Literatur und Umland

Offener Brief an Bela B.

tip-Literaturredakteur Erik Heier war einst­ ­Lokaljournalist in Brandenburg und ist befremdet über den ­Debütroman ­„Scharnow“ von Ärzte-Drummer Bela B Felsen­heimer. Ein offener Brief

Foto: Konstanze Habermann

Sehr geehrter Herr Felsenheimer,

ich denke, ich darf Sie so nennen, also: Herr Felsenheimer und nicht wie sonst Bela B, Sie sind ja jetzt nicht mehr nur Drummer, Sänger, Gitarrist, Liedschreiber, Synchronsprecher, Ex-Comic-Verleger, Radiomoderator und gebürtiger Spandauer, sondern auch noch Romanschriftsteller.

Als Journalist, der eine Weile auch als Lokalreporter der „Märkischen Allgemeinen“ im nördlichen Brandenburg unterwegs war, habe ich Ihren gerade erschienenen Debütroman, der nach dem fiktiven märkischen Kaff „Scharnow“ betitelt ist, mit großen Interesse aufgeschlagen. Aber ich muss sagen, ich bin ob der grotesk wirklichkeits­fernen Darstellung Brandenburgs in diesem Roman überaus befremdet.

Ich weiß auch gar nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht beim nahezu durchgehend verhaltensgestörten Personal, das Sie hilfreicherweise gleich zu Beginn auf sechs (!) Seiten auflisten. Ich kenne den Märker an sich als ehrlich, bodenständig und etwas maulfaul. Bei Ihnen aber bilden zum Beispiel einige junge Männen einen „Pakt der Glücklichen“, deren Alltag von fortgesetztem Alkoholmissbrauch (u.a. mittels eines „Mische“ genannten Mixgetränk aus Fanta und Korn), Kartoffelchips (Sonderangebot) und gemeinsamem Genuss von filmischen VHS-Entgleisungen voller sinnloser Gewalt und pornografischen Exzessen bestimmt wird. Sie erwähnen einen anderen Mann, der mit dem Vertrieb von Tierkot sein Glück gemacht hat, Sie nennen ihn, harr, harr!, „Gülliardär“. Oder diese irren Verschwörungstheoretiker, die es auf niedliche Haustiere abgesehen haben. Und zwei Brüder, die sich hassen, aber trotzdem in einer Wohnung leben, was in einer psychologisch höchst fragwürdigen Duellszene eskaliert.

Auch gibt es eine Pornodarstellerin, die durch die Tür des Nachbarn ihre eigene Stimme hört, ich will gar nicht ins Detail gehen. Überhaupt scheinen Sie, Herr Felsenheimer, einen bedenklichen Hang zu trashigen Gewalt-B-Movies und auch zum Erwachsenfilm zu pflegen.

Vollends von jeder Realität allerdings verabschieden Sie sich mit einem Mann namens Trotsky, der nicht nur fliegen kann, sondern dabei auch wertvolle Industriedenkmäler zerstört. Wären Sie auch nur einmal in Ihrem Leben tatsächlich in Brandenburg gewesen, wüssten Sie, dass das Letzte, was dort geflogen ist, dieser Cargolifter war, und das nur kurz.

Beim traurigen Höhepunkt des ganzen Irrsinns allerdings, einem Überfall von vier bis auf Papiertüten (in einem Fall von innen vollgekotzt) bzw. Strumpfmasken auf dem Kopf nackten Männern auf den einzigen Supermarkt in diesem Scharnow fehlen mir fast die Worte. Herr Felsenheimer, ich kenne einige dieser rustikalen märkischen Dörfer. Die haben doch fast alle gar keinen Supermarkt mehr! Und dann lädt da ein Mangamädchen auch noch ein Video dieses Überfalls ins Internet hoch. Internet? In Brandenburg? Ist das Ihr verdammter Ernst?

Und als wenn das alles nicht genug wäre, erklingt aus unerfindlichen Gründen überall dauernd Rex Gildos Schlagerdelikt „Fiesta Mexicana“. Sogar in der Notruf-Warteschleife der Polizeidienststelle Scharnow! „Hossa, Hossa.“

Mal unter uns: Ich muss zugeben, ich habe ein paar Mal gelacht. Okay, ziemlich oft sogar. „Scharnow“ fühlt sich an ein „Pulp Fiction“: unbekümmert holpriger, aber grandioser Plot mit durchgeknallten Typen, irren Wendungen,auch Romantik. Immer feste druff. So, jetzt ist es raus.
Aber trotzdem: Ihr Scharnow, das gibt’s ja gar nicht. Da hilft nur eines: Bauen Sie es selbst auf. In Brandenburg. Als Themenpark. Mit Eintritt, Menschenflugshows, Mische-Tresen. Und Nackt-Überfall-Events; dafür lassen sich sicher Kooperationspartner in Berlins Partyszene finden, vielleicht im Kitkat-Club.

Ich weiß es ja nicht. Aber man hört derzeit von der Formation Die Ärzte, bei der Sie das Schlagzeug bedienen, so komische Gerüchte. Falls Sie demnächst etwas mehr Zeit haben: Ich kann mir keinen besseren Themenpark-Direktor vorstellen als Sie, Herr Felsenheimer.
Na denn. Wir sehen uns in „Scharnowland“.

Mit freundlichen Grüßen. 
Erik Heier

Scharnow von Bela B Felsenheimer, Heyne Hardcore, 416 S., 20 €

Bela B. liest im Pfefferberg Theater, Schönhauser Alle 176, Mitte, am 5. April um 18 und um 21 Uhr, Tickets: 20 € plus VVK-Gebühr

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