Skulptur

„Objects of Wonder“ – Britische Skulpturen im Palais Populaire

More than Henry Moore: Von Hepworth bis Hirst

David AnnesleySwing Low, 1964Painted SteelLackierter Stahl128,3 x 175,9 x 36,8 cm © David Annesley and Tate, London 2018, Tate T01340

Nein, Elena Crippa rollt nicht mit den Augen, als sie nach Henry Moore gefragt wird. Dafür ist die in Bergamo geborene Kuratorin der Tate London zu höflich – und wahrscheinlich mittlerweile auch zu britisch. Stattdessen sagt sie, dass eine Schau, die britische Skulpturen ab 1950 bis zur Gegenwart zeigt, mit Stars wie Tony Cragg, Barbara Hepworth und Anish Kapoor, natürlich unvollständig ohne den in Deutschland so beliebten Moore wäre, er sei dabei, „of course“, und zwar mit der Arbeit „Four-Piece Composition“.

Dabei sind im Palais Populaire aber auch über 40 weitere Künstler*innen mit Arbeiten, die Elena Crippa und ihr Kollege Daniel Slater aus der Sammlung der Tate mit nach Berlin gebracht haben, so die Kuratorin. Und die Künstler haben jeweils für sich, aber auch gerade in Abgrenzung zu Übervater Moore, dessen abstrakten, sinnlichen und oft auch archaischen Skulpturbegriff buchstäblich vom Sockel gerissen. Angefangen mit seinem nicht minder stilbildenden ehemaligen Mitarbeiter Anthony Caro, der hier mit einem seiner wichtigsten Werke „Yellow Swing“ vertreten ist. Einer Skulptur, die er auf dem Boden aus Stahl und Schrott zusammenschweißte und die bis heute eine der intensivsten Arbeiten der britischen Skulpturgeschichte überhaupt sei, wie Elena Crippa sagt, vor allem dank ihrer rauen Materialität, die dann über die leuchtende Farbe wieder in Bewegung aufgelöst wird.

Caro und Mitstreiter wie David Annesley, der mit „Swing Low“ (Abb. oben) vertreten ist, wurden dann die „New Generation“ der britischen Kunst, die zwar schwer experimentierte, sich aber im weitesten Sinne noch an formaler Bildhauerei orientierte. Den Begriff der Skulptur dann komplett neu definiert haben danach andere Künstler – die damit allerdings auch ziemlich bekannt wurden. Wie Gilbert & George, die erst alltägliche Ereignisse und dann ihre eigene Person ab 1970 mit einer Beharrlichkeit in den Mittelpunkt rückten, die auch schon wieder eine eigene Kunstgattung sein könnte – oder es durchaus war, bevor Zuschaustellen ein gesellschaftliches Massenphänomen wurde.

Provokateure werden Establishment

Interessant sind auch die weiteren ehemaligen enfants terribles in dieser Schau, die wie Gilbert & George heute zum British Establishment gehören. Da wären also Tracey Emin, Sarah Lucas und Damian Hirst, letzterer ist mit einer seiner besseren Arbeiten, den Pharmazie-Schränken dabei. Alle drei haben aus der Provokation erst eine Kunstmarkt-Revolution, und dann, vor allem im Fall von Hirst, ein Geschäftsmodell gemacht. Bei Emins Radikalität scheint allerdings bis heute eine persönliche eigene Tragik durch, die ihre Kunst auszeichnet. Und Sarah Lucas ist mit ihren expliziten Skulpturen eh eine Größe für sich: „Sie hat“, sagt Elena Crippa, „mit ihrer offensiven Sexualität nicht nur die Art, wie man Skulpturen sieht, neu definiert, sondern auch wie man sie macht, und wer sie macht.“

Ganz anders, nämlich viel zurückgenommener, ist die junge Turner-Prize-Gewinnerin Helen Marten, deren Arbeiten die Schau abschließen. Und die etwas ganz anderes unter Skulptur versteht, nämlich die Möglichkeit, die eigenen Erwartungen an Material und Wertigkeit zu hinterfragen. Dafür löst sie bewusst die Hierarchien der Materialien auf und ist damit vielleicht die viel größere Provokateurin. Ziemlich sicher ist sie aber eine der Künstlerinnen der Stunde.

Palais Populaire Unter den Linden 5, Mitte, bis 27.5., Mi–Mo 10–19, Do bis 21 Uhr, 9/ erm. 6 €, db-palaispopulaire.de