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Kommentar

„Otto – Der Film“ und die Rassismus-Frage: Warum der Film heute so verstörend ist

Deutscher Mainstream und der Rassismus: „Otto – Der Film“ ist bis heute der erfolgreichste deutschsprachige Film aller Zeiten. Schaut man sich die Komödie aus dem Jahr 1985 noch einmal an, wird der Klamauk von einst zu einem verstörenden Erlebnis. Weil darin rassistische Klischees verbreitet werden. Das ist ein Problem, vor allem wenn man den Streifen mit dem Nachwuchs schaut. Ein Kommentar von Jacek Slaski.

Filmszene aus "Otto - Der Film" (1985).
Filmszene aus „Otto – Der Film“ (1985). Foto: Imago/IFTN/United Archives

Otto Waalkes hat ganze Generationen geprägt. Sein penetranter Lacher, der hopsende Laufstil, die Mimik. Er hat den Ostfriesen zum lustigsten Bundesbürger gemacht und bewiesen, dass deutscher Humor funktionieren kann.

Seine Shows, Platten, Bücher und vor allem die Filme erreichten ein Millionenpublikum. In den 1970er- und 1980er-Jahren war Otto allgegenwärtig und auch später hat er immer wieder oben in der Comedy-Welt mitgemischt.

Die Klischees, die Otto bedient, sind aus der Zeit gefallen

Wenn man mal selber Kinder hat, konfrontiert man sie gerne mit den Helden der eigenen Jugend. So teilt man Erfahrungen und erschafft einen privaten Kulturkanon für den Familiengebrauch. Die Sprösslinge sollen die liebsten Platten, Bücher und Filme der Eltern kennen und schätzen lernen.

So schaute ich kürzlich mit meinem zehnjährigen Sohn den ersten Otto-Film, „Otto – Der Film“ von 1985. Es wurde wider Erwarten ein verstörendes Erlebnis. Der Humor ist seltsam gealtert, die infantilen Gags sitzen stellenweise, doch die Klischees, die Otto bedient, sind aus der Zeit gefallen.

Vermutlich könnte man auch über den nicht immer unterschwelligen Sexismus in Ottos Werk eine ganze Abhandlung verfassen, aber ich widme mich an dieser Stelle den rassistischen Klischees. An mehreren Stellen im Film werden schwarze Menschen diffamiert. Das N-Wort fällt und es gibt eine ganze Szene, in der Otto gemeinsam mit einem dunkelhäutigen US-Soldaten (gespielt von Günther Kaufmann) einen Trickbetrug durchzieht und den afroamerikanischen GI, den er auch noch „Herrn Bimbo“ nennt, einer älteren Dame als Sklaven verkauft.

Die problematische Szene mit Otto und Günther Kaufmann aus „Otto – Der Film“ (1985)

Man könnte jetzt sagen, diese Kritik sei kleinlich, doch unter dem Eindruck der anschwellenden Rassismus-Debatten nach George Floyds gewaltsamen Tod, nach dem Streit um den „N-König“ in Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ und der Tatsache, dass Netflix jetzt Filme wie „Vom Winde verweht“ aus dem Sortiment nimmt, weil diese Rassenklischees transportieren, sollte man vielleicht doch auch über Otto nachdenken.

Es mag ja sein, dass er mit den Gags auf den unterschwelligen Rassismus in der bundesdeutschen Wirklichkeit der 1980er-Jahre hinweisen wollte. Aber es geschieht mit einer Plumpheit, die heute einfach nicht mehr zeitgemäß ist und daher besteht Redebedarf.

Als der Film 1985 erschien, wurde er zum größten Kassenschlager des Jahres. Millionen Menschen strömten auf beiden Seiten der Mauer in die Kinos. Bis heute hält „Otto – Der Film“ den absoluten Rekord, was die Zuschauerzahlen angeht. Der Film hat sich in den Köpfen der Republik abgesetzt.

Nun ist Otto sicherlich kein Rechter

1985 war eine andere Zeit, könnte man wieder sagen, damals konnte man noch einfach so Witze über Schwarze Menschen machen. Das ging klar. Niemand regte sich darüber auf. Und in gewisser Weise stimmt das. Bis heute. Wenn man „Otto“ und „Rassismus“ googelt, findet man Artikel zu rassistischen Tweets, die sich gegen den Versandhändler Otto richten, nichts aber zu Waalkes. Auch im Wikipedia-Artikel zum Film wird der offenkundige Rassismus nicht thematisiert.

Nun ist Otto sicherlich kein Rechter und ich will ihm auch nicht unterstellen, er sei ein Rassist. Vermutlich würde er sich heute von den alten Gags distanzieren, solche Witze einfach nicht mehr machen. Im Kern ist er ein guter, weltoffener Typ, keine Frage. Ich mag Otto ja irgendwie noch immer. Und nichts liegt mir ferner, nach Zensur oder Verboten zu rufen.

Dennoch sollte man sich fragen, was es für eine Gesellschaft bedeutet, dass ein derart erfolgreicher Film so offen und plump mit rassistischen Klischees spielt und das nicht einmal erkannt und eingeordnet wird. Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt, da über die US-Serie „Friends“ genauso wie über die BBC-Hits „Fawlty Towers“ und „Little Britain“ und die darin verbreiteten Vorurteile diskutiert wird, sollte auch Otto einer Revision unterzogen werden. Es ist Zeit für eine Auseinandersetzung mit Otto und dem Rassismus!

Auf jeden Fall muss man nach der Vorführung dem eigenen Kind sogleich erklären, dass man schwarze Menschen nicht mehr als „Bimbo“ oder mit dem N-Wort bezeichnen darf.


Es gab Kritik an der großen Black-Lives-Matter-Demo – der Vergleich mit der Boot-Demo war großer Unfug. Ihr wollt euch zum Thema Antirassismus weiterbilden? Wunderbar: in den letzten Jahren sind auch in Deutschland einige empfehlenswerte Bücher zum Thema erschienen. Eine kleine Auswahl hat „She said“ zusammengestellt: Berlins neue Frauenbuchhandlung, die ihren Fokus auf Autorinnen und queere Literatur setzt.

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