Film & Video

Omer Fast im Gespräch mit Bert Rebhandl

Ein Film wie eine Matrjoschka: Das Denken in küntlerischen Gattungen ist von gestern. Und die Unterscheidung in digital und analog auch bald, wenn es nach der Reihe „Immersion“ der Berliner Festspiele geht.  Deren nächste Ausstellung zeigt Arbeiten von Omer Fast, bei dem Bildende Kunst und Kino zusammenfinden

Omer Fast: Everything That Rises Must Converge, 2013 56 Minuten, Vier-Kanal-Videoinstallation, im Loop Courtesy Galerie Arratia Beer / gb agency / Dvir Gallery / James Cohan Gallery © Omer Fast
Omer Fast: Everything That Rises Must Converge, 2013 56 Minuten, Vier-Kanal-Videoinstallation, im Loop Courtesy Galerie Arratia Beer / gb agency / Dvir Gallery / James Cohan Gallery © Omer Fast

Der aus Israel stammende, in Berlin lebende Künstler Omer Fast zählt schon seit einer Weile zu den wichtigsten Grenzgängern zwischen den Feldern der Bildenden Kunst und des Kinos. Mit „Remainder“ hat er kürzlich seinen ersten Spielfilm (auf Grundlage eines experimentellen Romans von Tom
McCarthy) präsentiert, nun kommt mit „Continuity“ eine für das Kino adaptierte Version eines Projekts heraus, das zuvor schon bei der Documenta 2012 und als Kurzfilm beim renommierten Festival in Oberhausen zu sehen war. Der Gropius-Bau zeigt nun eine Ausstellung mit sieben Werken von Omer Fast, darunter das neue Projekt „August“, in dem er sich in 3D mit dem Fotografen August Sander beschäftigt. In „Continuity“,  der ins Kino kommt, wiederum geht es um ein deutsches Paar, dessen Sohn aus einem Militäreinsatz zurückkommt. Die Szene, in der sie ihn am Bahnhof abholen, wiederholt sich in Variationen, es kommen immer wieder neue Söhne, so dass schließlich der Stillstand der Zeit nach einer Traumatisierung in einer Schleife schmerzhaft erlebbar wird. Fast verarbeitet Themen wie Homosexualität, Orientalismus und Bürgerlichkeit in eine komplexe Versuchsanordnung, die mit einem starken Bild endet, das wiederum voll von kunsthistorischen Bezügen ist. Für den tip hat Omer Fast einige Fragen über sein Verhältnis zwischen den künstlerischen Feldern schriftlich beantwortet.

tip Herr Fast, „Continuity“ gibt es in verschiedenen Versionen. Ist die letzte für das Kino diejenige, auf die es von vornherein hinauslaufen sollte, oder ergab sich das eher zufällig – aus institutionellen Möglichkeiten oder einfach aus persönlichen Gründen?
Omar Fast Die meisten meiner Arbeiten sind wie One-Night-Stands. Wenn es vorbei ist, wendet man sich am Besten etwas Neuem zu. Bei „Continuity“ habe ich den Fehler begangen, dass ich mich verliebt habe. Ich habe weiter an die Figuren und an die Geschichte gedacht: Wo sind sie jetzt? Was machen sie gerade? Ich wollte sie wiedersehen, also habe ich ihre kleine Welt erweitert, weitere Figuren eingeladen und die Geschichte komplizierter gemacht. Das ist im Allgemeinen keine gute Idee bei Kunstwerken – und in Beziehungen. Aber ich konnte nicht anders.

tip In welchem Verhältnis stehen die Versionen zueinander? Ist das wie bei Matrjoschkas, die sich selbst in kleineren Ausgaben enthalten? Oder hat jede Version ihr Eigenleben?
Omar Fast Die kurzen Versionen sind für Ausstellungssituationen gedacht, in denen die Besucher kommen und gehen, ohne den Film unbedingt von Anfang bis Ende zu sehen.  Diese Versionen sind stärker verdichtet und weniger linear. Wenn man in der Mitte einsteigt, kommt man ohne große Schwierigkeiten an den Anfang, weil die Geschichte eigentlich nie richtig beginnt oder endet. Die lange Version verwebt die beiden kürzeren Filme, allerdings mit einem anderen Effekt: Auch hier haben wir es nicht einfach mit einer linearen Geschichte zu tun, aber das Paar arbeitet sich doch durch seinen Schmerz und durch die Abgründe, die sich auftun, und es gibt am Ende eine Art Lösung.

tip Ist das Kino so etwas wie ein Telos in Ihrer Karriere, läuft Ihre Arbeit letztlich darauf hinaus, wie man jetzt mit „Remainder“ und „Continuity“ meinen könnte?
Omar Fast Nein. Kino bietet wunderbare audiovisuelle Bedingungen und ermöglicht ein konzentriertes Sehen, aber es ist schwieriger im Kino, spontan zu sein und Risiken einzugehen. Wenn ich nur noch Filme für das Kino machen würde, könnte ich gleich aufhören, denn das Leben ist kurz, und diese Projekte sind zu aufwändig und kosten zu viel Zeit.

tip Was verbinden Sie mit dem Konzept der Immersion? Dieser Begriff steht über Ihrer Ausstellung im Gropius-Bau, er bildet einen Zusammenhang, in den sie vielleicht nur bedingt gehören, auch wenn es möglich ist, sich in Ihren filmischen Welten „zu verlieren“, wie es im Ausstellungstext heißt.
Omar Fast Bei Immersion steckt etwas von Isolation und Flucht drin, das sind Möglichkeiten, die mich nicht wirklich interessieren. Ich glaube, ich mag diese Mittel, die Brecht entwickelt hat, die es dem Publikum ermöglichen, die vollständige Immersion aufzubrechen, und das Geschichtenerzählen, wie immer fiktional oder absurd es sein mag, mit realen, sozialen Räumen zu verbinden. Andererseits kommt es bei einer richtig immersiven Umgebung natürlich genau darauf an: dass sie einen so aus der Wirklichkeit hinauszieht, dass man am Ende erst recht wieder darin auftaucht, aber verkehrt.

Omer Fast. „Reden ist nicht immer die Lösung“ Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Kreuzberg, Mi–Mo 10–19 Uhr,  bis 12.3.17

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