Musik & Party in Berlin

Neu in Kreuzberg: Das Bi Nuu

Am Rand von Westdeutschland: Beim neu eröffneten Bi Nuu, dem einstigen Kato-Standort, besteht durchaus noch Optimierungsbedarf.

Bi Nuu
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die Geschichte des neuen Clubs im U-Bahnhof Schlesisches Tor könnte mit dem Abend der Eröffnungsparty beginnen. Dann ist es eine Geschichte wie die so vieler Clubs, die in prominenten Locations von prominenten Betreibern eröffnet werden: Die Erwartungen sind groß, die Maßstäbe hoch, und am Ende der Nacht kommt doch die Ernüchterung. DAF spielten an diesem ersten Abend ein ausverkauftes Konzert, doch bereits wenige Stunden danach musste der späte Besucher den Eingang zum Bi Nuu suchen, weil keine Schlange verriet, welche der vielen verriegelten Türen im Gemäuer nun in den Club hineinführten. Und als sich schließlich doch eine Tür öffnete, gewährte ein wortkarger Türsteher, über den es später auf der Facebook-Seite des Bi Nuu hieß, er sei „aggressiv“ gewesen und hätte einige Gäste, „sagen wir mal, sehr unsanft“ angefasst, mit einem Kopfnicken Einlass. Der Weg führte vorbei an den leeren Kleiderhängern der Garderobe und hinein in dieses hohe Gewölbe unter den U-Bahn-Schienen, das man besser hätte in Szene setzen können als mit rotem Licht und verschwommenen Stills aus Schwarz-Weiß-Filmen.
Von der leeren Tanzfläche plätscherten nichtssagende Elektrosounds, auf den wie zufällig in den Raum platzierten Lederloungesofas dümpelten ein paar Stofftaschenträger, der Barmann fluchte entschuldigend über den Abfüllstopper auf der Gin-Flasche. Die Party war vorbei. Es war zwei Uhr nachts.

Bi Nuu
Foto: Anne Lena Mösken

Man hätte die Betreiber jetzt gerne gefragt, was sie sich gedacht haben, hätte gerne ihre Vision für diesen Club gehört, hätte die Zukunftspläne dann vielversprechend finden und die Eröffnungsnacht wohlwollend vergessen können. Aber David Gruber und Torsten Brandt, die sich mit der Astra Veranstaltungs GmbH auch um das Lido und das Astra Kulturhaus kümmern, wollen nichts sagen über das Bi Nuu.

Und weil die eine Geschichte des neuen Clubs am Schlesischen Tor hiermit vorerst ihr Ende findet, kann man nun auch eine andere Geschichte erzählen, die weniger die Geschichte dieses einen Clubs ist als die dieser Gegend, die einst am äußersten Rand von Westdeutschland lag. Und als Kreuzberg mit der Wende auf einmal im Zentrum der neuen Republik gelandet war, öffnete in den Gewölben des U-Bahnhofs ein Club für Punks und Schwarzkittelträger, es gab politische Diskussionsabende, und in den Kellern fanden Bands Raum zum Musizieren. Im Kato blieb die Zeit stehen, während sich entlang der Schlesischen Straße ein neues Berlin entwickelte, eines, das man von überall auf der Welt besuchen will, eines, das nachts lebt, eines, für das der Falafel-Mann in der Schlesischen Straße Englisch lernte.

Im Sommer 2006 wurde dann aus einem alten Kino ein paar Hundert Meter vom U-Bahnhof entfernt die Konzert-Location Lido. Da gab es bereits erste Gerüchte, das Kato würde schließen. Es dauerte dann noch drei Jahre, ehe es tatsächlich vorbei war, weil der Bauaufsicht ein Notausgang fehlte; umfangreiche, teure Umbauten standen an. Ein Jahr später stiegen Gruber und Brandt ein und der Kato-Betreiber schließlich aus. Es blieben die Bands im Keller, die aber nicht bleiben konnten, weil dort nun ein

Bi Nuu
Foto: Anne Lena Mösken

Backstageraum eingebaut werden sollte. Eine Sängerin trat in den Hungerstreik. „Überzogen“ fand Gruber das. Man kann darin aber auch ein Zeichen sehen, wie erbittert in dieser Gegend mittlerweile die Frage verhandelt wird: Wem gehört der Kiez? Wer bleibt, und wer muss gehen?

Noch immer werden hier Häuser besetzt, und sei es nur für ein paar Stunden, wie im vergangenen Sommer ein Haus der GSW am anderen Ende der Schlesischen Straße. Kreuzberg war da für einen Moment wieder ganz das Alte, Polizeiwannen rollten mit Blaulicht am U-Bahnhof vorbei, Flaschen flogen gegen steigende Mieten und Gentrifizierung.

Längst gibt es auch eine Bürgerinitiative, die nicht mehr will, dass ihr Kiez Partymeile ist. Gleich nach der Eröffnungsparty des Bi Nuu traf, das ist somit kaum verwunderlich, die erste Anwohnerbeschwerde wegen des „unerträglichen Bassteppichs“ beim Bezirksamt ein. Gruber und Brandt sind zwar keine Anfänger, sie haben das Bi Nuu natürlich mit Schallschutz ausgestattet, überprüft werden muss die Beschwerde nun trotzdem.

Viele Fragen bleiben also am ebenfalls offenen Ende dieser anderen Geschichte. Und auch noch eine ganz andere: Warum eigentlich „Bi Nuu“? So hieß doch das dritte Album von Ideal, der Band, die den Sound der Neuen Deutschen Welle Anfang der Achtziger maßgeblich bestimmte. Sie soll über ihr „Bi Nuu“ damals selbst gesagt haben: „Die Luft ist raus.“ Und löste sich kurze Zeit später auf. Aber das ist dann wohl noch eine andere Geschichte.

Text: Anne Lena Mösken

Bi Nuu, im U-Bhf. Schlesisches Tor, www.bi-nuu.de

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