Utopie oder Dystopie?

„Overmorrow“ in der Wilden Renate: Sieht so das Leben nach Corona aus?

Drag Queens, die in Kästen auftreten, Menschen, die wie Geister hinter Tüchern leben und eine Welt, die in Männliches und Weibliches strikt trennt. Andererseits: Masturbierende Frauen und feiernde Nachtschwärmer*innen. Sieht so die Zukunft nach Corona aus? Was wird sich verändern, was bleibt wie vorher? Das fragen sich 40 Künstler*innen in einer immersiven Kunstausstellung mit Perfomances, Bildern und Installationen. Die Wilde Renate und die Party-Kollektive Bad Bruises und Trash Era präsentieren: „Overmorrow.“

Die Wilde Renate, Bad Bruises und Trash Era präsentieren "Overmorrow": utopische und dystopische Visionen vom Leben nach Corona.
Die Wilde Renate, Bad Bruises und Trash Era präsentieren „Overmorrow“: utopische und dystopische Visionen vom Leben nach Corona. Foto: Mark/Wilde Renate

Wenn die Tür zum Gebäude der Wilden Renate sich öffnet, dringt Nebel heraus. Dahinter führt eine schmale Treppe hinab ins Kellergewölbe. Es riecht ein wenig modrig, so richtig nach Keller eben. Neonlichter hängen an der niedrigen Decke. Unten stehen mehrere Bildschirme, auf einem erscheint ein Mann, der einen auf Englisch anschreit: „Make yourselves comfortable! Don’t take off you masks!! You have to follow the rules exactly!!!“ Dann beginnt eine verschlungene Reise durch die Räume des Clubs, die einen mitnimmt in die Welt der Peepshows, des Porno und des Burlesque, die unsere misogyne Gesellschaft aufs Korn nimmt und eine Gruselstimmung verbreitet, die einen wohlig erschauern lässt.

Schon in normalen Partynächten ist ein Besuch in der Wilden Renate ein Erlebnis. Der Club befindet sich in einem ehemaligen Wohnhaus mit großem Garten in Friedrichshain, direkt an der Elsenbrücke. Im Keller, im Erdgeschoss und im ersten Stock bespielen DJs die Tanzflächen, dazwischen Flure, das Treppenhaus und kleine Räume mit knautschigen Sofas zum Entspannen und Quatschen — und ein Nintendo 64, auf dem man Mario Kart spielen kann.

Die Wilde Renate, Bad Bruises und Trash Era präsentieren "Overmorrow": utopische und dystopische Visionen vom Leben nach Corona.
Ein militärischer Typ schreit einen an: An die Regeln muss man sich unbedingt halten. Foto: Olivier Metzger

Das Ziel: Künstler*innen ermöglichen, etwas Geld zu verdienen

Normale Partynächte gibt es aber wegen der Corona-Pandemie auf unbestimmte Zeit nicht mehr. Deswegen hat sich das Team der Wilden Renate zusammen mit den Partykollektiven „Trash Era“ und „Bad Bruises“, die sonst queere Partys in der Wilden Renate veranstalten, etwas anderes ausgedacht, um wieder Leben in die Räume des Clubs zu bringen. Und um wenigstens einigen Kreativen der Stadt eine Möglichkeit zu geben, zu arbeiten. Denn wann die Orte, an denen sie sonst arbeiten, die Clubs, Theater, Bars und Konzertlocations, wieder öffnen, beziehungsweise regulär Besucher*innen empfangen dürfen, ist weiterhin unklar.

Seit dem 18. Juli gibt es in dem Club an der Spree eine immersive Kunstausstellung mit Installationen, Bildern und Künstler*innen, die in den einzelnen Räumen auftreten: Overmorrow entführt einen in eine skurrile Welt voller merkwürdiger, fantastischer Gestalten. Die Gäste dürfen die Ausstellung wegen Corona nur zu zweit betreten und sich dann je fünf Minuten in jedem Raum aufhalten – insgesamt dauert der Rundgang eine Stunde. Für die Künstler*innen bedeutet das, dass sie immer und immer wieder ihre Performance wiederholen müssen, in einer sehr intimen Atmosphäre. Denn die Zuschauer*innen sehen ihnen teilweise aus wenig mehr als einem 1,5 Meter Entfernung zu. Normalerweise arbeiten sie in Theatern und Clubs, als Pornodarsteller*innen und Musiker*innen, sie kreieren audiovisuelle Installationen oder sind selbst Kunst, als Drag Queens zum Beispiel. Aber eben meist: auf Bühnen mit Scheinwerfern im Gesicht, sodass das Publikum zu einer Masse verschwimmt.

