Fair Trade

Neue Goldstandards

Transparenz von der Mine bis nach Berlin-Mitte: Immer mehr Berliner Goldschmiede benutzen Fairtrade-Gold. Und auch die Kunden wollen mit gutem Gewissen Geschmeide tragen, besonders bei Eheringen

Der bekannteste Ring ist wahrscheinlich immer noch der, mit dem Tolkiens Sauron einst die Menschheit auszulöschen drohte. Golden schimmernd ließ er die Augen der Betrachter zunächst aufleuchten, bevor dann die bekannten Probleme einsetzten.

Zumindest dieses Leuchten hat dieser fiktive Ring mit den meisten realen Schmuckstücken gemeinsam, die glänzenden Oberflächen täuschen aber auch in der Wirklichkeit oft über darunter verborgene Probleme hinweg – denn da wäre sonst einiges zu sehen: Von den Lebensbedingungen der Minenarbeiter, die für das Edelmetall geschuftet haben, bis hin zu den Verwüstungen in der Natur, der es unter Einsatz von hochtoxischen Chemikalien abgepresst wurde.

„Bei kaum einem anderen Produkt“, sagt Großhändler Florian Harkort, der ausschließlich fair gehandeltes Gold vertreibt, „ist das Gefälle zwischen fertigem Luxusprodukt und den erbärmlichen Arbeitsbedingungen, unter denen es gewonnen wird, so krass.“ Der Agrarwissenschaftler und frühere Entwicklungshelfer, der sich unter anderem in Äthiopien mit Wertschöpfungsketten beschäftigt hat, hat daher 2015 das Unternehmen „Traid Gold“ mit Sitz in der Friedrichstraße gegründet, und beliefert mittlerweile über 200 Juweliere in Deutschland und Europa mit Fairtrade- und Fairmined-zertifiziertem Gold von Kleinbergbau-Kooperativen in Peru, Kolumbien oder der Mongolei.

Die müssen ihrerseits dafür ständig überprüfbare hohe Sozial – und Umweltstandards einhalten, bekommen aber im Gegenzug rund 98 Prozent des Weltmarktpreises zuzüglich einer Prämie von 2.000 bis 6.000 Dollar je Kilogramm für Gemeinschaftsprojekte im Bereich Bildung oder Gesundheit. Gerade für Kleinbetriebe ist das interessant, denn sie erhalten sonst nur zwischen 30 und 60 Prozent. Der Rest versickert in den unübersichtlichen Lieferketten auf dem langen Weg in die westliche Konsumwelt. Durch die kontrollierte Transparenz verteuert sich das Edelmetall um zirka 20 Prozent, und falls dann noch, wie in der Mongolei, aufwendigere mechanische Gewinnungstechniken anstatt Quecksilber oder Zyanid zum Einsatz kommen, auch schon mal um 30 Prozent. „Wenn man die Menschen von umweltzerstörenden Techniken abbringen will, muss man etwas anderes dafür anbieten, und auch das macht sich im Preis bemerkbar“, sagt Florian Harkort.

Für Jonas Buck, einen von Harkorts Kunden, führt trotzdem kein Weg an solch zertifiziertem Gold vorbei: „Wir wollten nicht im Ungewissen sein, was wir verarbeiten.“ Der Produktdesigner und seine Partnerin Johanna Schoemaker, ebenfalls Designerin und zusätzlich Goldschmiedin, betreiben mit Quite Quiet in der Auguststraße seit 2016 einen Laden, der äußerlich an eine Mitte-Galerie erinnert und innen klar gestalteten, modernen Schmuck zeigt. Sie hätten lange überlegt, ob sie Fairtrade in den Vordergrund rücken oder den Schwerpunkt aufs Design ­legen sollen, sagt Jonas Buck: „Bei uns ist es jetzt so, dass die Kunden meist zunächst ‚Wowʻ zum Schmuck an sich sagen und dann ein interessiertes ‚Ahaʻ nachschieben, wenn wir was zum Hintergrund des Materials sagen.“ Das kann sich neben dem Gold auch auf das von Buck und Schoemaker verwendete recycelte Silber oder die synthetisch hergestellten Edelsteine beziehen.

Es ist davon auszugehen, dass sich solche Aha-Erlebnisse in nächster Zeit in Goldschmieden häufen werden, auch wenn die zurzeit 200 Kilo Fairtrade-Gold jährlich immer noch einer herkömmlich gewonnenen Menge von fast 3 Millionen Kilo gegenüberstehen. Aber es ist ziemlich sicher, dass auch im höherpreisigen Schmucksegment eine kritische Käufergeneration heranwächst, die nicht nur wissen will, wo ihr Steak und ihr Wollmantel herkommen, sondern auch, woher das Material für den Ring stammt, für den sie gerade mehrere hundert Euro ausgeben wollen – vor allem, wenn es sich dann auch noch um ein emotional aufgeladenes Stück wie einen Trauring han-delt. Denn gerade in diesem sensiblen Bereich will man sich kein schlechtes Karma einhandeln. Entsprechend gibt es schon seit Jahren eine große Fairtrade-Nachfrage bei Eheringen, wie Goldschmiedin Stefanie Holtz bestätigt. Sie betreibt seit 2015 die erste komplett zertifizierte Berliner Schmiede Oronda und beschäftigt sich schon seit 20 Jahren mit den Alternativen ihrer Branche zum Ausbeuter-Gold. Und das wären doch so einige: „Es gibt neben Fairtrade-Gold auch noch Edergold, also Kiesgold aus Deutschland, und natürlich gerade im Goldbereich recyceltes Material, sowie beim sehr schwierigen Thema Edelsteine auch solche mit Herkunftsnachweis aus Minen in Australien oder Kanada.“

Allerdings scheiden sich beim Thema Edelsteine die nachhaltigen Geister. Produkt­designer Jonas Buck verzichtet ganz bewusst auf die Natursteine und wirbt für hochwertige synthetische Steine, die im Gegensatz zu Gold keinen Qualitätsunterschied zum Original darstellen. Auch wenn die Arbeitsbedingungen in Australien oder Kanada deutlich besser als anderswo seien: „Für die Natur ist die Gewinnung trotzdem immer eine Tortur.“

Juweliere und Designer (Auswahl)

Quite Quiet, Auguststr. 74, Mitte
Oronda, Gotenstr. 21, Schöneberg
The Fair Traders, Schmuckgalerie, Dickhardtstr. 60, Schöneberg
Traid Gold, Großhandel mit kleinen Goldbarren – und Münzensortiment für Privatkunden www.traidgold.com

Vereinigung nachhaltiger Goldschmiede: www.zukunftsgoldschmie.de
Goldbergbau und seine Folgen, Büro für Umwelt­geologie: www.siepelmeyer.com

 

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]