Theater und Bühne in Berlin

Neustart am Maxim Gorki Theater

Mit dem Beginn der Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje erfindet sich das Maxim Gorki Theater neu:

taner_sahintuerk_c_EsraRotthoffAls Bühne mit dezidiert postmigratischem Programm, als Theater mit einem Ensemble, in dem viele Schauspieler keine deutschen Eltern haben: Das Theater nimmt ernst, dass wir längst in einem Land vieler kultureller Identitäten leben. Hillje und Langhoff haben, Dank der Zögerlichkeit der Kulturverwaltung extrem kurzer Vorbereitungszeit, eine beeindruckende Mannschaft um sich versammelt. Die Dramatikerin Marianna Salzmann, deren Stück „Muttersprache Mameloschn“ (zu sehen am Deutschen Theater) zu den Entdeckungen der letzen Saison gehört, wird das Gorki Studio leiten. Hausregisseure sind Nurkan Erpulat, Yael Ronen und Sebastian Nübling – Regisseure, die schon erfolgreich an wesentlich größeren Theatern gearbeitet haben. Als Gastregisseure konnte das neue Gorki u.a. Falk Richter und Sebastian Baumgarten gewinnen. Wir sind gespannt. 

„ICH HABE KEINE ANGST“

Neues Theater, neues Ensemble: Einer der Schauspieler am neuen Maxim Gorki Theater, auf den man sich freuen kann, ist Taner Sahintürk – wir haben ihn getroffen.

Das Gespräch mit Taner Sahintürk fängt schon mal gut an. Nämlich mit der Frage, wie sein Nachname eigentlich genau ausgesprochen wird. Man will es sich mit dem neuen Gorki-Ensemble ja nicht gleich zum Start verscherzen. Also: Leicht verklemmte Höflichkeitsfrage nach der korrekten Aussprache, entspannte Antwort: Taner Sahintürk, 35, Sohn türkischer Eltern, ist es gewohnt, dass sein Name sehr deutsch, also für türkische Ohren eher krude ausgesprochen wird. Und es ist ihm ziemlich egal: „Ich komme aus dem Ruhrgebiet, da reden alle so.“ Kein Grund, beleidigt zu sein.

Breites Lachen, sehr aufmerksamer Blick, komplett unneurotische Reaktion auf die leicht klemmige Reporterfrage. Es sieht so aus, als würde sich Taner Sahintürk hier im Hof des Maxim Gorki Theaters gerade ziemlich wohl fühlen. Der Schauspieler ist neu in Berlin, er gehört zum Ensemble, das Shermin Langhoff und Jens Hillje ans Gorki Theater engagiert haben, und Sahintürk ist nicht der einzige Name im Gorki-Ensemble, dessen Aussprache deutsche Provinzler noch üben müssen.

Das neue Gorki in der Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje kann man als Fortsetzung des Ballhaus Naunynstrasse verstehen, an dem Shermin Langhoff in den vergangenen Jahren unter dem marketingbewusst geprägten Label eines „postmigrantischen Theaters“ dafür gesorgt hat, dass das Theater zumindest an einem Ort etwa so vielfältig ist wie der Rest der Gesellschaft. Und nicht so eindimensional deutsch wie an vielen anderen Bühnen. Klar, das Label war ein cleveres Selbstmarketinginstrument und Karrierevehikel. Nicht jede Aufführung am Ballhaus Naunynstrasse war so bedeutend wie der Wind, der darum gemacht wurde.

Und Nurkan Erpulats mit Theatertreffen-Ehren geadelte Erfolgsinszenierung „Verrücktes Blut“ wäre woanders vielleicht eher als intelligentes Kabarett abgehakt und nicht unbedingt als bemerkenswertes Theaterkunstwerk bestaunt worden. Aber alles, was man gegen diese Marketingspiele sagen kann, ist natürlich, auch wenn es stimmt, irrelevant: Unübersehbare Wirkung entfalten konnte das Label eines „postmigrantischen Theaters“ nur, weil es ganz offensichtlich auf Defizite des sehr deutschen Theaterbetriebs reagierte und diese Defizite eigentlich erst so richtig in aller Peinlichkeit sichtbar machte. Allein dafür hat sich die Neugründung des Ballhaus Naunynstrasse gelohnt.
Das neue Gorki-Theater, ein paar Dimensionen größer als die Kreuzberger Hinterhofbühne, ist unter anderem der Test, was es bedeutet, an einem kleinen Staatstheater aus dezidiert postmigrantischer Sicht über Identität, Heimat, Fremdheiten, soziale Konflikte nachzudenken. Wie verändert diese Öffnung das Theater, den Blick auf einzelne Stücke, die Zusammensetzung des Publikums?

