Theater und Bühne in Berlin

Nina Hoss und Regine Zimmermann über das Ende einer Ära am DT

Rückblick: Nina Hoss und Regine Zimmermann über ihre letzte Vorstellung von "Emilia Galotti" am Deutschen Theater und über acht fette Jahre am DT

Nina_Hosstip Frau Hoss, Frau Zimmermann, Sie spielen am 11. Juli als letzte Vorstellung der Spielzeit, zum al­lerletzten Mal Michael Thalheimers gefeierte Inszenierung „Emilia Galotti“. Gleichzeitig ist es die letzte Vorstellung nach sieben Jahren unter der Intendanz von Bernd Wilms und einer Spielzeit unter Oliver Reese, Wilms früherem Chefdramaturgen, bevor in der kommenden Spielzeit Ulrich Khuon das Deutsche Theater über­nimmt. Sie beide sind die Protagonistinnen der Inszenierung: Frau Zimmermann spielt die Titel­figur, Frau Hoss die Gräfin Orsina. Kommt bei Ihnen vor der letzten Vorstellung Sentimentalität auf?
Nina Hoss Man wird schon ein biss­chen wehmütig. Das war ja eine Produktion, mit der etwas losging.

tip „Emilia Galotti“ war eine der Eröffnungspremieren, mit denen der neue Intendant Bernd Wilms vor acht Jahren in seine erste Spielzeit am Deutschen Theater startete – und der erste große Erfolg einer radikal modernen Insze­nierung am neuen DT.
Hoss Wir hatten später das Gefühl, da hat man etwas gemacht, was Bedeutung hat, etwas Neues, das was auslöst in der Theaterwelt.
tip Heute gilt die Inszenierung als Klassiker des intelligenten Regie-Theaters. Bei der Premiere waren viele Kritiker etwas ratlos. Die „Zeit“ schreibt, das sei der „bizarrste Lessing, den man je gesehen hat“, der Kritiker der „FAZ“ wäre lieber ins Kino gegangen …
Regine Zimmermann Was Thalheimer machte, war auf jeden Fall etwas sehr Neues. Wir hatten alle davor beim Theatertreffen seine großartige Hamburger „Liliom“-Inszenierung gesehen, danach war klar, dass das ein Regisseur ist, mit dem wir gerne arbeiten wollen.
Hoss Ich kam erst nach vier Wochen zu den Proben, ich habe meinen ersten Auftritt ja erst nach 40 Minuten. Ich hörte von den Kollegen immer nur: „Lern den Text gut, du musst ganz schnell sprechen …“ (Gelächter. Hoss zu Regine Zimmer­mann: „Du hast die ganzen Kämpfe von Anfang an miterlebt.“)

tip Was waren das für Kämpfe auf den Proben?
Zimmermann Es ging um die Form, das Tempo, und darum, sich mit dieser Form anzufreunden. Das war ab und zu auch irritierend, zum Beispiel, wenn Michael Thalheimer einzelne Gesten ausgestellt und ein­gefordert hat. Aber es war von Anfang an klar, dass da etwas Interessantes und Spannendes passiert. Bei meiner Figur, Emilia Galotti, haben wir bis zum Ende noch ganz viel darüber geredet, was das ist, was mit ihr eigentlich geschieht, wie man diese Figur heute erzählen kann.
Hoss Für mich waren die Proben noch aus einem anderen Grund eine besondere Erfahrung. Ich hatte vorher mit Einar Schleef an einem Jelinek-Monolog gearbeitet, der dann nicht rauskam, weil Schleef krank wurde. Das war in der Form sehr nah an dem, was Thalheimer gemacht hat: Immer nach vorne sprechen, das Frontale aushalten, äußerliche Emotionen runternehmen, feine und klare Gesten, pure Form, keine Illustration der Psy­cho­logie. Diese Erfahrung wurde ich nicht los, auch weil die Arbeit mit Schleef so extrem intensiv war. Dann komme ich in die nächste Produktion, und das war genau das, woran ich bei Schleef gearbeitet hatte. Das war für mich fast so eine Art Erlösung, ein tolles Erlebnis: Ich konnte das, was ich durch die abgebrochenen Proben mit Schleef nicht weiterführen konnte, in die neue Arbeit mitnehmen, auch wenn Thalheimer natürlich keine Kopie von Schleefs Theater, sondern etwas sehr Eigenes macht.

tip Thalheimers „Emilia Galotti“ war ein Exportschlager. Wo waren Sie mit der Inszenierung überall?
Hoss New York, Tokio, Kolumbien, Mexico City, Belgrad, Kanada …
Zimmermann Moskau, Sankt Petersburg …

tip Echtes Welttheater.
Zimmermann Es wurde in jedem Land wieder anders wahrgenommen. Vielleicht ist die Inszenierung auch deshalb nach 173 Aufführungen so frisch geblieben.

