Musik & Party in Berlin

Nachtleben Berlin. 1974 bis heute

Nachtleben Berlin. 1974 bis heuteVielleicht begann alles wirklich mit diesem nasskalten Novembertag des Jahres 1974. Dem Tag, an dem in Schöneberg das Chez Romy Haag aufmachte: eine ganz neue Ära des Feierns. „Seitdem“, so schreiben Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl und Heiko Zwirner, „ist Berlin durchgehend geöffnet – und gilt längst als internationale Hauptstadt der Bar- und Clubkultur.
Mit „Nachtleben Berlin. 1974 bis heute“ legt das Herausgebertrio eine mächtige, voluminöse, vielstimmige Anthologie vor, die 40 Jahre Berliner Nachtleben umspannt und zudem mit zahlreichen herausragenden, teilweise unveröffentlichten Fotos auch visuell groß aufspielt.
Der Willen zum Standardwerk, zum Anspruch auf Vollständigkeit ist im Wortsinn greifbar, die schiere Vielzahl der Autoren und Interviewpartner aus generationsübergreifenden Epochen und Szenen der Berliner Partykultur beachtlich: Romy Haag, Wolfgang Müller, Gudrun Gut, Bert Papenfuß, WestBam, Matthias Lilienthal, Tobias Rapp.
Zum Erscheinen des Buches kann man viele Protagonisten auch auf der Bühne des HAU besichtigen. Das Hebbel am Ufer widmet ihm eine zweitägige Veranstaltung. Mit Konzerten von Wolfgang Müller mit Stücken von Die Tödliche Doris, Robert Lippok oder auch Cobra Killer, DJ-Sets von WestBam und Mirko Hecktor. Und vielen, vielen Gesprächen. Am 11. und 12. Oktober, jeweils ab 19 Uhr, im HAU. Zwei Abende für die Nacht.

Text: rik

Wolfgang Farkas, Stefanie Seidl, ?Heiko Zwirner (Hrsg.): ?“Nachtleben Berlin. 1974 bis heute“?, Metrolit, 304 S., 36 Euro (ab 14.10.)

Wir verlosen 3 x 1 Buch
?Mail bis 10.10. an [email protected], Kennwort: Nachtleben

Mehr Nachtleben lesen
Zur vertiefenden Lektüre über das Berliner Nachtleben empfiehlt sich zuallererst „Subkultur Westberlin 1979–1989“ (Philo Fine Arts, 2013). Darin setzt Wolfgang Müller nicht nur seinem eigenen Kunstprojekt Die Tödliche Doris ein Denkmal, sondern liefert auch ein umfassendes Lesebuch zum West-Berliner Untergrund der 80er-Jahre.
Weil damals ja noch die Mauer stand, lohnt ein Blick auf die andere Seite derselbigen – zumal Müller auch in „Spannung. Leistung. Widerstand: Magnetbanduntergrund 1979–1990“, herausgegeben von Alexander Pehlemann und Ronald Galenza (inkl. Doppel-CD, Verbrecher Verlag, 2006), dabei ist und erzählt, wie er mit Bert Papenfuß in einem Gemeindehaus in Prenzlauer Berg Schmalzstullen isst und mit der Tödlichen Doris illegal in der Sredzkistraße auftritt.
Über die Clubkultur der frühen 90er sind in jüngster Zeit mehrere Bücher erschienen, darunter die stimmige Spurensuche des „taz“-Journalisten Ulrich Gutmair, der in „Die ersten Tage von Berlin“ (Tropen, 2013) dem „Sound der Wende“ lauscht. Viele der Clubmacher kommen selbst zu Wort im dicht durchkomponierten Werk „Der Klang der Familie – Berlin, Techno und die Wende“ von Felix Denk und Sven von Thülen (Suhrkamp Taschenbuch, 2012).
Und viele dieser, teils längst schon wieder verschwundenen Clubs, die heute beinahe schon Legendenstatus haben, sind in „Temporary Spaces“ (Gestalten Verlag, 2002) zu besichtigen: Berlintokyo, 103, WMF …  Der Fotograf Martin Eberle lichtete die Läden in einem Zustand ab, wie sie damals außer den Betreibern und dem Reinigungspersonal nur selten jemand zu sehen bekam: menschenleer! Irgendwie auch ein verblüffender Eindruck.

Text: lieb/rik
 

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