Theater und Bühne in Berlin

Nicht jugendfrei: Das „12-Spartenhaus“ im Prater

Der gefürchtete Exzess-Regisseur Vinge errichtet im Prater sein "12-Spartenhaus". Peter Laudenbach hat das Stück zwei Mal besucht, hier lesen Sie beide Versionen.

12SpartenhausRezension Nummer 1

Herr Vinge ist berüchtigt für seinen Regie-Stil, den exzessiv und ausschweifend zu nennen eine grobe Untertreibung wäre. Im vergangenen Jahr hat er mit seinem zwölfstündigen „John Gabriel Borkman“ im Prater nichts ausgelassen, Analsex auf der Bühne und Spiele mit Kot und Urin inklusive. Was aber nicht im schnell verpuffenden Schock-Moment stecken bleibt, sondern erst interessant und prompt mit Theatertreffen-Ehren geadelt wurde, weil Vinge seine freilaufenden Grenzüberschreitungen immer wieder an Ibsens Stück und seine kleine Bürgerwelt mit ihren Verdrängungen koppelt.

Auch das „12-Spartenhaus“, das neue Prater-Projekt des Schock-Performers aus Norwegen, verspricht, sich nicht unbedingt an die Spielregeln des deutschen Stadttheaters zu halten. Als Spieldauer ist ein Zeitraum von „bis zu 12 Stunden“ angedroht, der Zutritt ist erst „ab 18 Jahren“ gesta ttet. Volksbühnen-Mitarbeiter berichten im Vorfeld, dass in den vergangenen drei Monaten der gesamte Prater in ein Vinge-Labyrinth, eine psychedelische Groß-Installation umgebaut wurde. Man konnte also auf einiges gefasst sein, als man sich am Tag der Premiere, die keine Premiere, sondern höchstens die erste kleine Show-Einheit eines wuchernden Work-in-Progress war, am Prater einfand, innerlich darauf vor­bereitet, sich in den kommenden Stunden vom Theaterfürsten der Finsternis in andere Dimensionen schießen zu lassen. Daraus wurde nichts. Vinge pflegt zu seinem Publikum ein durchaus sadistisches Verhältnis.

Das Prater-Foyer ist in eine dunkle Höhle umgebaut, in der sich große Monitore wie Fenster in eine andere Welt öffnen. Mehr als das Foyer bekommen wir an diesem Abend nicht zu sehen. Die in der ersten Stunde immer wieder wie manisch-depressive Klagesänge ertönenden Rufe machen klar, um welchen am Theater beteiligten Personenkreis es in dieser ersten Lektion der Vinge-Ringvorlesung geht: „Das Publikum! Das Publikum! Das Publikum!“ Es klingt, als wären wir im ersten Kreis der Hölle angekommen. Um was es in Vinges Theater geht, ahnt man, als aus den hinteren, kaum einsehbaren Höhlenbereichen eine OP-Szene auf die Monitore übertragen wird. Ein maskierter Performer (Vinge? Ein Wiedergänger Artauds? Ein Gespenst des Rippers?) zieht in Endlosschleife Innereien aus einer weit geöffneten Bauchhöhle, um sie gleich wieder in den Leib zu stopfen. Auch eine Möglichkeit, Innerlichkeit im Theater zu definieren. Später sieht man noch einen Dirigenten, einen offenkundig wahnsinnigen Theaterverwaltungsmitarbeiter, einen Gitarristen, alle mit Vaudeville-Masken.

Aber ins eigentliche Theater kommt man an diesem Abend noch nicht, die Türen sind verschlossen, ein beeindruckender Gorilla verwehrt uns den Zugang wie ein unbarmherziger Engel, der den Eingang zum Paradies (oder zum Vinge-Purgatorium) bewacht. Jetzt sind wir gespannt, wie das Spiel in den nächsten Wochen weiter geht.


tip-Bewertung: Zwiespältig

 

Rezension Nummer 2: Was soll das heißen?! Was soll das heißen?!

Die gute Nachricht vorweg: Vegard Vinge schmeißt wieder mit Kot um sich, die Performancewelt ist also in bester Ordnung. Bei der nach nur vier Stunden lustlos abgebrochenen Premiere von Ida Müllers (Bühne) und Vegard Vinges (Regie und Performance) „12-Spartenhaus“ im Prater hatte man schon befürchtet, ihr neues Werk hätte nicht ganz das Durchdreh-Potenzial ihrer im vergangenen Jahr mit Theatertreffen-Ehren geadelten, bis zu zwölf Stunden währenden Show „John Gabriel Borkman“. Dass Vinge gerne mal auf der Bühne uriniert oder Analsex mit seinem Darsteller Volker Spengler praktiziert, wäre nicht weiter interessant, wenn er jenseits der Exzess-Spiele in „Borkman“ nicht so eine zwingende Bühnenästhetik entwickelt hätte. Bühne, Kostüme und Masken erzeugen eine Komplettkünstlichkeit, in der die Darsteller wie Vaudeville-Figuren in einem psychedelischen Animationsfilm agieren. Vinges frei laufende Ausraster sind von dieser perfekt durchstilisierten Form gerahmt. Sie wirken wie das stellvertretende Ausagieren mühsam kontrollierter psychischer Konflikte. In seiner Penetranz, den endlosen Wiederholungsschleifen, dem offensiven Desinteresse an sauber erzählten Geschichten entwickelt das beträchtliche Sogwirkung und Komik.

Für das „12-Spartenhaus“ haben Müller und Vinge ihre Stilmittel beibehalten und den kompletten Prater umgebaut. Bis jetzt muss das Publikum draußen im Foyer bleiben, aber das kann sich im Lauf der folgenden Vinge-Monate ja noch ändern. Die Aufführungsserie, sehr frei an Ibsens „Volksfeind“ angelehnt, ist ein Work in Progress, das von Vorstellung zu Vorstellung neue Blüten treibt. Inzwischen hat sich Vinge warmgelaufen, in guten Nächten kommt er wieder auf sein Zwölf-Stunden-Level. Aber noch immer darf das Publikum nur durch die verschlossenen Glastüren auf den roten Teppich blicken, der ins Theaterinnere führt.

Auf große Monitore wird das Geschehen im Inneren ins Foyer übertragen, aber auch das folgt natürlich keiner anderen Logik als der der Launen des Prater-Diktators Vinge. Mal darf man zusehen, wie ein blutüberströmter Volker Spengler eine Puppe gebärt, mal erschießt Vinge in Wiederholungsschleifen einen Pianisten oder Witzfiguren von der Presse. Mal zerdeppert er ausgiebig weiße Plastikstühle oder zerrt zwei Tänzerinnen, die bis zur Bewusstlosigkeit endlos lang ihre Pirouetten drehten, an den Beinen in den Müllcontainer im Hof hinter dem Theater. Sehr schön ist auch das kleine Orchester im Saal. Es lässt Wagner dröhnen oder übt sich ausgiebig in Trommelwirbeln, während ein Herr im Parkett, vermutlich ein Kritiker, immer wieder ruft: „Was soll das heißen?! Was soll das heißen?!“ Aber das ist ja gerade der Witz: Vinges Show will gar nichts heißen.   

Text: Peter Laudenbach
Foto: William Minke

 

12-Spartenhaus: Termine
im Prater der Volksbühne
Kartentel: 24 06 57 77

 

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