Kino & Film in Berlin

„Nuestro Tiempo“ im Kino

Künstlerischer Schaffensprozess und erotisches Ehedrama: In Nuestro Tiempo erzählt der mexikanische Regisseur Carlos Reygadas in größeren Zusammenhängen auch von seinem privaten Leben

Foto: Grandfilm

Der Dichter Juan und seine Frau Esther leben mit drei Kindern auf einer riesigen Farm in der Nähe von Mexiko City. Es ist ein feudales Leben, mit Dienstpersonal für Küche und Haus und Vaqueros für die Tiere. Ständig sind Leute da, man trinkt Mezcal, Juan reitet mit der Lanze hinter einem Bullen her. Er ist ein Intellektueller und tut zugleich so, als wäre er ein Mann aus dem Volk. Als Esther mit einem amerikanischen Pferdetrainer eine Affäre beginnt, reagiert Juan eifersüchtig: Er liest heimlich die Nachrichten auf ihrem Telefon, spioniert ihr nach und macht ihr Szenen. Dabei gab es doch eine Abmachung in ihrer Beziehung: Sie sollte offen und ehrlich sein, Affären sind möglich, sie dürfen nur nicht verschwiegen werden. Doch Esther verschließt sich.

Das Ehedrama ist allerdings nur eine Ebene von „Nuestro Tiempo“. Carlos Reygadas geht mit diesem dreistündigen Werk auf das Ganze seiner Kunst als Filmemacher: Er bettet sein Kino zugleich in einen natürlichen Zusammenhang (die Rinderzucht, der große Himmel) und in sein privates Leben ein. Denn er spielt selbst die Hauptrolle des Juan, seine Frau Natalia López spielt seine Frau im Film, und selbst ihre beiden gemeinsamen Kinder spielen im Wesentlichen „sich selbst“. Die Spannung in der Geschichte vervielfacht sich dadurch ganz enorm: Denn unwillkürlich steht nun auch die Intimität des künstlerischen Schaffensprozess in Beziehung zu dem erotischen Drama. Wenn Juan und Esther streiten, wenn sie Sex haben, wenn Esther ihren attraktiven Körper in Bildern zeigt, die halb diskret, halb unverblümt wirken – wer führt dann Regie?

Die ganz großen Fragen

Schon in „Post Tenebras Lux“ (2012) hatte Reygadas von einem Paar namens Natalia und Juan erzählt, das in einem Swingerclub in Europa mit sexueller Freiheit experimentierte – nun werden die beiden deutlicher als Stellvertreter des Künstlerpaars Reygadas/López erkennbar (Natalia López ist auch als Cutterin tätig). Die Beziehung zwischen Juan und Natalia spiegelt auch die Beziehung eines Filmemachers zur Welt, sein Begehren, seine Macht und seine Ohnmacht in der Begegnung mit der Wirklichkeit.

So ist „Nuestro Tiempo“ nicht zuletzt eine große Meditation darüber, was alles in ein Leben passt (Stadt und Land, Freiheit und Verlässlichkeit, Tod und Dauer), und wie die Kunst und das Private sich zueinander verhalten. Reygadas schont sich nicht in der Rolle eines lächerlichen Mannes, er bricht diese Perspektive aber immer wieder auf mit großartigen filmischen Ideen. Die männliche Erzählperspektive bleibt zwar zentral, aber der Film ist vielstimmig. Besonders beeindruckend ist eine lange nächtliche Flugaufnahme, zu der Esthers Stimme aus dem Off zu vernehmen ist. Die Musik (Genesis, Alfred Schnittke, King Crimson) ist auch eine Dimension für sich.

„Nuestro Tiempo“ ist ein Höhepunkt, der zugleich ein Endpunkt ist: Reygadas zelebriert noch einmal das weiße, männliche Künstlersubjekt in den Grenzen seiner allumfassenden Ambition. Ein radikaleres Meisterwerk müsste dann schon mit sich selbst im Streit liegen, müsste die Perspektive der Frau gleichrangig werden lassen. Reygadas hingegen sieht die Ehe vor dem Hintergrund der Natur. Am Ende zeigt er vielleicht ein allzu deutliches Sinnbild, aber zu diesem Zeitpunkt ist auch längst klar: Menschen leben mit Tieren in einer gemeinsamen Welt, aber sie gedeihen erst in der Differenz zu ihren eigenen Welten – und leiden darunter. Es sind also die ganz großen Fragen, um die es in „Nuestro Tiempo“ geht. Der Film wird ihnen gerecht.

Nuestro Tiempo MEX/F/D/DK/S 2018, 173 Min., R: Carlos Reygadas, D: Carlos Reygadas, Natalia López, Phil Burgers, Start: 27.6.