Drama

„On the Beach at Night Alone“ im Kino

Ein Leben in der Warteschleife

Grandfilm

In den Filmen des koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo geht es in gänzlich unspektakulärer Weise immer ums Ganze. Wie soll man leben? Wie soll man lieben? Wie kann man das alles überhaupt bewerkstelligen? All das fragen sich seine Protagonisten und haben keine Antwort. Männer und Frauen umkreisen einander und können nicht recht zusammenfinden: Die Männer sind schwach, bequem und immer etwas selbstmitleidig. Die Frauen, die in Hongs Filmen seit ­einigen Jahren im Mittelpunkt stehen, würden gern selbstbewusst auftreten und sich auch von anderen in ihrer Selbstbestimmtheit gewürdigt sehen. Doch dafür müssten sie sich ­gelegentlich für oder gegen etwas entscheiden. Was sie nicht können.

„Soll ich …?“, lautet die am häufigsten ­gestellte Frage in einem Hong-Film: Soll ich nach Korea zurückkehren? Soll ich in ­Gang­neung leben? Soll ich einen alten Freund anrufen? Soll ich noch etwas essen? Soll ich einen Kaffee trinken? Wenn der Regisseur die großen philosophischen Fragen des Lebens auf den banalen Alltag herunterbricht, kommt in seinen Filmen auch ein nicht immer auf den ersten Blick erkennbarer leiser Humor zum Vorschein, der einem als Zuschauer eher ein verschmitztes Grinsen als ein lautes Lachen abnötigt.

Hong macht aus seinen Geschichten kein ­großes Drama, er wählt lieber eine Form der hintersinnigen Komödie. Eine leise, oft absurd erscheinende Situationskomik durchzieht die Filme, vor allem, wenn sich seine Protagonisten irgendwann unweigerlich betrinken. Denn das ist in asiatischen Ländern die einzige Möglichkeit, sich daneben zu benehmen oder unangenehme Wahrheiten auszusprechen, ohne das Gesicht zu verlieren. Dann werden die Stimmen lauter und die Thesen steiler, und es ergeben sich ungeahnte Perspektiven, die man – plötzlich wieder nüchtern – lieber doch nicht wahrnimmt.

In „On the Beach at Night Alone“ hat die junge Schauspielerin Young-hee (Kim Min-hee) gerade ihre Affäre mit einem älteren, verheirateten Regisseur beendet. Sie sucht Abstand bei einem Aufenthalt in Hamburg, wo sie leckere Würstchen auf einem Wochenmarkt isst und mit einer Freundin durch einen winterlichen Park spaziert. In langen Einstellungen zeigt Hong, wie die beiden auf ­einer Bank sitzen und Beziehungsprobleme reflektieren. In dieser Hinsicht ist alles wie immer in einem Hong-Film – und natürlich gänzlich unbestimmt: Denn vielleicht ist die Affäre auch nicht beendet, vielleicht kommt der Mann sie ja doch besuchen. Später, zurück in Korea, trifft Young-hee in der Hafenstadt Gangneung alte Freunde, man isst, trinkt und diskutiert, irgendwann begegnet sie auch wieder dem Regisseur und seiner Crew. Vielleicht aber ist das auch nur ein Traum Young-hees, nachts allein am kalten Strand.

In Hongs einfachen, aber doppelbödigen Geschichten spielt das sowieso keine Rolle: Traum und Realität entsprechen sich, sie erzählen von einem Leben voller Optionen, die niemand wahrnimmt, weil es einfach viel zu viele davon gibt. Das Leben verlangt nach Entscheidungen, die in einem Hong-Film niemand trifft. Die Figuren treiben dahin in ihren Tagträumen und Wunschvorstellungen, stets ratlos – und deshalb auch so sympathisch.

Bambui haebun-eoseo honja (OT) ROK 2017, 101 Min., R: Hong Sang-soo, D: Kim Min-hee, Seo Young-hwa, Jeong Jae-yeong, Start: 25.1.

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