Wer Taner Sahintürk mal auf der Bühne erlebt hat, zum Beispiel in Nurkan Erpulats Düsseldorfer „Kasimir und Karoline“-Inszenierung, freut sich darauf, ihn jetzt öfter in Berlin zu sehen. Der eher kleine, höfliche und auf entspannte Weise vorsichtige Mann ist als Schauspieler ein nicht zu unterschätzendes Kaliber. Als kleinkrimineller Merkl­franz in Horvбths „Kasimir und Karoline“ zum Beispiel demontiert er präzise alle Sozialkitschbedürfnisse eines gutbürgerlichen Publikums, das gerne etwas Gratis-Mitleid mit Horvбths Prekariats-Verlierern genießen würde. Sahintürks Merklfranz ist gefährlich, latent gewalttätig und nicht an Sentimentalitäten interessiert. Dass das Prekariat nicht allzu nette Gefühle für das Besserverdiener-Milieu im Zuschauerraum übrig hat, dass, wer sein Leben lang mies behandelt wurde, nicht unbedingt ein übertrieben freundlicher Mensch wird, dass jemand wie Merklfranz gelernt hat, dass er seine Würde am zuverlässigsten mit dem Faustrecht verteidigt und keine Gewalt in seiner Lage auch keine Lösung ist, das spielt Sahintürk mit beängstigender, völlig klischeefreier Härte und Genauigkeit.

Die beim sogenannten Postmigranten-Theater gerne bemühte Unterstellung, es handle sich dabei eher um eine Art gut gemeinte Integrationsmaßnahme als um Kunst, fegt Sahintürk sehr selbstverständlich und beiläufig beiseite: Was er macht, ist ohne Frage ziemlich gutes Theater. Kein Wunder, dass er alle nahe liegenden Reporter-Pflichtfragen zum Gorki-Neustart und zum Postmigrantentum im Theater mit einem freundlichen Schulterzucken kontert: „Ich habe mit Shermin vor allem über Theater geredet, und das waren sehr gute Gespräche. Ich brauche die Label nicht. Ich bin für Zulassen, nicht für Zuordnen.“

Weiterlesen: Gorki-Chefin Shermin Langhoff über das Abenteuer des Neustarts

In der Eröffnungspremiere, Tschechows „Kirschgarten“, wieder eine Inszenierung von Nurkan Erpulat, spielt Taner Sahintürk den Aufsteiger Lopachin, ein Kaufmann, der anders als die verwöhnten, verarmten Upperclass-Gutsbesitzer die harten Gesetze der Ökonomie verstanden hat, und trotzdem unter seiner Herkunft aus kleinen Verhältnissen leidet. „Erpulat wirft immer sehr viele Fragen auf, nicht unbedingt um sie zu beantworten, er stellt einfach Fragen“, sagt Sahintürk über den Regisseur. „Bei Tschechow arbeiten wir sehr mit dem, was zwischen den Zeilen steht.“ Man könnte bei Lopachin vielleicht Parallelen zu Aufsteigern aus der zweiten, dritten Migrantengeneration sehen, aber solche platten Thesenhaftigkeiten interessieren Sahintürk nicht: Er spielt Figuren, keine Parolen.

Dass er lieber über Theater als über Postmigranten-Thesen redet, hat vielleicht auch mit seiner Theaterbiografie zu tun. In den fünf Jahren am Nationaltheater Mannheim, wo er nach der Stuttgarter Schauspielschule als Berufsanfänger engagiert war, und in den darauf folgenden zwei Jahren am Schauspiel Düsseldorf, hatte er mit Regisseuren zu tun, die ihn als starken Spieler schätzten. Und ihn  nicht als Klischee-Türken benutzten. Etwas andere Erfahrungen hat er bei Fernseh-Jobs gemacht, wo sehr gerne klischeenah gecastet wird. Eine Rolle in einer Serie hat er genau deshalb abgelehnt: Er sollte den TV-üblichen kleinkriminellen Kanaken, am besten mit Akzent, spielen. Und das war Taner Sahintürk dann doch etwas zu blöd.

Aber natürlich weiß er auch, dass das Theater Nachholbedarf bei der Öffnung in eine schon lange nicht mehr einfach nur deutsche Gesellschaft hat. Sein Vergleich ist einfach: Wie im Fußball sollte im Theater die Herkunft der Spieler egal sein. Von Fußball versteht Sahintürk etwas. Bevor er an die Schauspielschule ging, spielte er mit der Perspektive, Profi zu werden, beim Nachwuchs von Schalke 04. Seine Antwort, weshalb er Schauspieler wurde, ist denn auch schlagend: Weil es mit der Fußballerkarriere nicht geklappt hat.
Und jetzt? „Ich bin froh, jetzt in Berlin Theater zu spielen. Vielleicht kann man hier ja auch andere Leute erreichen als das Abonnenten-Publikum an den Theatern, an denen ich bisher war. Das finde ich erst mal sehr spannend.“ Dass Berlin als eher raue Theaterstadt gilt, dass das Gorki ein kleines Haus zwischen einigen deutlich größeren Bühnen ist, macht ihn offenbar keine Sekunde nervös: „Ich habe keine Angst.“ Beste Bedingungen für einen guten Start.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Esra Rotthoff

Maxim Gorki Theater – die ersten Premieren

Der Kirschgarten von Anton Tschechow, Regie: Nurkan Erpulat, Fr 15., Di 19.11., 19.30 Uhr

Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa, Regie: Yael Ronen, Sa 16., Mi 29.11., 19.30 Uhr

Schwimmen lernen von Marianna Salzmann, Regie: Hakan Savas Mican, im Studio, 17.–19.11., 20.30 Uhr

Verrücktes Blut von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, Regie: Nurkan Erpulat, Fr 22.11., 19.30 Uhr  

Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen von Sibylle Berg, Regie: Sebastian Nübling, Sa 23., Fr 29.11., 19.30 Uhr

Morning von Simon Stephens, Regie: Sebastian Nübling, Gastspiel, So 24.11., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15 

 

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