte einen Gegenentwurf zu der etablierten Künstlerszene dar. In West-Berlin dominierten die Ku’damm-Bühnen, die Theaterlandschaft war klar strukturiert und mit Steuergeld subventioniert. Ganz anders in Kreuzberg. Zum Ende der 1960er Jahre entwicklten sich erste Strukturen, die bis heute nachwirken und mit dem Oberbegriff „freie Szene“ bezeichnet werden können.

Diese freien Gruppen und Kollektive entstanden, man suchte sich Freiräume, in denen gespielt wurde. So etwa das Ensemble des Theater Zentrifuge, das hier im Künstlerhaus Bethanien im Jahre 1976 Brechts „Der Brotladen“ aufführt.


Tommy-Weisbecker-Haus

Das Tommy-Weisbecker-Haus in der Wilhelmstraße 9, 1976. Foto: © FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum/Fotosammlung Jürgen Henschel

Zu der Geschichte Kreuzbergs gehört neben der Entfaltung der Gegen- und Subkultur auch der politische Kampf. Die linke Szene fand in SO 36 ihre natürliche Heimat. Aktivisten lebten hier, es fanden Demonstrationen statt und man organisierte sich in Gruppen und protestierte gegen Faschismus, Rassismus, Atomwaffen, die Ausbeutung der „dritten Welt“ und andere Missstände.

Besondere Bedeutung bekam aber die Wohnpolitik. Um verfallende Altbauten vor dem Abriss zu schützen und Neubaupläne des Senats zu verhindern, formierte sich in Kreuzberg die Hausbesetzerbewegung. Man hat die Häuser „instandbesetzt“, um darin zu wohnen oder aber um darin alternative Projekte zu verwirklichen. Wie etwa im Tommy-Weisbecker-Haus in der Wilhelmstraße.


Instandbesetzung, 1979

 Görlitzer Straße 74, 1979. Foto: © FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum/Fotosammlung Jürgen Henschel

Zum Ende der 1970er-Jahre radikalisierte sich der Häuserkampf. Die Besetzer*innen lieferten sich regelrechte Schlachten mit der Polizei, es gab Straßenkämpfe, Steine und Mollis flogen. Viele Häuser konnten aber vor dem Abriss bewahrt werden und bis heute existieren zahlreiche alternative Wohnprojekte und Institutionen, die aus dem Kreuzberger Häuserkampf hervorgegangen sind. Etwa das Künstlerhaus Bethanien, die Regenbogenfabrik oder das Tommy-Weisbecker-Haus.


Demonstration, 1981

Mythos Kreuzberg: Demonstration von Instandbesetzer*innen in der Yorckstraße, 1981.
Demonstration von Instandbesetzer*innen in der Yorckstraße, 1981. Foto: © FHXB Friedrichshain-Kreuzberg-Museum/Fotosammlung Jürgen Henschel

Es wurde aber nicht nur gekämpft, sondern auch viel protestiert. Man trug die Anliegen auf die Straße, versuchte sie aber im kritischen Dialog zum Politikum zu machen. Die alternative Szene verspürte zu Anfang der 1980er-Jahre frischen Wind. Nach dem Tunix-Kongress im Jahr 1978 gründete sich bald darauf die linke Tageszeitung „taz“ und auch die Grünen etablierten sich als politische Partei. Viele Impulse zu diesem gesamtgesellschaftlichen Umdenken hatten auch in Kreuzberg ihre Ursprünge.


1. Mai, 1984

Das Kreuzberger 1.-Mai-Fest auf dem Lausitzer Platz war 1984 noch ein friedliches Ereignis.
Das Kreuzberger 1.-Mai-Fest auf dem Lausitzer Platz war 1984 noch ein friedliches Ereignis. Foto: © Jürgen Enkemann

Der 1. Mai und Kreuzberg gehören längst zusammen. Die Geschichte der Krawalle, Exzesse und Schlachten mit der Polizei ist bestens bekannt. Doch diese gewaltvollen Auseinandersetzungen begannen erst 1987. Davor war der 1. Mai zwar ein politischer Tag, verlief aber zumeist friedlich und bot dem wuseligen Kiez eine Gelegenheit, zusammenzukommen. Wie etwa auf diesem Foto, das das Fest am 1. Mai 1984 auf dem Lausitzer Platz zeigt.


Die Grünen/ Alternative Liste, 1992

Informationsstand der Grünen/Alternative Liste in der Yorckstraße zum Bürgerbegehren für die Verhinderung eines Verkehrsstroms über die Oberbaumbrücke, 1992.
Informationsstand der Grünen/Alternative Liste in der Yorckstraße zum Bürgerbegehren für die Verhinderung eines Verkehrsstroms über die Oberbaumbrücke, 1992. Foto: © Jürgen Enkemann

Nach der Wende veränderte sich Kreuzberg. Der Häuserkampf verlagerte sich in den Osten der Stadt, die Student*innen, Künstler*innen und Musiker*innen wollten lieber in Mitte und Prenzlauer Berg leben und die Clubs waren sowieso ganz woanders. Ein Hauch der West-Berliner Nostalgie legte sich über den Bezirk. Plötzlich gehörte man zum alten Eisen.

Parallel dazu wurden die Grünen immer aktiver und einflussreicher, seit 2006 stellt die Partei die Bezirksbürgermeister*innen in dem Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain und man hat von 2002 bis 2017 den legendären Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele per Direktmandat in den Bundestag geschickt.


Gentrifizierung, 2018

Mythos Kreuzberg: Anti-Gentrifizierungs-Aktivisten und der Autor Jürgen Enkemann (Mitte), Aufnahme von 2018.
Anti-Gentrifizierungs-Aktivisten und der Autor Jürgen Enkemann (Mitte), Aufnahme von 2018. Foto: © Jürgen Enkemann

Auch einzelne Hausgemeinschaften sind in Kreuzberg aktiv geworden, haben sich zusammengefunden und zum Teil mit anderen Hausgemeinschaften vernetzt. Etwa wenn sie sich durch Immobilienspekulant*innen gefährdet sahen. Hier geht es um ein Haus, das im Sanierungsgebiet Rathausblock in Kreuzberg 61 liegt und von einem als profitorientiert bekannten Großinvestor erworben wurde.


Bethanien, 2019

Mythos Kreuzberg: Der Eingangsbereich des Bethanien-Haupthauses am Mariannenplatz, 2019.
Der Eingangsbereich des Bethanien-Haupthauses am Mariannenplatz, 2018. Foto: © André Förster

Berlin hat sich verändert und auch Kreuzberg ist für viele alte Kiezbewohner schwer zu erkennen. Die Stadt ist voller, teurer und schicker und Kreuzberg gehört zu den begehrtesten Gegenden überhaupt. Das Gespenst der Gentrifizierung geht um, viele alte Mieter*innen mussten ihre Wohnungen verlassen und so manches Geschäft kann bei den steigenden Mieten nicht mehr mithalten.

Anderes ist geblieben. Im Kunstraum Kreuzberg im Bethanien (Foto) werden weiterhin Ausstellungen organisiert, im SO36 spielen Bands, im Kinderbauernhof im Görlitzer Park streicheln Kinder Hasen und Ziegen und entlang der Skalitzer- und Oranienstraße kann man in so mancher Kneipe die Nacht lang werden lassen.


Buchtipp

Kreuzberg – Das andere Berlin von Jürgen Enkemann, Verlag für Berlin-Brandenburg, 240 S., 25 €


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