Essen und Trinken in Berlin

Nobelhart & Schmutzig in Kreuzberg

Nobelhart & Schmutzig in Kreuzberg

Zwiebelgewächse, in Lammfett badend. Klettenwurzel, mit Liebstöckel mariniert. Vom Lamm der Nacken am schwarz angekohlten Rosenkohl. So also schmeckt es im seit einem Jahr durch die Stadt, das Web und die Welt geraunten und vor einem Monat eröffneten Nobelhart & Schmutzig, dem Restaurant des Vollbart- wie Vollblut­kulinarikers Billy Wagner, eben noch Sommelier des Jahres und bunter Hund der Sterne­gastronomie. Und so schmeckt es auch wieder nicht. Denn zum einen inszenieren Wagner und sein junger, aber längst bei sich selbst angekommener Küchenchef Micha Schäfer (er kochte unter zwei Michelin Sternen bei Matthias Schmidt in der Frankfurter Villa Merton) keinerlei Knall­effekte. Zum anderen habe ich noch nie ein Menü gegessen (zehn Gänge, gefiltertes Wasser, 80 Euro), das so sehr als eine über den Abend gelegte Erzählung funktioniert. Eine intellektuelle, doch gleichsam poetische Erzählung. Ein Abend, an dem sich alles – auch die Gespräche, und es wird viel und herzlich gesprochen an diesem Kreuzberger Ende der Friedrichstraße – ums Essen dreht.
Zeitgenössischer kann man in Berlin, kann man in Deutschland derzeit kaum exzellent essen. Im Gegensatz zur Molekularküche der Nullerjahre und zum sous-vide Gegarten von gerade eben aber hat man im Nobelhart & Schmutzig nie das Gefühl, inmitten eines Trends zu speisen. Man sitzt einfach bei zwei beeindruckenden Menschen (und ihrem charmanten Team) und schmeckt Produkte aus der nahen bis nächsten Umgebung, die so fantastisch gut zubereitet sind, dass sie ganz bei sich selbst bleiben. Der abschließende zehnte Gang übrigens – ein Berberitzenriegel und ein Dill-­Baiser – wird für den Heimweg eingepackt.
Der aber kann warten. Weil sich Billy Wagner auch weiterhin vortrefflich auf die alkoholischen und non­alkoholischen Begleiter versteht. Und weil die Idee eines Tresen­res­taurants – knapp 30 Plätze rahmen die offene Küche – tatsächlich funktioniert. Das Private, die Begegnung, alles bekommt seinen Raum. Und der ist in warmen Farben, edler Eiche und analoger Schallplattenmusik so stilsicher wie eigenständig gestaltet, dass man beinahe vergisst, dass er überhaupt gestaltet ist.   

Text: Clemens Niedenthal

Foto: Caroline Prange

Nobelhart & Schmutzig Friedrichstraße 218, Kreuzberg, Tel. 25 94 06 10, Di–Sa ab 18.30 Uhr, www.nobelhartundschmutzig.de

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