Musik & Party in Berlin

„New Orleans – The Sound Of A City“ im Station Berlin

Die einmonatige Ausstellung will mehr als nur den Tourismus anheizen: ?Es geht um das Bewahren einer Kultur.

New Orleans

Mal eben nach New Orleans jetten und den Bierbauch durch die Bourbon Street schieben? Viele Amerikaner machen genau das. Das French Quarter von New Orleans ist das, was für Frankfurt Sachsenhausen und für Austin, Texas die Sixth Street ist: endlose Tresen und aus allen Löchern Musik. Und doch gibt es einen gravierenden Unterschied. Wer hier flaniert, flaniert auf historischem, ja heiligem Boden. Hier ist die Geburtsstätte der Weltsprache Jazz, 85 Prozent der ersten Generation kamen aus New Orleans und wollten es nie verlassen.
„A family affair“ nannte es einst Louis Armstrong. Bis der berühmteste Trauermarsch der Jazzgeschichte angestoßen wurde: Als 1917 der Rotlichtbezirk Storyville als schlechter Einfluss auf die Bevölkerung gebrandmarkt und geschlossen wurde, versammelten sich die Jazzmusiker der Stadt, um zu „Nearer My God To Thee“ die Freiheit zu Grabe zu tragen. Um auch zukünftig überleben zu können, mussten sie New Orleans verlassen – der Jazz eroberte die Welt. Um anschließend mit Macht zurückzukommen: „In New Orleans verbinden wir das Tragische mit dem Schönen. Wir umarmen die Gemeinschaft und tragen die Tradition im Herzen“, sagt Ben Jaffe von der Preservation Hall, der in zweiter Generation mit seiner Jazzband das Erbe bewahrt und frisch hält. Das French Quarter ist längst ein wichtiger Wirtschaftsmotor der großflächigen, jenseits der Traditionsbauten modernen und mit allen bekannten Problemen behafteten Großstadt New Orleans. Bedingt durch die geografische Lage am Mississippi Delta und dem Golf von Mexico ist die Vielfalt der Kulturen hier traditionell einzigartig.
New OrleansÜber die Meere kamen Stämme, Rassen und Religionen, Auswanderer, Abenteurer und Verbrecher, das Verhältnis zur Obrigkeit war konfliktreich und ist heute nur mit größtmöglicher Liberalität zu bewerkstelligen.
Das Gebräu aus Voodookult, Marching Bands, Cajuns und Zydecos, den imposanten Louisiana-Indianern und den Königinnen und Königen der geschlechtlich eher uneindeutigen Halbwelten findet alljährlich im Mardi Gras seinen Höhepunkt, dem weltberühmten Faschingszug als Demonstration der Ausgelassenheit und Musikalität, der Tausende Touristen anlockt. Hier die Balance zu halten zwischen Ausverkauf und Bewahrung einer einzigartigen Kultur ist oberstes Anliegen der Community.
„New Orleans – The Sound Of A City“ dokumentiert auf über 500 Quadratmetern Ausstellungsfläche diese vitale, infizierende Szene anhand zahlreicher Fotografien von Konzerten, Jazz Funerals und Momentaufnahmen aus den zahllosen Clubs.
Originalexponate von Kostümen, Kulissen und Instrumenten geben einen Eindruck der Sorgfalt und Liebe, die in die Pflege der Tradition gesteckt werden, Tonaufnahmen und Filmausschnitte zeigen die unvergleichliche Atmosphäre in den Straßen und im Miteinander der Menschen. Und Gäste wie der Mardi-Gras-Indian-Chief Shaka Zulu und die Dragqueen Big Freedia „The Queen Diva“ geben einen kleinen Eindruck der Vielfalt durch ihre Performances.
New OrleansDie Community von New Orleans wurde 2005 durch den Hurrikan Katrina auf ihre bisher härteste Probe gestellt, auch das ist Inhalt der Exponate. Allen Toussaint, neben Dr. John einer der „elder statesmen“ der Jazz- und R&B-Szene, weigert sich bis heute, dieses desaströse Ereignis negativ zu sehen: „Was für eine große Chance, Dinge neu aufzubauen und Aufgaben zu bekommen, die wir ohne Katrina nie hätten.“ Die Fernsehserie „Tremй“, die nur vier Jahre nach der Katastrophe startete, thematisierte das Überleben der Menschen an Originalschauplätzen, zeigte Musiker, Köche und Priester, wie sie mit dem Wiederaufbau kämpften, gab zahllosen gefährdeten lokalen Existenzen Lohn und Brot und wurde mit vier Staffeln zu einem großen Erfolg.
Kultur und Tradition sind in New Orleans kein „Gedöns“, hipper Lifestyle oder gar Luxus, sondern Motor des Lebens und konkretes Mittel, um Probleme zu meistern. Und dieser Spirit ist nicht auf den Jazz oder R&B reduziert. Wer einmal den unvergleichlichen Geschmack von Black Gumbo getestet hat, Teil der exotischen Küche Louisianas, wird ihn nie wieder los. Der Produzent Daniel Lanois sagt ganz klar: Große Alben wie „Yellow Moon“ von den Neville Brothers und „Oh Mercy“ von Bob Dylan konnten nur hier entstehen. Und für Newcomer- Rock’n’Roller und Fats-Domino-Fan JD McPherson steht fest, daß die Professor-Longhair-Hymne „Go To The Mardi Gras“ in ihrer swampy Trance-Verrücktheit von einem anderen Planeten kommen muss.

Text: Christine Heise

Foto oben: Michael P. Smith @ The Historic New Orleans Collection

Foto mittig: ©Clemens Gubernath

Foto unten: Unbekannt

New Orleans – The Sound Of A City, Station-Berlin, Luckenwalder Str. 4-6, Kreuzberg, 27.3.–26.4., Mo–Do, So 10–19 Uhr, Fr+Sa 10–20 Uhr, ?Eintritt 7/5 Euro (erm.)