Festival

No Limits im HAU

Spiel ohne Grenzen: Das No Limits-Festival zeigt im HAU und auf anderen Bühnen Theaterkünstler mit und ohne Behinderungen

Foto: Michael Bause

Die etwas naive Frage, ob und wie Künstler mit Behinderungen Theater machen ­können, samt der etwas arroganten Zusatzfrage, ob es sich dabei denn eher um Kunst oder um Sozialarbeit handle, ist spätestens seit Jeremone Bels Inszenierung „Disabled Theater“ am Züricher Theater Hora beantwortet: Natürlich können sie, und ­natürlich machen sie Kunst, was denn sonst. Das HAU zeigte die Koproduktion zum ersten Mal vor fünf Jahren, im ersten Jahr der Intendanz ­Annemie Vanackerens. Was sonst oft etwas eitel ist, die Thematisierung des eigenen Lebens, bekommt in diesem Stück eine schöne Wahrheit. Die kluge, theatralisch wie menschlich berührende Inszenierung wurde damals völlig zu Recht zum Theatertreffen eingeladen. Nach 180 Aufführungen in 20 Ländern kommt die Produktion jetzt für die allerletzten Vorstellungen noch einmal ins HAU.

Sie ist einer der Höhepunkte des „No Limits 2017“-Festivals, mit dem das HAU, das Theater Tikwa und das Ballhaus Ost nach Strategien suchen, mit denen „Künstler*innen mit ­Behinderung auf den sich ankündigenden gesellschaftspolitischen Rollback reagieren, der die Spielräume für Diversität wieder enger werden ließ.“ Mit dem Festival stellen sich die Macher eine prinzipielle Frage: „Ist die Tatsache, als Mensch mit einer Behinderung auf der Bühne zu stehen, auch im Jahr 2017 weiterhin dermaßen politisch, dass jedes darüber hinausgehende politische Interesse den künstlerischen Prozess in den Hintergrund rückt?“

Zu den internationalen Gastspielen gehört „Jeden gest“ des Nowy Teatr aus Warschau. ­Regisseur Wojtek Ziemilski untersucht das ­ästhetische Eigenleben der Gebärdensprache und lässt vier gehörlose Frauen und Männer aus ihrem Alltag erzählen. In „Lügen“, einem Gastspiel der Münchner Kammerspiele, schafft die Regisseurin Verena Regenburger mit der gehörlosen Schauspielerin Kassandra Wedel und der Schauspielerin Wiebke Puls einen Versuchsraum für bewusste und unbewusste Kommunikation.

Ein Thema, um das der Abend kreist, ist die Konstruktion von Wahrheit, oder dessen, was wir dafür halten. In „Tender Provocations of Hope and Fear“ fragen Jessica Huber und James Leasbitter danach, wie Menschen zärtliche Verbindungen eingehen können, um einen neuen Zusammenhalt jenseits von Zuschreibungen wie „behindert“ oder „nicht-behindert“ zu ermöglichen. „Hypergamie“ von dorisdean teilt das Publikum in eine „behinderte“ und eine „nicht-behinderte“ Hochzeitsgesellschaft – und das hat einschneidende Folgen. Der türkische Regisseur Erzan Özgen untersucht in seiner Videoarbeit „Wonderland“, ob und wie sich Traumata darstellen lassen. Özgen lässt den 13-jährigen Mohammed von seiner Fluchterfahrung sprechen. Mohammed lebte mit seiner Familie in der nordsyrischen Stadt Kobani, die sich 107 Tage lang gegen die Angriffe der IS-Truppen wehrte. Da er weder hört noch spricht, benutzt Mohammed ausschließlich seinen Körper, um von seinen traumatischen Erfahrungen zu ­erzählen – lebhaft, energiegeladen, ohne sichtbare Traurigkeit.

No Limits 9.–18.11., HAU, Theater Tikwa, Ballhaus Ost
www.no-limits-festival.de, Karten-Tel.: 95 62 28 83

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