Kino & Film in Berlin

Paolo Sorrentinos „La grande bellezza“ ist ein Update Italiens

La_Grande_BellezzaIm Rückblick auf das europäische Kino der frühen 1960er-Jahre erscheint das Thema des Intellektuellen in der Krise wie ein genuin italienisches Genre. Die Unbekümmertheit der Wirtschaftswunderjahre war vorbei, und in Filmen wie Fellinis „La dolce vita“ (1960) und „Achteinhalb“ (1963) oder Antonionis „La notte“ (1961) erwachten Reporter, Schriftsteller und Filmemacher urplötzlich jener Gesellschaft entfremdet, die sie hervorgebracht hatte. Berufliches Schaffen, persönliche Beziehungen, das Partytreiben, kurz: das ganze Leben kam auf den Prüfstein – und schien vergeudet. Zugleich zeigten sich die Filme aber auch fasziniert von dem vitalen Leerlauf, den sie beschrieben: Keine Stadt ist im Kino schöner dekadent als Rom.

Mit „La grande bellezza“ legt der italienische Regisseur Paolo Sorrentino nun einen Film vor, der tatsächlich wie ein zeitgenössisches Update erscheint, übertragen auf die Bunga-Bunga-Welt von Berlusconis Italien. Geprägt von einem altersbedingten Rückblick des abgeklärten Gesellschaftsreporters Jep Gambardella (Toni Servillo) auf ein Leben, das ihm nun leer und verschwendet erscheint, steht dem hektischen Takt exzessiven Feierns dabei das elegische Flanieren des Society-Königs durch die Stadt und durch Episoden mit einem breit gefächerten, manchmal durchaus satirisch angelegten Reigen menschlicher Beziehungen gegenüber. Ähnlich wie einst Marcello Mastroianni wandert Servillo distinguiert-ratlos durch das Leben und die Erinnerungen seiner Figur, in denen nur eine Jugendliebe und sein einziger, vor über dreißig Jahren geschriebener Roman sentimentalen Halt zu bieten scheinen.

In seiner ausgeklügelten Inszenierung und den fantastischen Breitwandbildern von Kameramann Luca Bigazzi ist der Film dabei eine Augenweide: Wenn nach durchfeierter Nacht die leeren Gläser am Rande der Dachterrasse stehen und hinter einer riesigen Martini-Reklame das erste Licht des Morgens durchschimmert, dann möchte man, Dekadenz hin oder her, sofort nach Rom fahren. Zweifellos hat Sorrentino gefunden, wonach der Held seines Films vergeblich sucht: die große Schönheit des Lebens und der Stadt Rom.

Text: Lars Penning

Foto: GianniFiorito/DCM

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten La grande bellezza im Kino in Berlin

La grande bellezza Italien/Frankreich 2013; Regie: Paolo Sorrentino; Darsteller: Toni Servillo (Jep Gambardella), Carlo Verdone (Romano), Sabrina Ferilli (Ramona); 142 Minuten; FSK 12;

Kinostart: 25. Juli

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