Kunst und Museen in Berlin

Offener Brief an Berlins Bürgermeister

Ein offener Brief an den Regierenden Bürgermeister sorgt für Aufsehen. Künstler und Kuratoren kritisieren darin die geplante "Leistungsschau junger Kunst aus Berlin" – aber auch die Förderung der Bildenden Kunst in Berlin generell. Ein Hintergrundbericht

foerderungIn der Szene brodelt es. Mehr als 2200 Künstler und Kunstakteure haben mittlerweile den offenen Brief unterzeichnet, der die geplante „Leistungsschau junger Kunst aus Berlin“ kritisiert. Sie soll im Sommer am Humboldthafen steigen und den Blick auf die Produktion in der Hauptstadt lenken. „Innerhalb der Stadt stellt die Kultur einen starken Wirtschaftsfaktor dar“, weiß man beim Senat. Sie trägt nicht unerheblich dazu bei, dass Berlin Tourismusziel Nr. 1 in Deutschland ist. Der Tourismus dürfte durch die 1,6 Millionen teure Artshow bei Laune gehalten werden, die Steuereinnahmen sprudeln. Dabei bildet der Kunstmarkt, wie die Senatskanzlei vor zwei Jahren in ihrem Konzept für eine Kunsthalle ermittelte, „einen relativ kleinen Bereich, der aber immerhin 422 Millionen Euro erwirtschaftete.“ Den Löwenanteil der Kulturwirtschaft verbuchen Buch und Presse, Film und Rundfunk sowie die Software­industrie. Der Gesamtumsatz liegt im zweistelligen Milliardenbereich. Die Kunst ist also eher ein zartes Pflänzchen, das gut gegossen werden will, soll es gedeihen.

Wie viel Fördermittel sind sinnvoll? Reichen 4,3 Millionen Euro aus, die das Land Berlin für Künstler, Projekte und Institutionen (nicht Museen) 2011 bereitstellt? Wie wichtig ist die Strahlkraft medienwirksamer Leuchtturm-Projekte? Daran scheiden sich die Geister. Ellen Blumenstein vom Salon Populaire und Filmkurator Florian Wüst, die den Brief an den Regierenden Bürgermeister, Klaus Wowereit, initiierten, glauben, dass der Imagegewinn für die Stadt auf Kosten der Akteure geht. „Die realen Arbeits- und Lebensbedingungen Berliner KulturproduzentInnen verschlechtern sich zusehends“. Ist das so? „So direkt“, meint Künstlerin Ute Lindner, „würde ich es nicht sagen. Ich persönlich habe gute Bedingungen zum Arbeiten.“ Auch Barbara Caveng findet die Aussage zu einseitig. „Steigende Mieten sind ein globales Großstadtphänomen und kein lokales Berliner Problem. Es betrifft die Existenzbedingungen aller Menschen, nicht nur der Künstler.“

Die in Berlin lebende Schweizerin, die zuletzt durch ihr „Neuköllner Sozialparkett“ im Museum Neukölln auffiel, sieht sich als Langstreckenläuferin, die Lust am Kunstschaffen ist ihr wichtiger als alles andere. Aber grundsätzlich sei es schwierig geworden. Die Mieten steigen, Material- und Produktionskosten auch. Wie kommt ein Künstler, für den die Künstlersozialkasse als Durchschnittseinkommen 12?767 (Stand Januar 2010) Euro jährlich angibt, zurecht? Ute Lindner, deren Foto-Installation „Through the looking glass“ den Savignyplatz schmückt, kann von ihrer Kunst leben, achtet aber darauf, „dass ich andere Standbeine nicht einschlafen lasse.“ Für das Bildungswerk des Bundes Bildender Künstler arbeitet die 42-Jährige als Dozentin der Digitalen Bildbearbeitung. Andere Lehraufträge, etwa an der Hochschule in Hildesheim, zeugen bei 2000 Euro pro Semester von der Leidenschaft zur Selbstausbeutung. Ihr Einkommen schwankt, abhängig vom Umsatz, den sie mit ihren Fotoarbeiten erzielt. Ohne Galerie könne man nur schlecht ausreichend verkaufen. 

