Filmfestival

Neue deutsche Kinofilme beim Filmfest München 2016

„Gib mir Deine Hand! … Gib Deine Hand her!“ Ungeduldig herrscht die Mutter den Buben an, der zögerlich gehorcht und seine Hand ausstreckt. Und dann macht die Mutter mit der Hand ihres Sohnes Sachen, die eine Mutter nicht machen sollte, jedenfalls nicht mit der Hand ihres Sohnes.

Wolfi (Hans-Jochen Wagner), Viktor (Samuel Finzi) und Martin (Marc Hosemann, v.li.n.re.) in "Affenkönig" von Oliver Rihs
Foto: Port Au Prince

Über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Mütter wird ebenso ungern und wenig geredet wie über Frauen, die ihre Partner schlagen. Über letztere hat Jan Bonny 2007 den Film „Gegenüber“ gedreht, ersteren nähert sich Florian Eichinger mit dem subtilen Familiendrama „Die Hände meiner Mutter“, das beim diesjährigen Filmfest in München mit dem renommierten Förderpreis Neues Deutsches Kino in der Kategorie Regie ausgezeichnet wurde. Nach „Bergfest“ (2008) und „Nordstrand“ (2013) ist „Die Hände meiner Mutter“ der dritte, jeweils nach eigenem Drehbuch entstandene Kinospielfilm des 1971 in Ludwigsburg geborenen Eichinger und zugleich der abschließende Teil einer Trilogie zum Thema Familiengewalt. Andreas Döhler, der für seine beeindruckende Leistung den Preis in der Kategorie Schauspiel erhielt, hat darin die (Haupt-)Rolle des 39-jährigen Ingenieurs Markus übernommen, den während eines großen Familienfestes mit einem Male die Wiederkehr des Verdrängten in Form der Erinnerung an den Missbrauch durch die Mutter heimsucht. Seismografisch genau und bis in die feinsten Verästelungen folgt Eichingers sichere Inszenierung nun den Erschütterungen, die dieses Ereignis familienweit nach sich zieht; kein Gute-Laune-Film, aber einer, den’s braucht und ein verdienter Preisträger.

Lauthals dreckig lachen darf man dafür in Oliver Rihs Krawallkomödie „Der Affenkönig“, in der Großmaul Wolfi seine alten Jugendfreunde plus Frauen und Kinder zu einem exzessiven Party-Wochenende unter dem Motto „kontinuierlich beschleunigende Eskalation“ in die Provence einlädt. Die Gäste – und mit ihnen die Besetzung, etwa Hans-Jochen Wagner, Oliver Korittke und Jule Böwe – lassen sich nicht lumpen, und bald schon erleidet Samuel Finzi in der Rolle eines Ex-Alkis und Abgeordneten einen Rückfall und rast als CrystalMeth-Granate durch die Szene. Da bleibt kein Stein mehr auf dem anderen und kein Auge trocken. Wie Rihs großartige Berlin-Satire „Schwarze Schafe“ von 2006 ist auch „Der Affenkönig“ keine Minute langweilig, aber dafür viele Minuten lang unglaublich und haarsträubend – ein Highlight für Freunde des grenzwertigen Witzes.

Apropos Grenze: Zwischen selbstironisch frech und schwer daneben rangiert Olaf Kraemers „5 Frauen“, eine gekonnte Variation auf den Rape-Revenge-Film, die leider an tendenziell banalen Dialogen krankt. Was sich wiederum von der Kommunikation, die Luise Brinkmanns „Beat Beat Heart“ vorantreibt, keineswegs behaupten lässt. Dabei kategorisiert die Filmemacherin ihren Abschlussfilm an der IFS Köln gleich selbst mit den Begriffen „German Mumblecore“ und „Improvisationsromantik“. Bei so manchen läuten da die Alarmglocken, Brinkmann aber hat die Hauptrolle der an Liebeskummer leidenden Kerstin mit der furiosen Improvisationsschauspielerin Lana Cooper besetzt, die ja bereits 2013 in „Love Steaks“ von Jakob Lass für Aufsehen gesorgt hat. Mit Cooper im Zentrum wird aus diesem Film über gemischte Gefühle während unklarer Bindungsstadien eine herausragende Studie liebender Seelen in Umbruchsphasen. Ein wunderbar zärtlicher und warmherziger Film, der der Jury lediglich eine lobende Erwähnung wert war.

Die Auszeichnung für die beste Produktion ging an Soleen Yusefs Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg „Haus ohne Dach“. Darin verarbeitet die aus dem kurdischen Teil des Irak stammende Filmemacherin eigene Kriegs- und Fluchterfahrungen, musste während der Dreharbeiten jedoch unmittelbar auf die immer bedrohlicher werdende Lage in der Region um die Stadt Mossul reagieren, was dem Film die Anmutung von Authentizität wie Dringlichkeit gleichermaßen verleiht.

Dringlichkeit bestimmt auch „Dinky Sinky“, Mareille Kleins Abschlussfilm an der HFF München, der mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde und vom unbedingten Kinderwunsch der 36-jährigen Frida erzählt. Ein Großprojekt mit rasch näher kommender Deadline, dessen Realisierung am dafür nötigen, nur leider fehlenden Mann zu scheitern droht. Eine Gelegenheit zur Bestandaufnahme moderner Beziehungsweisen, die Klein ergreift und nutzt.

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