SO WAR ES BEI BERLIN MIT BERLINERN PRÄSENTIERT VON MASTERCARD PRICELESS BERLIN IM September

Notrufe und Tunnelgangster: mit Polizeisprecher Thomas Neuendorf durch Tempelhof

1,2 Millionen Notrufe. So oft wählt jemand pro Jahr in Berlin die „110“. Oder was manche für Notrufe halten. Einige wollen nur das Fernsehprogramm wissen. Oder die Uhrzeit.

Diese Anrufe landen in einem Flachbau, der zum riesigen Gebäude-Komplex des ehemaligen Flughafens Tempelhof gehört. Dort ist die Einsatzzentrale der Berliner Polizei untergebracht. Davor steht an diesem Donnerstag Thomas Neuendorf, 62, stellvertretender Leiter der Polizei-Pressestelle, und erzählt vom intern ausgegebenen Ziel, 90 Prozent alle Notrufe innerhalb von zehn Sekunden anzunehmen. „Wir sind jetzt bei knapp 80 Prozent.“

Da ist ungefähr der Hälfte des September-Kiezspaziergangs Berlin mit Berlinern präsentiert von Mastercard Priceless Berlin herum. Mit dem Polizeisprecher Thomas Neuendorf  sind wir eineinhalb Stunden zuvor am Luftbrückendenkmal gestartet, an einem der letzten schönen Sommertage. Neuendorf ist bestens vorbereitet, mit vielen Karteikarten und noch mehr Anekdoten aus seiner Polizeikarriere. Er ist schließlich nicht nur Sprecher, sondern auch Kriminalkommissar. Als er 1975 im Revierkriminalbüro in der Weddinger Badstraße seinen ersten Diensttag antrat, schickte der Chef den jungen Kriminalkommissar-Anwärter (KKA) erst mal rüber zu Bilka, um „eine Cola und ein Rohr“ zu holen. Sprich: ein eher hochprozentiger Einstand. „Damals gab es noch kein Alkoholverbot“, grinst Neuendorf. „Ich war sehr froh, dass mein Praktikum dort nur einen Monat ging.“

Vom Luftbrückendenkmal, dem Startpunkt der Tour, führt er die Gruppe zuerst über den Tempelhofer Damm zum Gebäude des Landeskriminalamtes (LKA). Als dessen Bau Anfang 1989 begann, sollten die 1.500 Räume für das gesamte, damals West-Berliner LKA reichen. 500 Millionen D-Mark wurden verbaut, Kritiker sprachen von einem „Luxusbau“, eine heute eher schlicht anmutende Verbindungsbrücke über einen künstlichen Teich galt als „futuristisch und durchgeknallt“, wie sich Neuendorf erinnert. Doch ein paar Monate nach dem ersten Spatenstich fiel bekanntlich die Mauer, das LKA war plötzlich für die ganze Stadt zuständig, der Platz reichte „vorn und hinten nicht“.  So ist es immer noch, langfristig sei ein Ergänzungsbau geplant. Unter anderem sitzt hier jetzt das Kriminaltechnische Institut, das vor ziemlich genau 30 Jahren erstmals einen Täter per Gen-Analyse überführte. Der Mann hatte eine 31-jährige Frau vergewaltigt und erdrosselt. Die Spermaspuren überführten ihn und er gestand den Mord.

Zurück in Richtung alter Tempelhofer Flughafen. Am Platz der Luftbrücke residiert das Polizeipräsidium. Früher war es das Verwaltungsgebäude der Lufthansa. Zwischenstation in der Polizeihistorischen Sammlung. Kriminalgeschichten satt. Die Uniform des Hauptmanns von Köpenick in einer Vitrine. Die Gebrüder Sass am Schweißgerät, die 1929 die Stahlkammer der Diskontobank am Wittenbergplatz ausräumten. Der legendäre Kriminalpolizist Ernst Gennat, „vermutlich der erste europaweit, der eine Mordkommission gegründet hat“, sagt Neuendorf. Ein Stück des Holztunnels, durch den 1995 eine Bande sich spektakulär bis in eine Zehlendorfer Commerzbank grub und dort Geiseln nahm. Die elf Täter wurden später gefasst. Ein Großteil der Beute, ein zweistelliger Millionenbetrag, wurde dagegen nie gefunden.

Dort, in Zehlendorf, war Neuendorf nicht im Einsatz. Aber knapp 20 Jahre später, als andere Tunnelgangster in Steglitz einen 45-Meter-Tunnel aus einer Tiefgarage in eine Volksbank gruben, die Täter sind bis heute nicht ermittelt. Aber Neuendorf sagt aber auch: „Mich stört, dass überall berichtet wird, die Sicherheitslage in Berlin sei schlecht. Wir haben die niedrigste Zahl der Straftaten seit zehn Jahren.“

In einem in der Regel verschlossenen Raum der Polizeihistorischen Sammlung, der extra für uns aufgeschlossen wird, steht einer der grünen „Gruppenkraftwagen“, kurz „Gru“, im Volksmund auch „Wanne“ genannt, in dem Lautsprecher einen Eindruck vermitteln, wie sich diese Mitfahrgelegenheit anfühlt, wenn von draußen Steine gegen fliegen. Was ja bei Polizeieinsätzen mitunter, und früher weitaus regelmäßiger, vorkommt. Zum Beispiel bei der Räumung der besetzten Mainzer Straße Anfang der 90er-Jahre: „Das waren Straßenschlachten“, sagt Neuendorf.

Bilder

Über den Hof des Präsidiums, dort stehen übrigens zwei Teile der Berliner Mauer und vorbei an der Einsatzzentrale führt die Tour dann aus dem Gebäude heraus und den Mehringdamm entlang zur Hausnummer 75, einem 1876 errichteten Baudenkmal aus der Gründerzeit, wie Neuendorf bei einem kurzen Stopp erklärt.

Zum Abschluss des Tages gibt’s noch einen vegetarischen Imbiss und einen erlesenen Weißwein bei Maren und Olaf Weiß im Laden Guuth in der Kreuzbergstraße 1. Olaf Weiß,  Obst- und Gemüsehändler vom Beusselmarkt, hat sich vor gerade mal zwei Monaten seinen Traum von einem Laden nur mit Lieblingssachen erfüllt: lokale Feinkost, Obst, Gemüse, Wein.

Für Thomas Neuendorf war es die erste derartige Führung. Und durchaus eine interessante Erfahrung kurz vor seiner Pensionierung Ende November. Für die Zeit nach dem Polizeidienst baut er aber schon ein neues Betätigungsfeld auf: ein Online-Magazin für Leute über 60 Jahren: www.grad60.com.

Darauf will Thomas Neuendorf auch über diesen Kiezspaziergang schreiben. Wir sind gespannt.

Text: Erik Heier

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