Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Soul Kitchen“ von Fatih Akin

Als "schmutzigen Heimatfilm" bezeichnet Fatih Akin, der mit harter Kinokost ("Gegen die Wand") international bekannt wurde, sein jüngstes Werk "Soul Kitchen"

soul-kitchenEs ist ein mit Verve inszeniertes, derbes Volksstück, eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt Hamburg und an ein Milieu abseits der gutbürgerlichen Gesellschaft. Proleten, Migranten, Musiker, Halbweltgestalten und Szenegänger treffen in der anfangs ziemlich unordentlich geführten, titelgebenden Kneipe aufeinander. Das Lokal liegt im Problemviertel Wilhelmsburg, aber Akin scheint sich selbst hier auszukennen. Doch auch auf der Story-Ebene spielt Authentizität eine gewisse Rolle: Koautor und Hauptdarsteller Adam Bousdoukos, der schon in „Kurz und Schmerzlos“ unter Akins Regie spielte, hat schon Erfahrungen als Gastronom gesammelt.

Soul food“ nennt man in den USA die deftige, afroamerikanische Traditionsküche in den Südstaaten. Deftig mögen es auch die Stammkunden in der Gaststätte Soul Kitchen des gestressten Deutschgriechen Zinos (Bousdoukos). Hier werden zum Bier bevorzugt fettige Pommes, Schnitzel, Hamburger und in Sauce ertränkte Salate bestellt. Bis ein neuer, kapriziöser Hauben-Koch (Birol Ünel) mit cholerischem Temperament die Spei­sekarte auf Nouvelle Cui­sine umstellt. Die Stammgäste verabschieden sich angewidert. Für weitere Konflikte sorgen unter anderem ein windiger Immobilienhai (der die Chance wittert, das alte Gebäude samt Grundstück von Zino für ein Butterbrot zu erwerben, um es gewinnbringend weiterzuverscherbeln) und Zinos krimineller, leichtsinniger Bruder Illias (Moritz Bleibtreu), der mit seinen gewaltigen Spielschulden das Aus für den auch noch von Liebeskummer gebeutelten Gas­tronomen einzuleiten droht. Der Verkauf des Lokals an einen Investor (Udo Kier in einer Gast­rolle) scheint bald unabwendbar.

soul-kitchen„Soul Kitchen“ ist ein stre­cken­weise disparater, episodischer, zunehmend klamaukiger Film – doch die Dialoge klingen meist stimmig, das Lokalkolorit ist echt, und die Darsteller agieren mit ungebremster Spielfreude. Allen voran Moritz Bleibtreu, der als Knastbruder auch das Chargieren nicht scheut und dabei wirklich witzig bleibt. Aber auch Wotan Wilke Möhring als enthemmter Abzocker oder Birol Ünel unterhalten blendend: Ünel hat für seine Nebenrolle als heruntergekommener, Messer werfender Spitzenkoch vor Drehbeginn dem Vernehmen nach sogar einen Lehrgang als Küchenchef absolviert.

Mit seinem boulevardesken Charme, zu dem auch der eklektische Soundtrack mit Soulmusik und Hans Albers’ „Das letzte Hemd“ beiträgt, kam der Film im vergangenen September auch bei den Festspielen von Venedig überraschend gut an. Die Komödie amüsierte mit ihrem ungehobelten Charme die üblicher­weise mit größerem Ernst konfrontierte Wettbewerbs-Jury so sehr, dass sie Akins Film mit einem Spezialpreis auszeichnete.

Text: Ralph Umard

Foto: Gordon Timpen

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Soul Kitchen“ im Kino in Berlin

Soul Kitchen Deutschland 2009; Regie: Fatih Akin; Darsteller: Adam Bousdoukos (Zinos Kazantsakis), Moritz Bleibtreu (Illias Kazantsakis), Birol Ünel (Shayn Weiss); Farbe, 99 Minuten; Kinostart: 25. Dezember

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