„Wenn es eng wird, muss ich meine Unterrichtsaufträge forcieren.“ Daneben gibt es andere Möglichkeiten. Etwa die Arbeits­stipendien des Kultursenats. Auf 15 Künstler, die mit Unterstützung rechnen dürfen, kommen allerdings etwa zehnmal so viele Bewerber. „Einfacher ist es, private Geldgeber zu finden“, berichtet Ute Lindner. Gute Erfahrungen hat sie mit Firmen und Stiftungen wie Allianz, Bewag, Siemens oder dem Kunstfonds gemacht. Letzterer gab 20?000 Euro Fördermittel für ihr interdisziplinäres Kunstprojekt „Copyright“, das sie mit Patrick Huber realisiert. „Viele Arten von Kunst haben es heute schwerer zu reüssieren“, sagt Ute Lindner mit Blick auf den steigenden Einfluss der Galeristen am Markt. In Berlin gibt es nach Schätzung des Instituts für Strategieentwicklung (IFSE) „über 400 professionelle Galerien.“

BalkenholDie Sammler kauften mittlerweile „weniger den Künstler XY als bei der Galerie Soundso“, erklärt Ute Lindner. „Dadurch wird der Künstler austauschbarer“, die Lage unsicherer. Die Forderungen der Kollegen, die den Brief ins Netz gestellt haben (siehe Textende), kann sie verstehen: „Viele Projekte kosten nur einen Bruchteil dieser Leistungsschau. Von 1,6 Millionen Euro kann ein Kunstverein zehn Jahre lang existieren.“ Der Bildhauer Hans Hemmert, der auch mit der Künstlergruppe „Inges Idee“ agiert, stößt sich schon an dem Wort „Leistungsschau“ – eine unglückliche Formulierung der Senatskanzlei, von der sich die Macher inzwischen distanzieren. Ihm kommt das vor wie ein „Zirkus Krone neben dem Hauptbahnhof“. Er ist der Ansicht, dass vor allem die Relationen im Kulturhaushalt nicht stimmen. Für die Opernhäuser und Theater gäbe es hohe Subventionen, aber für die Bildende Kunst, die doch eine Massenattraktion sei, disproportional wenig.

Immerhin macht der Senat 1,1 Millionen Euro für das Ateliermietprogramm locker – 409 Ateliers und 235 Atelierwohnungen zu ermäßigten Quadratmeterpreisen. Hinzu komme, sagt Diedrich Wulfert, Büroleiter der Senatskulturverwaltung, „in jedem Jahr ein Ankaufsetat für Werke Berliner KünstlerInnen in Höhe von 250?000 Euro aus Lottomitteln. Diese Werke gehen direkt in die Museen beziehungsweise die Artothek des NBK.“ Doch bei der Vielzahl der Künstler mutet auch dies wie ein Tropfen auf den heißen Stein an. Der Berufsverband geht von 5ooo bis 6000 Künstlern in der Stadt aus. Nach Schätzung des IFSE liegt die Zahl derer, die Kunst als Beruf ausüben und ausreichend verdienen aber „in jedem Fall unter 1000“. Der Maler, der von einer großen Galerie vertreten wird und mit einem Angestellten Gemälde wie Gurken produziert, zählt ebenso dazu wie der Stipendienspezialist.

