Berlinale 2018 – Panorama

Offenes Dach

Tempelhof als Provisorium, in dem viele Menschen sehr lange festsaßen: Karim Aïnouz zeigt in Zentralflughafen THF seine Sicht auf die Flüchtlingskrise in BerlinVier Flughäfen gibt es zur Zeit in Berlin. Zwei ­arbeiten hart an der Kapazitätsgrenze, einer wird vielleicht irgendwann in Betrieb gehen, und ­einer ist längst abgewickelt. In Tempelhof gehört die Lande­bahn heute den Joggern und den Kite-Surfern. Dass hier früher einmal der Zentralflughafen war, würde man nicht mehr vermuten.

Zentralflughafen THF
Future Image; Juan Sarmiento

Der aus Brasilien stammende Künstler Karim Aïnouz, der seit 2010 in Berlin lebt, wollte eigentlich eine Installation über diese vier Flughäfen machen, als ihm ein aktuelles Thema dazwischen kam. 2015 kamen sehr viele Menschen nach Deutschland, die hier Schutz suchten. Tempelhof wurde damals auf eine neue Weise zentral: Die riesigen Anlagen wurden für die Unterbringung von Menschen umfunktioniert. Ein Provisorium, das dann viel länger gebraucht ­wurde, als man ursprünglich dachte.

Karim Aïnouz, der unweit des Flugfelds lebt, war von den Vorgängen gefesselt. „Es war ein großes ­Chaos, man konnte aber auch sehen, wie sich die Bemühungen um Organisation bemerkbar machten. Ich ­konnte nicht anders, ich ging immer wieder hin. Ich wollte mir ein Bild machen, auch deswegen, weil ich die ­Bilder der Mainstream-Medien so ungenügend fand.“ Seine eigene Geschichte war auch ein Motiv. Karim Aïnouz ist der Sohn einer Brasilianerin und eines algerischen Berbers. Er war niemals selber auf der Flucht, im Gegenteil ermöglicht ihm ein französischer Pass, den er durch seinen Vater bekam, dass er wie ein Weltbürger lebt. In Tempelhof sah er, wie es Menschen ergeht, die das Gegenteil sind. Der junge Mann ­namens Ibrahim, den Aïnouz ins Zentrum ­rückte, saß schließlich über ein Jahr in dem Massenquartier in den Hangarhallen fest.

Verwaltung von Problemen

„Im Juni 2016“, so erzählt der Regisseur über die Dreharbeiten, „hatte ich so weit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, dass wir eine Drehgenehmigung bekamen. Und so durften wir dann jeden Monat drei, vier Tage drehen.“ So entstand Material für eine Chronik, die auch so etwas wie ein Dokument deutscher Verwaltungskunst ist. In den Hallen, die „ein Dach über dem Kopf ohne ein Dach über dem Kopf“ (Aïnouz) boten, entsteht eine Infrastruktur, das Provisorium bleibt provisorisch, wird aber für längere Unterbringung passend gemacht.
Im Dezember 2016 wurde Deutschland durch den Anschlag am Breitscheidplatz erschüttert. Für Karim Aïnouz veränderte sich der Film, an dem er gerade arbeitete, dadurch noch einmal entscheidend. Stärker als ursprünglich geplant rückte er nun Ibrahim ins Zentrum, einen Syrer, der in vielerlei Hinsicht dem Angst- und Feindbild entsprach, das im Land auch schon seit dem Kölner Silvester präsent war: junge Männer ohne Familie. „Eine Mitarbeiterin hatte mit Leuten in Tempelhof ein paar Versuche mit kreativem Schreiben gemacht. Manche schrieben danach Tagebuch. Ibrahim war dabei besonders konsequent. Und so hat es sich ergeben, dass er im Film mit seiner Stimme präsent ist.“ Man hört den jungen Mann von seinem Leben in Syrien erzählen, man sieht ihn aber auch, wie er mit Freunden im Hangar die Zeit totschlägt. Am Ende verändert sich sein Status. Er kann nun in Deutschland ankommen.

Brüder im Getto

„Würde“ ist für Karim Aïnouz dabei eine Schlüsselkategorie für seinen Film. Er zeigt sich überrascht, wie sehr selbst unter seinen gebildeten Freunden (er erinnert sich genau an eine Party in Charlottenburg relativ bald nach dem ­Anschlag) dieses Feindbild des jungen Muslims virulent wurde. Für Aïnouz sind die Menschen in Tempelhof keine „Flüchtlinge“ (das Wort will er vermeiden, es gibt dann also auch keine „Flüchtlingskrise“), sondern „Asylsuchende“. Seine eigenen Erfahrungen, seine gemischte Identität, ­gaben Aïnouz dabei viele Anhaltspunkte, sich in die Situation auf dem „Zentralflughafen“ einzufühlen.

Karim Aïnouz
Die Eltern trafen einander in Amerika, beide auf eine gewisse Weise im Exil. Geboren wurde Karim ­Aïnouz 1966 in Fortaleza, in Brasilien wuchs er auf. 2002 debütierte er mit ­„Madame Sata“ als Filmemacher. 2014 war er mit „Praia do Futuro“ im Wettbewerb der Berlinale. Karim Aïnouz lebt seit 2010 in Berlin.
Foto: Imago/Future Image

„Ich musste oft an die Zeit denken, als ich mit 17 zum ersten Mal nach Paris kam. Das war 1985. Ich wollte meinen Vater treffen, den ich davor nicht ­gekannt hatte. Ständig musste ich mich in Paris ­erklären: Warum trage ich einen arabischen Vor­namen, bin ich etwa einer aus dem Maghreb?“ Damals hatte Aïnouz selbst Erfahrungen gemacht mit einer Würde, die in Frage steht, weil Erfahrungen von Fremdheit sich dazwischenschoben.

Heute spricht er mit bewusster Ironie von seinem ­„Getto“ und von seinen „Brüdern“, wenn er seine ­unmittelbare ­Lebenswelt anspricht, mit dem Kotti und dem ­Kanal als Bezugspunkten, und mit arabischen Nachbarn, wie man sie auch aus der Serie „4 Blocks“ zu kennen meint. Die findet Aïnouz nicht gut, aber das ist nur einer von vielen Nebenaspekten, die er erwähnt. Er ist ein ungeheuer lebendiger ­Gesprächspartner, Vergangenheit und Gegenwart hält er ständig präsent. So hat auch sein Leben in Berlin immer wieder Elemente einer Zeitreise: 1985 kam Karim Aïnouz zum ersten Mal in die Stadt, damals auf der Suche nach ­einer radikalen Linken, die er in Ost-Berlin erhoffte, die er aber eher in Kreuzberg fand. Inzwischen findet er an der Stadt vor allem gut, dass Berlin nach wie vor unfertig ist.
Da ist es dann auch wieder passend, dass ein ehemaliger Zentralflughafen, der Touristen nicht zuletzt als Denkmal von nationalsozialistischen Größenfantasien gezeigt wurde, nun so lange als provisorisches Asyl dienen musste. ◆

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