Kommentar

„Nobel-Bob“ von Jacek Slaski

Jetzt hat Bob Dylan den Preis, die Trennung von Hoch- und Popkultur, von Song und Roman, von Text und Musik – nichts gilt mehr

Jacek Slaski

Der Marsch durch die Institutionen ist vollendet. Der strubbelige jüdische Folkie aus dem Greenwich Village kann jetzt, 75-jährig, neben Oscar, Grammy, Golden Globe und Pulitzer Preis den Literaturnobelpreis auf den Kaminsims stellen. Dabei hat er nur zwei „richtige“ Bücher geschrieben: seine Autobiografie „Chronicles“ (2004), sehr empfehlenswert, und den avantgardistischen Versuch „Tarantel“ (1971), unlesbar. Selbstredend hat er nicht dafür die wichtigste Würdigung der Literaturwelt erhalten, sondern für seine Lieder. Über deren visionäre, poetische und künstlerische Qualität, den historischen Referenzkosmos und die ungeheuere Wirkung auf Gesellschaft und Kultur lesen Sie am besten in der dylanschen Sekundärliteratur nach. Bei Heinrich Detering etwa, dem vielleicht besten Dylanologen des Landes. In „Die Stimmen aus der Unterwelt – Bob Dylans Mysterienspiele“ (2016) setzt er sich eindrücklich mit dem Spätwerk des genialen Barden auseinander. Bei der Buchpremiere im Brechthaus sagte Detering, er würde einen Besen fressen, wenn Dylan den Nobelpreis „nur“ für die Texte erhalten würde und nicht für die Songs, seine Musik. Er sei doch ein „Song and Dance Man“. Die Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung wie folgt: „Für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“. Detering kann den Besen im Schrank lassen.

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare