West-Berliner Subkultur der 80er-Jahre

Nick Cave in West-Berlin. „Ich weiß gar nicht, ob Nick jemals einkaufen war, er hat eh nicht viel gegessen“

In den frühen 1980er-Jahren kam er erstmals nach West-Berlin. Er war sofort von der Musikerszene beeindruckt und zog von seinem damaligen Wohnort London in die Mauerstadt. Die meiste Zeit lebte er in dem Kreuzberger Loft von Christoph Dreher. Eine Erinnerung

Nick Cave, Loft (1984), Foto: Anno Dittmer

Die erste Tour durch Deutschland, die wir 1982 mit Die Haut gemacht haben, war als Support für The Birthday Party, Nick Caves damalige Band. Nach der Tour sind sie nach Berlin mitgekommen, und wir haben ihnen die Stadt gezeigt. Zu der Zeit lebten Nick und die anderen in London, vielmehr vegetierten sie, wie sie sagten – sie wohnten in richtigen Löchern, einsam und verstreut, und waren mit dem Londoner Musikermilieu unglücklich, wo alle nur ihre Musik in den Charts haben und Stars werden wollten. Ich hatte damals zusammen mit einem Freund ein ziemlich großes Loft in Kreuzberg, in der Dresdner Straße, günstige Miete, mit Zentralheizung und Dusche, das sie beeindruckte.

Mit Nick bin ich dann los, Freunde besuchen. Die Einstürzenden Neubauten machten zu der Zeit Aufnahmen bei uns um die Ecke, und als wir dort ankamen, lag da ein halbes Schwein herum, auf dem FM Einheit getrommelt hat, während Blixa Bargeld mit Fäusten seinen nackten Oberkörper bearbeitete. Nick war sofort von Blixa eingenommen, überhaupt von den Neubauten, und er schätze sehr die innovative, eigenständige und kooperative Haltung dieser Gruppe von Bands, zu der außer Neubauten und Die Haut etwa auch Malaria oder Liaisons Dangereuses gehörten, sowie die geringe Bereitschaft dieser und anderer Bands, unbedingt dem Publikum gefallen zu wollen. Sie hatten eher eine konfrontative und experimentelle Haltung, die den Leuten etwas abverlangt hat. So bekamen Nick und die anderen Kontakt zu den Berlinern, für kurze Zeit wohnte die ganze Band bei uns, aber bald kamen alle irgendwo anders unter, nur Nick blieb und wohnte in den kommenden Jahren immer wieder bei mir in einem Raum, der eigentlich mein Büro war. Die Pin-ups, die flächendeckend die Wände zierten, waren allerdings von ihm.

Er war ein sehr angenehmer Mitbewohner, zurückhaltend und freundlich und witzig, und er ist ein äußerst arbeitsamer Mensch. Er schrieb viel, zeichnete, setzte sich ans Klavier. Wir haben dieselben Bücher gelesen und Filme auf VHS-Kassetten angeschaut, x-mal kopierte Kopien von Kopien, Sachen, die es in Deutschland nicht gab. Nick sang dann auf „Burnin’ The Ice“, dem ersten Album von Die Haut. Birthday Party (wie später auch die Bad Seeds) nahmen im Hansa Studio auf, ebenso die Neubauten und auch Die Haut, das Album „Headless Body In Topless Bar“, bei dem Nick wieder dabei war. Wir waren damals alle viel im Hansa (und anderen, kleineren Studios), weil man eben auch die anderen besuchte, wenn sie aufnahmen. Überhaupt passierte ständig etwas, alle paar Tage gab es ein Konzert im Loft oder SO36, und danach ging es im Risiko oder im Ex’n’Pop weiter. Es entstand ein Kontinuum aus Studioarbeit, Tour, Konzerten und Partys, manche machten Filme, saßen im Schneideraum, oder arbeiteten in ihren Ateliers.
Ich weiß gar nicht, ob Nick jemals einkaufen war, er hat eh nicht viel gegessen. Essen war irgendwie kein Thema in der Zeit. Als Blixa mal ein paar Monate bei mir gewohnt hat – heute ist er Gourmet und schreibt Bücher darüber – ernährte er sich hauptsächlich von Milchreis. Speed ist halt nicht unbedingt appetitanregend.

Christoph Dreher, Foto: FA Schaap – Christoph Dreher wurde 1952 in Nürnberg geboren. Er ist Autor, Filmemacher und Musiker. 1980 gründete Dreher die Band Die Haut, mit der er zwölf Alben ­einspielte. Er drehte Musikvideos und zahlreiche Dokumentar­filme, darunter die Reihe „Lost in Music“. Seit 2000 ist er Professor
für audiovisuelle Medien an der Merz Akademie in Stuttgart.

Das Risiko war so eine Art Wohnzimmer von uns, ein Laden, wo man als Musiker umsonst trinken konnte. Heute frage ich mich, wie das funktioniert hat, dass wir in solchen Dimensionen im Risiko oder im Ex’n’Pop frei trinken konnten. Wodka aus Wassergläsern, das war das übliche Ausschankformat. Gepaart mit den Amphetaminen merkte man nicht viel von dem Alkohol, also trank man weiter. Außerdem ging man ab und zu vielleicht noch in zwei, drei andere Läden, aber das war’s auch schon. Außer im Dschungel wurde in diesen Läden nicht getanzt. Und eh galt: Musiker tanzen nicht.

Das für die Subkultur wichtige Moment am West-Berlin der 1980er-Jahre waren die niedrigen Mieten und Stadtteile, die unbegehrt waren und die verfielen. Man musste als Künstler keinen Brotjob machen, und das ist eine entscheidende Bedingung dafür, dass ein interessantes Milieu entsteht, weil dann die Leute nicht viel Geld brauchen. Sie müssen also weder entfremdet arbeiten noch mit ihrer Kunst sofort Geld verdienen und können deshalb künstlerisch radikaler sein. In diesem Sinne könnte man sagen, dass die Stadt einen Einfluss auf sein Werk hatte, aber wenn man es stilistisch oder thematisch meint, dann stimmt das nicht. Angeregt und bereichert wurde er eher durch die Freunde und Kollegen in Berlin und deren Vorstellungen, wie man sich als Band verstehen kann. Und Blixa und unser Schlagzeuger Thomas Wydler spielten schließlich schon bald auch bei den Bad Seeds.

Nick war auch in den späteren 80ern immer wieder hier, die Bad Seeds und auch Nick als Autor waren aber auch viel unterwegs. Als sie in Brasilien gespielt hatten, verliebte sich Nick und zog nach São Paulo, wo er die nächsten Jahre lebte. Ich habe ihn dort besucht, und er hat meine Gastfreundschaft aufs Herzlichste erwidert. Später haben wir mit Die Haut zusammen mit Nick noch eine Brasilien-Tour gemacht. Nick war da schon eine Art adoptierter Nationalheld dort.

Habe ich ihn als Freund und Mitbewohner in Berlin vermisst? Ja, sehr.

Text: Christoph Dreher (protokolliert von Jacek Slaski)

Der Siebdruck von Reinhard Kleist: Nick Cave – Yorckbrücken

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