Musik & Party in Berlin

Neu in Schöneberg: Der Vinyl-Plattenladen „Dodo Beach“

Viele Rock-Konzerte in Berlin werden seit Jahren von seiner Firma Trinity Music veranstaltet, jetzt aber hat Geschäftsführer Thomas Spindler etwas getan, womit man nicht unbedingt rechnen konnte: Er hat den Vinyl-Plattenladen Dodo Beach eröffnet.

Thomas Spindler

Er steht hinter dem Verkaufstresen und vor ihm möchte eine Kundin das neue Album von Kurt Vile kaufen. Thomas Spindler muss nun darauf achten, dass alles korrekt elektronisch registriert wird. Das dauert einen Moment. Danach nimmt er das Geld an und deponiert es in der Kasse. Eigentlich ist das der normalste Vorgang der Welt, aber Spindler lebte lange nicht in der Welt, in die er sich jetzt aus heiterem Himmel zurückkatapultiert hat. Er muss sich erst wieder daran gewöhnen. Mitte der Achtziger verkaufte er im Screen in der Eisenacher Straße schon einmal Platten. Es handelte sich um Importe von obskuren Vinyl-Veröffentlichungen aus der Punk- und Garagenrock-Szene in den USA. Eine dieser Platten war die 1984 erschienene Debüt-EP von The Flaming Lips, die man heute nur noch ganz selten findet. Die meisten anderen Veröffentlichungen der zu Kultstars gewordenen Musiker aus Oklahoma und vieler anderer Bands stehen ab sofort in Spindlers neuem Laden Dodo Beach. Im Vergleich zum alten Screen ist er ein Schmuckstück. Auf einer Fläche von über 200 Quadratmetern entdeckt man in den grundrenovierten Räumen einer ehemaligen Pralinenfabrik Neuveröffentlichungen und Second-Hand-Ware, 7”-Singles und Alben, Picture-Discs in limitierter Auflage, Klassiker und Geheimtipps. Geht man ins Untergeschoss, hat man die wohl kuscheligste Metal-Abteilung im ganzen Land vor sich. Ein nagelneuer schwarzer Teppich, eine Sitzecke, Plattenspieler und Tonträger aus allen erdenklichen Genres im härteren Rock laden zum Verweilen ein.
Dodo BeachEin Jahr lang hat Spindler auf diesen Zustand hingearbeitet. Es war eine schöne Plackerei. Eröffnung war am Record Store Day am 20. April. Da stellt sich natürlich schon die Frage, warum er sich diesen Extraaufwand antut. Der 51-Jährige ist in Berlin schon seit Langem einer der erfolgreichsten Macher im Musikgeschäft. Ihm gehört die lokale Veranstaltungsagentur Trinity Music, er ist Geschäftsführer von drei Konzertstätten (Huxleys Neue Welt, C-Club, Crystal) und Mitbesitzer der Restaurant-Bar Morsh. Nun also noch das Dodo Beach. Wenn man sich mit ihm über das neueste Baby unterhält, fällt oft der Begriff Synergie. Das Trinity-Büro veranstaltet nach Spindlers Einschätzung pro Jahr zwischen 600 und 700 Konzerte. Das reicht ihm aber noch nicht. „Für mich als Veranstalter ist es ein Segen, wenn man schon Monate vor dem ersten Konzertangebot von einer Band hört und sich sagt: Die ist es. Man setzt dann Hebel in Bewegung und sorgt dafür, dass man die Band vor allen anderen veranstalten kann. Ein Plattenladen hilft sozusagen bei der Gestaltung des Konzertprogramms“, findet er. Da denkt er wie ein Unternehmer, verspricht sich mithilfe der Wechselwirkung zwischen verschiedenen Geschäftsbereichen einen größeren Gewinn. Er betont aber auch den empathischen Aspekt. „Es gab Zeiten, da habe ich mit Nirvana und all den anderen Bands Drogen genommen und Partys gemacht und bin dann um sechs Uhr morgens nach Hause gekommen. Heute gehe ich als Konzertveranstalter zu Agenten, mache hinter der Bühne Konzert-Deals klar und gehe dann nach Hause. Von der Musik an sich bekomme ich nur noch wenig mit. Eine Weile war das völlig in Ordnung so. Aber wenn man Musik so liebt wie ich, dann ist es besser, wenn man den Kontakt zu ihr nicht verliert.“
Dodo BeachSpindler weiß, dass er nicht auf ein totes Medium setzt. Entgegen allen Vermutungen haben die Vinylverkäufe seit 2004 konstant zugenommen. Laut „Focus“ sind 2011 in Deutschland 1,65 Millionen Platten verkauft worden – so viele wie 17 Jahre zuvor nicht. Nun sieht man sogar in den großen Elektronikmärkten wieder mehr Schallplatten in den Regalen stehen. Spindler bestreitet, bewusst in eine Wachstumsbranche zu investieren. Ihm sei aber aufgefallen, dass es eben immer noch Singles aus den USA in limitierter Auflage gibt und dass viele Leute dafür zu begeistern sind. Um die mögliche Nachfrage zu befriedigen, hat er sich erfahrene Kräfte ins Haus geholt. Stephan Schulz war zwanzig Jahre bei City Music angestellt und ist nicht zuletzt auch als Bassist von The What… For! bekannt. Matthias Mader vom Verlag und Netzmagazin „Iron Pages“ betreut den Metal-Bereich. Insgesamt werden sechs Leute im Dodo Beach arbeiten. Der Sound im Laden und an den Kopfhörern macht einen professionelleren – man könnte auch sagen erwachseneren – Eindruck als seinerzeit im punkchaotischen Screen. Spindler plant, jeden Freitag ganztägig im Laden zu sein. Dodo Beach„Ich hatte mir mal vorgenommen, mit 50 aufzuhören. Das war dann wohl nichts“, sagt er schmunzelnd. Er habe einfach zu viele Leidenschaften. „Eigentlich bin ich Motorsport-Fotograf. Im Sommer gehe ich jedes zweite Wochenende auf die klassischen Autorennen. Dann gibt es die ganzen Firmen. Ich habe eine Frau und drei Kinder, die wollen auch etwas von mir. Dazu nimmt das Lebenstempo zu. Was früher vom Gefühl her ein Monat war, ist heute ein Tag. Aus diesem Grund würde ich mein Leben ganz gerne entschleunigen, aber ich kann es noch nicht. Irgendwie bin ich getrieben. Eigentlich ist das falsch.“ Oder auch nicht. Wenn es nach den Vinyl-Fans in der Stadt und darüber hinaus geht, ist es sogar absolut richtig.

Text: Thomas Weiland

Fotos Dodo Beach: © Peter Engelke

Dodo Beach, Schöneberg, Vorbergstraße 8, Tel. 78 09 98 76, Mo–Fr 10–20 Uhr, Sa 11–20 Uhr

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