Eine dystopische utopische Traumwelt

Außerdem arbeiten sie mit einem völlig neuen Team zusammen. „Die Overmorrow-Ausstellung ist eine Kreatur, in die viele verschiedene Menschen ihre Kreativität gesteckt haben. Ich wollte schon lange so eine Ausstellung erschaffen, ich mag es, Traumwelten für meine Gäste zu erschaffen. Aber es brauchte die Pandemie, um die Idee zu realisieren“, sagt Billie Rae Bigsby vom Bad Bruises-Kollektiv. Bigsby hat den Anstoß für das Projekt gegeben. Diese spezielle Traumwelt schwankt zwischen Utopie und Dystopie, zeichnet Visionen davon, wie die Welt nach der Corona-Pandemie aussehen könnte – und lässt das Pendel meist dorthin schwingen, wo es düster ist.

Die Wilde Renate, Bad Bruises und Trash Era präsentieren "Overmorrow": utopische und dystopische Visionen vom Leben nach Corona.
Verpasst sich der Mönch selbst einen Maulkorb? Foto: Olivier Metzger

Da ist zum Beispiel der Raum, in dem eine nackte Frau sitzt, auf der linken Seite umgeben von babyblauen Gegenständen, die für kleine Jungs gemacht sind, auf der rechten Seite umgeben von einer Welt in rosa. Da ist der Raum, in dem Menschen sich in elastische Tücher werfen, gefangen hinter dem Stoff, nicht oder nur minimal in der Lage, Kontakt zu anderen aufzunehmen – eine Folge der Kontaktverbote während der Pandemie? Dragqueens performen in rosa Gefängnissen und ein Mönch verpasst sich selbst einen Maulkorb. Aber da ist auch die Frau, die sich durch Masturbation von den Fesseln befreit, die sie ihrer Freiheit berauben.

Bei Online-Streams fehlt die Reaktion des Publikums

Nach Monaten der Isolation, nach einer intensiven Pause treten die Künstler*innen wieder vor Publikum auf. „Die Online-Streams waren gut, aber da gab es keine Reaktion vom Publikum“, sagt Geovane de Bortoli vom Trash Era-Kollektiv. Trash Era zeigt bei ihren Partys in der Renate normalerweise von 21 bis 1 morgens Kunst, bevor das Feiern losgeht. De Bortoli ist froh, den Künstler*innen wieder eine Bühne bieten zu können – auch wenn die ganz anders aussieht, als sonst. „Ich weiß nicht, ob es jemals wieder so wird, wie vorher. Aber immerhin können wir so etwas tun, immerhin haben die Künstler*innen die Möglichkeit, sich mental fit zu halten und wieder vor Menschen aufzutreten“, sagt er.

Körper spielen einen große Rolle bei „Overmorrow“. Foto: Mark/Wilde Renate

Und sie können Geld verdienen – Corona hat die meisten von ihnen in existentielle Schwierigkeiten gebracht. Die meisten derjenigen, die in der Wilden Renate auftreten, haben nichts abbekommen von den Soforthilfen für Selbstständige, weil sie keine deutschen Staatsbürger*innen sind, weil sie nicht in Deutschland gemeldet sind. Von den 25 Euro Eintritt pro Person geht deswegen auch der Großteil an die 40 Künstler*innen. Außerdem überlegen die Macher*innen, die Ausstellung zu erweitern, damit bald mehr Künstler*innen davon profitieren können und die Möglichkeit haben, sich und ihre Kunst zu zeigen. Bad Bruises, Trash Era und die Wilde Renate selbst verdienen nichts an dem Projekt.

Und das, obwohl die Zukunft des Clubs selbst auch nicht rosig aussieht: Zwar hat seit einiger Zeit der Garten des Clubs als Biergarten für Gäste geöffnet, doch das reicht nicht, um langfristig zu überleben. „Das, was wir vom Soforthilfe-Paket IV abbekommen haben, deckelt unsere Fixkosten bis Ende August“, sagt Booker und Pressesprecher Benedikt Bogenberger. Da kommt der Vorstoß des Senats gerade recht: Nach einem Bericht der Berliner Morgenpost fordert Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, dass Clubs bald Open-Air-Partys veranstalten dürfen, die auf vom Land bereitgestellten Flächen stattfinden.

Wilde Renate Alt-Stralau 70, Friedrichshain, 18. August – Open End, täglich 14-22 Uhr, Facebook: www.facebook.com/OvermorrowBerlin, Tickets: www.overmorrow.de


Die Renate ist nicht der einzige Club, der statt Party Kunst bietet. Mit Tamtam im Berghain erlebt man den archaischen Sound einer alten Industrieanlage. Kunst-Freund*innen empfehlen wir außerdem diese 12 Ausstellungen, von Christo und Jeanne-Claude bis Umbo.

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