Was am Ende die größte Leistung ist, bei einer sogenannten „Leistungsschau“ dabei zu sein, die Schickimickis mit Messefutter zu versorgen oder auf eigene Faust sein Ding durchzuziehen, mag jeder für sich beantworten. Ute Lindner hat sich wie 1200 andere Künstler beworben, „weil man sich eben so bewirbt.“ Sie findet „jedes Ereignis tut Berlin gut. Auch eine Kunsthalle wäre sehr wichtig.“ Nun überlegt sie aber, ob sie nicht doch die Petition unterschreibt. Hemmert hat das bereits getan. Auch weil ihn der Begriff „junge Kunst“ ärgert: „Was ist jung?“ Am Ende brächten doch nur die alten Seilschaften ihre Spezis unter, heißt es von anderer Seite. Ein Event wie es die von Klaus Biesenbach und Co. ausgeguckten Kuratoren mit der landeseigenen Kulturprojekte GmbH stemmen, stehe im Missverhältnis zur mageren Ausstattung einzelner Institutionen. Es mangle an grundsätzlicher Förderung.

Ellen Blumenstein fragt sich, wieso Wowereit die Gelder „nicht in eine strukturelle Unterstützung des Kontextes steckt, anstatt 1,6 Millionen mit einem Sechs-Wochen-Projekt in den Wind zu schießen.“ Mehr Unterstützung wünschen sich die Briefschreiber, und zudem eine Analyse, „was eine Kunsthalle der Zukunft sein könnte.“ Sie wollen vor allem mitreden. Das müsste eigentlich den Regierenden Bürgermeister freuen, der ja durch diese Bestandsaufnahme am Humboldt­hafen „die Debatte um eine ständige Berliner Kunsthalle beleben“ will, um „mit dem nächsten Haushalt eine Entscheidung fällen zu können“. Für oder gegen die Kunsthalle. Dabei ist im Grunde klar: Berlin kann sowohl einen Kunsthallenbau als auch eine derartige Turboschau vertragen. Im Ausland, so berichtet Ingo Pott, Architekt und Mitbetreiber von C/O Berlin, ließe sich beobachten, dass Städte wie Barcelona oder Warschau längst in den Startlöchern stehen, um Berlin als Kulturmetropole den Rang abzulaufen. Die Marke Kunst wird nicht ewig Berliner Exportschlager bleiben.

Noch scheint sie ein Selbstläufer zu sein. Fragt sich, wie lange. Wenn Leuchttürme wie die Kunst Werke, die zum guten Ruf nicht unerheblich beitrugen, im Flackerlicht der Unterfinanzierung kein Flutlicht mehr verströmen, dürften die Zugvögel bald weiterziehen. Jährliche Zuwendungen von 511?300 Euro erhalten hier, so Gabriele Horn, „lediglich die Infrastruktur.“ Ausstellungen werden aus Drittmitteln finanziert. Ähnlich geht es ihrem Kollegen Thomas Köhler. Der Direktor der Berlinerischen Galerie hat sich in die Debatte eingeschaltet: „Die bestehenden Institutionen so zu übergehen zugunsten eines Projekts, das im Grunde das machen wird, was die anderen auch machen, wäre eine falsche Entscheidung.“ Gabriele Horn sagt, schon mit 250?000 Euro mehr aus dem Landeshaushalt könnte in den Kunst Werken „das Programm ausgebaut, eine Kulturvermittlung installiert und ein internationaler Standard gehalten werden“. Sie investiert eine Menge Zeit in die Beschaffung von Finanzspritzen bei verschiedensten Stiftungen, Sponsoren und Privatpersonen. Ein Geldsegen wie für die Turboübersicht würde ihr Haus gar für mehrere Jahre „aus der gegenwärtigen Situation der permanenten Gefährdung befreien.“ Blühende Landschaften erfordern „nachhaltige Entwicklung und Pflege“ – Highlife am Humboldthafen verpufft.

Text: Andrea Hilgenstock  

Foto: 201 Gerald Imhof / Rezeption, Berlin, Ruediger Schoettle; Stephan Balkenhol,

Zum Weiterlesen
www.kulturprojekte-berlin.de/projekte/artists-open-call/artists-open-call/
www.berlin.de/sen/kultur/foerderung/
kunst-atelierwww.kulturprojekte-berlin.de/projekte/artists-open-call/artists-open-call/
www.habenundbrauchen.kuenstler-petition.de
www.berliner-kunsthalle.de

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