Berlinale 2019

„Öndög“ von Wang Quan’an (Wettbewerb 4)

Öndög © Wang Quan’an

Eine Fahrt durch das mongolische Grasland. Schier endlos walzt ein Auto gelbe Grashalme nieder, dazu unterhalten sich zwei Männer über das, worüber man sich in diesem Teil der Mongolei eben am liebsten unterhält: die Jagd und Pferde. Doch was dann im Scheinwerferlicht auftaucht, gehört bestimmt nicht in die Steppe: eine nackte Frauenleiche.Von nun an gibt sich „Öndög“ des chinesischen Regisseurs Wang Quan’an (der bereits 2007 den Goldenen Bären für „Tuyas Hochzeit“ erhielt) deutlich wortkarger. Der Umgang der wenigen Personen miteinander ist pragmatisch und in seiner Lakonie nicht ohne Witz. Einsame und eher einsilbige Figuren verlieren sich in den Totalen einer mächtigen Landschaft mit tiefem Horizont und einem hohen Himmel, die zusehends wie ein weiterer Protagonist erscheint, der das Leben hier nachhaltig bestimmt. Ein 18-jähriger Polizist wird verdonnert, in bitterer Kälte bei der Toten auszuharren, eine Viehhirtin gebeten, sich um ihn zu kümmern.

Die resolute, alleinstehende Mittdreißigerin wird von ihren Mitmenschen „Dinosaurier“ genannt – weshalb sich im Lauf der Handlung auch die Frage aufdrängen wird, ob die Dinosaurier wohl zum Aussterben verdammt sind. Öndög, so heißen auf Mongolisch die Eier der Dinosaurier, die man hier oft finden kann. Eine größere Auswahl an Männern, die dem „Aussterben“ entgegenwirken könnten, gibt es in der kargen Gegend allerdings nicht – und die Avancen eines hilfreichen Nachbarn weist die Hirtin stets relativ schroff zurück. Offenbar hat sie anderes im Sinn: Am nächtlichen Lagerfeuer macht sie den jungen Polizisten betrunken und verführt ihn, was angesichts der Kälte und der vielen übereinander getragenen Kleidungsstücke schon relativ gut geplant sein will. Bald hat sie – wie sie es selbst ausdrückt – ihr eigenes Öndög.

Wang Quan’ans Film besitzt keine auf klassische Spannungsbögen abzielende Dramaturgie, vielmehr variieren kleine Episoden das ewige Thema von Liebe und Tod im Rahmen eines Lebenszyklus‘. Das alles ist bewusst undramatisch inszeniert und zweifellos hübsch anzusehen, zugleich birgt es die Gefahr, einfach nur freundlich dahinzuplätschern: Die Begeisterung für den fünften oder sechsten spektakulären Sonnenuntergang in der Steppe ist irgendwann dann doch aufgebraucht.  LARS PENNING

100 Min., R: Wang Quan’an, D: Dulamjav Enkhtaivan, Aorigeletu
Premiere: 8.2., Berlinale Palast, 22.15 Uhr