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„Nervöse Systeme“ im Haus der Kulturen der Welt

Big Data greift permanent in unser Leben ein. Die Ausstellung "Nervöse Systeme" im HKW deutet das weder als Utopie noch als Dystopie, sondern will herausfinden, wie der Mensch im Zeitalter der ­Datenströme zumindest eine Teilsouveränität behalten kann.

Letztens bekam Stephanie Hankey am Zürcher Flughafen eine Nachricht von EasyJet. Dabei flog sie diesmal gar nicht mal mit denen. „Aber die wussten eben, dass ich gerade am Flughafen bin“, sagt sie. „Zeit für eine kleine Push-Message.“ Anselm Franke, der den Bereich Bildende Kunst im Haus der Kulturen der Welt leitet, hat kürzlich seinen E-Mail-Provider gewechselt und alle aus seinem vermutlich sehr großen Adressbuch gebeten, die alte Adresse zu löschen.

Gemeinsam mit Marek Tuszynski kuratieren die beiden nun die Ausstellung „Nervöse Systeme. Quantifiziertes Leben und die soziale Frage“. Auch hier geht es darum, wie das ist, wenn große Datenmengen in unser Leben eingreifen. Und wie sich dem begegnen lässt.
„Seit der Entdeckung von Elektrizität und seit dem Telegraphen haben Menschen diese Infrastruktur mit Nervensystemen verglichen“, erklärt Franke. „Seit den 1950ern ist mit der Metapher aber etwas Anderes gemeint: Es geht um die Idee der smarten Organisation von Systemen mit Feedback. Und um das Versprechen, Maschinen und Biologie auf demselben Level zu behandeln.“

Im HKW ist nun nicht bloß Kunst-Kunst zu sehen, sondern die Ausstellung zeigt auch reale Projekte, bei denen man rasch denkt: Das kann, das darf nicht wahr sein! Eine Gesichtserkennungs-Software für Kirchen überprüft, wie oft jedes Gemeindemitglied vorbeischaut. Beim Service „Invisible Boyfriend“ zahlt man 30 Dollar im Monat und bekommt dafür einen Fake-Boyfriend, der digital mit einem interagiert, per SMS und E-Mail. Und manchmal schickt er einem sogar ganz haptische Blumen in die analoge Welt.

Google und Facebook sind übrigens nur naheliegende Beispiele. Die Ausstellung geht weiter: Wie verhält es sich mit Krankenkassen- und ID-Chips? „Das Thema dringt hinein bis in die Eingeweide unserer Ausstellungsarchitektur“, sagt Franke. Diese gliedert sich in „Grid“ und White Room“.  109 hohle Edelstahlstangen bilden das Grid. 5,30 Meter ist jede einzelne davon hoch und 9,4 Kilogramm schwer. Grid. Gitter. Oder: Raster. Für Franke „das Basismodell der Moderne“. Außerdem im Raum: 13 Holzwände, davon fünf Projektionsflächen. 17 Monitore und elf Tablets. Beiträge von Harun Farocki, Ai Weiwei und vom „Peng! Collective“, das gerade Furore machte mit seinem Torten-Wurf auf Beatrix von Storch (AfD).
„Nervöse Systeme“ ist Teil des auf vier Jahre angelegten HKW-Projekts „100 Jahre Gegenwart“. Tatsächlich geht manches in der Ausstellung sogar noch weiter zurück: ?Nishant Shah aus dem Umfeld von Hankeys und Tuszynskis „Tactical Technology Collective“ blickt auf Studien, die darauf abzielten, die Schreibmaschinen in den 1890ern zu verbessern. Gemessen wurden nicht bloß Anschläge pro Minute, sondern: Wann haben die Damen an den Apparaten nachts schlecht geschlafen? Wann hatten sie ihre Regelblutung? Das klingt fast nach den Apps von heute, die Schlaf, Atmung, Herzschlag überwachen.

Es geht im HKW aber keineswegs darum, Panik zu verbreiten: „Wenn wir genügend Daten hätten“, sagt Hankey, „könnten wir auch bestimmte Probleme lösen.“ Die Ausstellung soll weder Utopie noch Dystopie sein. „Andererseits gibt auch keinen neutralen Weg“, mahnt Tuszynski. „Technologie ist niemals neutral. Nie im Sinne von nie.“

Das Internet und digitale Technologien überhaupt könnten die Welt gerechter machen. Armut bekämpfen. Auch wenn diese techno-utopistische Sicht in den letzten Jahren einen ordentlichen Dämpfer bekommen hat. Wie durch die Festnahme von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Teil der HKW-Ausstellung ist auch der Assange Room der Schweizer !Mediengruppe Bitnik, eine lebensgroße Reproduktion des Zimmers in der ecuadorianischen Botschaft in London, in dem Julian Assange seit dem 19. Juni 2012 lebt: Als gefangener Cyber-Punk, der durch den Datendraht gleichwohl mächtige Infos steuern kann.

Hankey und Tuszynski sind übrigens keine Künstler, sondern IT-Designer. Ihr Kollektiv will Daten und Informationen nützlich machen für Aktivismus. „Politisches Gewicht“, sagt Tuszynski, bekommen Daten erst durch ihr Narrativ.“ Sie fragen also: Wer kontrolliert, wer formt die Narrative?
Unterschiedliche Aspekte der Nervosität sollen Ausdruck finden. Manchmal etwas, das wirklich den Körper trifft, dann wieder sehr Abstraktes. „Immer ein guter Moment“, sagt Franke, „an dem man die Kunst braucht.“ Etwa die Video-Arbeit „Patterns of Life“ von Julien Prйvieux. Eine Choreographie über Verfahren, die menschliche Bewegungen aufzeichnen. Von der Erfindung des Kinofilms bis in die Gegenwart. „Der Gedanke führt bis dorthin, wo es darum geht, Menschen in außerlegalen Räumen zu töten„, sagt Franke. Drohnenkrieg dank Metadaten.

Im Grid-Teil der Ausstellung geht es also um historische und aktuelle Narrative: Künstler, die ihre Umwelt in Metaphern und Allegorien fassen. „Sie beschreiben das, was in der Black Box Big Data vor sich geht, mit Vokabeln, die von außerhalb der Box stammen „, sagt Tuszynski.

Anders im White Room: Hier waren Leute zugange, die kreative Praktiker der digitalen Welt sind. Leute, die mit Algorithmen basteln. Der Raum ist eine Live-Installation des Tactical Technology Collective mit Projekten, die verstehen helfen, wie Daten zu einer solchen Kraft im Silicon Valley werden konnten. Und wie Staaten und Organisationen als „Big Mama“ mithilfe großer Datenmengen eine Art von Bemutterung betreiben, die nicht per se „1984“-böse ist.

An einem Counter, der „Bar“, macht ein Team kleine Workshops mit dem Publikum. Es hilft, mehr darüber zu erfahren, welche Daten über einen gesammelt werden. „Wir wollen, dass die Menschen in der Ausstellung sich selbst finden“, erklärt Hankey. Und Franke sagt:“Wenn es also keinen Ausstieg gibt, dann bleibt die beste Weise, dem zu begegnen: Awareness. Reflexion. Wie können wir uns von dieser großen Eroberungsmaschine unsere eigene Sicht der Dinge zurückerobern?“ Denn das sei doch Teil des Faszinosums, Mensch zu sein: dass wir teilweise designen können, wer wir als soziale Wesen sind. Manchmal, wenn Anselm ?Franke solch druckreife Sätze sagt, gleitet sein Zeigefinger über sein Smartphone. Fast schon nervös.

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