Performance

„Oratorium. ­Kollektive ­Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“ im HAU 2

Wem gehört die Welt? Ist Eigentum Diebstahl? She She Pop fragen mit „Oratorium. ­Kollektive ­Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“ nach dem letzten Tabu: Besitz

Katrin Ribbe

Bei einem Oratorium handelt es sich laut Wikipedia um „die dramatische, mehrteilige Vertonung einer zumeist geistlichen Handlung, verteilt auf mehrere Personen, Chor und Orchester. Es ist eine erzählend-dramatische (also mit Handlungselementen durchsetzte) Komposition“.

Wenn in die Jahre gekommene, postdramatisch geschulte Performer eines ihrer Stücke ein Oratorium nennen, darf man davon ausgehen, dass sie weniger am religiösen Gehalt des Formats als an der formalen Struktur selbst interessiert sind. She She Pop versehen ihr „Oratorium“ am HAU mit einem feierlichen Untertitel: „Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“. Bei diesem Geheimnis handelt es sich um die DNA, das Betriebssystem, den Fetisch und Treibstoff der bürgerlichen Gesellschaft: das Eigentum. She She Pop wollen nichts weniger als dieses Geheimnis auf die Bühne zerren.

Die szenische Pointe besteht darin, dass sie die Infragestellung des Eigentumsbegriffs mit der Entstehung des europäischen Theaters und der Trennung zwischen Chor, also Kollektiv, und Protagonist, also bürgerlichem Individuum, koppeln. Indem She She Pop an chorische Formen anknüpfen, nehmen sie eine theatrale Demontage des überschätzten Individuums samt den dazugehörigen Ideologien vor.

Gemeinsam mit dem Chor der „lokalen Delegierten“ und ihrem jeweiligen Publikum will das Performer-Kollektiv die eigenen Besitzverhältnisse, die Verteilung der Güter – und die damit verbundenen Verwerfungen samt der Frage, was das eigentlich sein soll: Eigentum –, zur Debatte stellen. Als gute Schüler der Postdramatik bemühen sie Brechts Lehrstücktheorie und bilden „uneinige Sprechchöre, die jeden Abend aufs Neue unseren Umgang mit dem Eigentum verhandeln“. Dabei wird der szenische Vorgang selbst immer neu zur Disposition gestellt: Wer hat das Wort, wem gehört die Szene, wer besitzt die Aufmerksamkeit der anderen?

Oratorium. ­Kollektive ­Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis HAU 2 Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Karten 8,80–22 €

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