Kino & Film in Berlin

„Nader und Simin – Eine Trennung“ im Kino

Die Wahrheit dazwischen: Der Film von Asghar Farhadi entdekct in einem kleinen iranischen Familiendrama ein Spiegelbild großer Widersprüche.

Nader und Simin - Eine Trennung

Asghar Farhadi hat einen besonders scharfen Blick für die alltäglichen Paradoxien, die das Nebeneinander von Modernität und archaischem Gesetz in seiner iranischen Heimat provoziert. Die bürgerlichen Helden seiner Filme müssen immer wieder erleben, wie im Widerstreit von privater und öffentlicher Moral (und der Unaufrichtigkeit, die daraus resultiert) ihre Identitäten brüchig werden: „Fireworks Wednesday“ inszenierte diesen Konflikt als tragikomisches Ehedrama, „About Elly“ als alptraumhaften Wochenend-Trip der Teheraner Bourgeoisie. Ambivalenz statt gefälligerer Eindeutigkeit ist das Ziel dieser Erzählungen, was den nicht unbedeutenden Nebeneffekt hat, dass sie, immer mindestens doppelt lesbar, im Iran selbst so erfolgreich sind wie auf westlichen Festivals.
Nader und Simin lernt man bei einem Scheidungstermin beim Familienrichter kennen – die erste von zahlreichen formellen und informellen Verhandlungen, die den Lauf des Films prägen. Modellhaft ist schon da, dass sich die Motive für die Scheidung, die Simin anstrebt, nicht in der Sprache des Gesetzes formulieren lassen: Simin will mit ihrem Mann und der zwischen den beiden Eltern hin und her gerissenen, halbwüchsigen Tochter aus dem Iran ausreisen, mit einem Visum, das bald abläuft. Doch weil ihr Mann nicht einwilligt, braucht sie nun eine beurkundete Trennung. Nader hingegen will seinen alzheimerkranken Vater nicht verlassen, auch wenn er die größten Schwierigkeiten hat, dessen Pflege auch nur für eine Woche alleine zu organisieren. In seinem Ungeschick engagiert er eine strenggläubige Frau aus prekären Sozialverhältnissen, die ein paar Tage später, nach einem Streit an der Wohnungstür, im Krankenhaus landet, was den nicht ganz unschuldigen Nader erneut vor Gericht bringt.
Bürgerliche und fundamentalistische Codes, Sharia-Gesetz, Familienloyalität, Ehrgefühl und eheliche Solidarität sind nur einige der Ebenen, die sich verschränken, während sich langsam der tatsächliche Ablauf des Geschehens aus den wechselnden Darstellungen herausschält. Es geht um die Herstellung von Gerechtigkeit, um Lügen, die einen vielleicht vor dem Buchstaben des Gesetzes bewahren und um das, was an Wahrheit dazwischenliegt. Farhadi verknüpft diese Fäden meisterlich zum Familien- und Sozialpanorama, das allen involvierten Parteien gerecht wird, ohne ihre Widersprüche zu versöhnen.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Nader und Simin – eine Trennung“ im Kino in Berlin

Nader und Simin – eine Trennung (Jodaeiye Nader az Simin), Iran 2011; Regie: Asghar Farhadi; Darsteller: Leila Hatami (Simin), Peyman Moadi (Nader), Sarina Farhadi (Temeh); 123 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 14. Juli

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Asghar Farhadi

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