Debattenkultur

„Pack“ und andere Castorf-Nazis

Der Streit um die Volksbühne hatte lange Züge einer Sitcom. Inzwischen verlieren aber auch angesehene Künstler die Nerven. Die Frage ist, was es über die Kultur der Stadt aussagt, wenn ein Dialog nicht mehr funktioniert

Volksbühne
Volksbühne

Wer in den letzten Woche aus Neugierde durch die Kommentare auf der Facebook-Seite der neuen Dercon-Volksbühne scrollte, hatte anschließend den dringenden Wunsch, sich die Hände zu waschen. Freunde der Dercon-Intendanz ersetzen das Argument auf den Facebook-Kanälen gerne durch die Beleidigung. Die Kommentare zur anhaltenden Debatte darüber, ob Dercons Berufung an die Volksbühne eine originelle Idee der Kulturpolitik oder eher eine feindliche Übernahme sei, verlassen in Teilen alle bürgerlichen Umgangsformen. Selbst ansonsten zurechnungsfähige Zeitgenossen verlieren jede Contenance. Konstantin Küspert, eigentlich ein okayer Dramatiker, beschimpft Kritiker der Berufung Dercons als „Pack“. Interessante Wortwahl für jemanden, zu dessen Beruf die Arbeit mit der Sprache gehört. Andere Dercon-Verteidiger fahren ihre Kontrahenten mit markigen Befehlen an: „Geh’ arbeiten“ oder „Hau ab“ lauten ihre Beiträge zur Diskussion. Offenbar ist das der Tonfall, an den man sich in der Auseinandersetzung um die Zukunft der Volksbühne gewöhnen muss, wenn man auf aufgeregte Dercon-Freunde trifft.

Das Verdienst, zu beweisen, dass es noch etwas unappetitlicher geht, gebührt Felix Schnieder-Henninger. Er nennt auf den Facebook-Kanälen der neuen Volksbühne Dercon-Skeptiker schlicht „AfD-Psychopathen“. Auch das ist eine interessante Wortwahl. Schnieder-Henninger, privat ein netter Mensch, beschäftigt sich beruflich mit Kulturmarketing, er könnte also wissen, wovon er redet. Mit seinen bemerkenswert enthemmten Ausfällen demonstriert er neben dem eigenen Erregungspegel vor allem, dass die Hassvokabel-Skala bei Dercon-Freunden keine Untergrenze kennt. Auf dieses Niveau hat sich keiner der ernstzunehmenden Dercon-Kritiker auch nur annährend begeben. Neben der nüchtern analytischen changeorg-Petition zur Zukunft der Volksbühne, die inzwischen über 37.000 Unterschriften hat, ist der Facebook-Hatespeech nur armselig.

Den Vergleich von Dercon-Skeptikern mit den Rechtspopulisten der AfD haben vor Schnieder-Henninger schon die Feuilletonisten des „Tagesspiegel“ mit angestrengten Wortspielen („Alternative für Dercon“) bemüht. Der Vergleich ist absurd und zeugt vor allem vom Ressentiment seiner Verursacher. Weil er aber mit einiger Penetranz wiederholt wird, muss man ihn wohl kurz auseinandernehmen. Die dahinter stehende Logik unterstellt Dercon-Skeptikern latente oder offene Xenophobie. Die Vorbehalte gegen Dercon, so die Konstruktion, gelten nicht seiner fehlenden Theater-Kompetenz, seinem orientierungslos zusammengekauften Programm, das Diedrich Diederichsen zurecht „einfach hohl“ nennt, den vielen Schließtagen oder der drohenden Abschaffung eines Repertoire- und Ensemble-Theaters. Nein, sie gelten angeblich der Tatsache, dass Dercon Belgier ist und in England gearbeitet hat. So wird die eigentliche Kritik an Dercons Berufung von Scheindebatten und infamen Unterstellungen zugedeckt.

Wer behauptet, Dercons Berufung stoße wegen seiner Herkunft auf Ablehnung, tut so, als seien in der Stadt Intendanten ohne deutschen Pass die aufregende Ausnahme, die bei aggressiv bio-deutschen Natural-Born-Bolle-Berlinern für allergische Reaktionen sorge. Wer das im Ernst glaubt, zeigt vor allem die eigene Ahnungslosigkeit. Nun, wir helfen gerne nach: Die tolle Intendantin des HAU, Annemie Vanackere: eine Belgierin, sozusagen der erfreulichste Exportartikel Belgiens, mal abgesehen von den Pralinen. Der geliebte Intendant der Komischen Oper: Barrie Kosky, ein schwuler, jüdischer Australier. Der jetzige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker: ein Brite. Sein Nachfolger: ein Russe. Der Gründungsintendant des Humboldtforums: ein Brite. Der gefeierte Chefdirigent der Staatsoper, Daniel Barenboim: ein Argentinier mit israelischem und palästinensischem Pass. Die kluge Leiterin von Tanz im August: eine Finnin. Und wenn wir die Migrationshintergründe der Künstler eines unserer Lieblingstheater, Shermin Langhoffs Gorki, aufzählen wollten, wäre dieser Artikel wahrscheinlich noch eine halbe Seite länger. Intendanten und Künstler mit Arbeitsmigrationshintergrund sind in der Stadt seit Jahren eine Selbstverständlichkeit. Und wenn es mehr werden, um so besser. Das ist großartig, das ist Berlin, auch wenn das vielleicht noch nicht jeder „Tagesspiegel“-Kulturredakteur und jeder auf Facebook mit Schmutz werfende Dercon-Fan mitbekommen hat. Das Problem mit Chris Dercon ist nicht, dass er Belgier ist. Das Problem mit Chris Dercon ist, dass er Chris Dercon ist.

Lustig ist, wie die Dercon-Pressestelle das Debatten-Niveau auf den eigenen Facebook-Seiten kommentiert hat: „Zutiefst erschüttern uns die Hasskommentare, Beleidigungen, die vulgären und xenophoben Aussagen jenseits von Fakten.“ Das bezieht sich erstaunlicherweise nicht etwa auf die „Pack“- und AfD-Ausfälle, sondern auf die Dercon-Kritiker. Bizarr, aber vielleicht hat ja Sean Spicer, der Erfinder der „alternative facts“, inzwischen in Dercons Pressestelle angeheuert.

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