tip Wo hatte das Publikum Schwie­­­rigkeiten mit der Inszenierung?
Hoss Bozen.
Zimmermann Bozen und Wiesbaden. Die mochten das nicht (Geläch­ter).
Hoss Bemerkenswert fand ich Kanada, da haben wir bei einem Shakespeare-Festival gespielt. Man merkte richtig, dass das für die eine völlig neue Art von Theater war. Das war ein tolles Gastspiel, auch weil die Kanadier so offen auf diese für sie so neue Form reagiert haben. Aufgrund des Tempos und der hohen Präzision dieses Abends muss man sich als Schauspieler in dieser Inszenierung einfach sehr konzentrieren. Es gab keine Vorstellung, bei der man nicht angespannt gewesen wäre. Man will das ja auch nicht hinschludern.

tip Die letzten acht Jahre am DT waren eine ziemlich überzeugende Erfolgsgeschichte – auch wenn die ersten beiden Jahre für den Intendanten Bernd Wilms herb waren, zum Beispiel, weil DDR-Nos­talgiker ihn als West-Import ablehnten. Hätte er sich ohne den enormen Erfolg von „Emilia Galotti“ als DT-Intendant halten können?
Hoss Wenn man drinsteckt und spielt, bekommt man solche Konflikte in all ihrer Härte gar nicht so mit. Aber der Erfolg von „Galotti“ hat ihm sicher einen Boden geschaffen. Das hat uns einen Schub gegeben.
Zimmermann Im Ensemble war die Stimmung bei den meisten so, dass man sich mit Wilms einen Aufbruch zu etwas Neuem erhofft hat. Es ist ja oft so, dass sich ein Ensemble erst nach ein, zwei Jahren findet. Ich merke erst jetzt gegen Ende, im Rückblick, dass hier etwas zusam­men­gewachsen ist. Der Beruf hat immer noch zwei Seiten. Nach so einer langen Zeit braucht man auch wieder neue Impulse, neue Kollegen, andere Regisseure. Gleichzeitig ist man natürlich wehmütig, wenn etwas zu Ende geht wie jetzt an diesem Theater. Keine Wehmut zu empfinden, wäre ja auch seltsam, das würde bedeuten, dass einem die letzten Jahre nichts bedeutet hätten.

tip Jetzt mischen sich die Ensembles neu. Frau Hoss, Sie bleiben am Deutschen Theater …
Hoss … ja, aber ich spiele auch in Zürich. Ich will weiter mit Barbara Frey arbeiten, die hier am DT inszeniert hat und jetzt das Schauspiel Zürich leitet.

tip Frau Zimmermann, Sie wechseln ans Maxim Gorki Theater. Wovon hängen solche Karriere-Entscheidungen ab?
Zimmermann Am meisten von den Menschen, mit denen man arbeiten will. Ich würde auch nicht „Karriere-Entscheidung“ dazu sagen. Für mich ist die Gruppe von Menschen, mit denen ich arbeite, superwichtig. Dass ich ans Maxim Gorki Thea­ter gehe, ist eine Entscheidung für Armin Petras, den Gorki-Intendanten. Aber im Augenblick spiele ich so viel, dass ich noch gar nicht in einer Abschiedsstimmung bin. Das kommt dann wahrscheinlich nach der letzten Vorstellung. Ich habe auch das Vertrauen, dass ich mit vielen aus diesem Theater wieder zusammenarbeiten werde.
Hoss Das geht mir auch so, absolut. In diesen acht Jahren ist wahnsinnig viel passiert. Man wächst, man kriegt vielleicht auch mehr Zutrauen in das, was man da tut.
Zimmermann Und man weiß genauer, was man nicht mehr möchte.
Hoss Stimmt. Man weiß aber auch besser, was man noch nicht kann, was man noch ausprobieren möchte, was einem noch fehlt. Wenn ich mit Inge Keller spreche, sagt sie: „Nina, das wird immer schlimmer, du wirst immer nervöser, je länger du in dem Beruf bist …“

tip Sie muss es wissen, als große, inzwischen 85-jährige Schauspielerin.
Hoss Sie ist so großartig in „Faust 2“. Und wahrscheinlich hat sie recht: Man startet eigentlich immer wieder vom Nullpunkt, in jeder Pro­­duktion. Man weiß wieder nicht, wie es geht, man muss wieder kämpfen. Das ist in diesem Beruf so. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich abgeklärter werde. Man will ja immer auch ein Risiko eingehen, sonst wird es langweilig.
Zimmermann Ich glaube, wenn man die Gewissheit hätte und von Anfang an alles klar ist, könnte man keine gute Arbeit machen.

Interview: Peter Laudenbach
Foto: Harry Schnitger


Emilia Galotti

im Deutschen Theater

11.7.
, 19.30 Uhr, anschließend Abschlussfest zum Spielzeitende. Die Abschlussgala auf der Bühne wird auf den Vorplatz übertragen

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