Essay

Paulina Czienskowski: Die Liebe und der Schmerz

Die Autorin Paulina Czienskowski hat sich für uns Gedanken ­darüber gemacht, welche Geschichten ­Berlin hervorbringt

Paulina Czienskowski, Foto: Harry Schnitger

Jede Stadt erzählt Geschichten. Berlin aber ist eine Quasselstrippe. Brachial mit einem Wumms prasseln sie auf einen ein, all die Bilder, denen man ständig ausgesetzt ist. Manchmal will man ihnen ganz nah sein und manchmal mag man sie doch lieber nur unbeteiligt aus der Ferne beobachten. Ein Hin und Her und doch die unausweichliche Konfrontation.

Wieder das Erbrochene an der Hausecke. Seit wenigen Wochen jeden Abend dieses junge Mädchen am S-Bahnhof, das Passanten ihre schmale Hand entgegenstreckt. Und neulich ein Polaroid unter der Brücke, darauf: der Schlafplatz eines Obdachlosen. Von Hand geschrieben die Worte: „Thank you, home is where your soul is.“

So viel Schmutz und Traurigkeit und auch so viel Liebe an einem Ort. Mal sanft, mal mit Schwung sein Antrieb. Wäre Berlin nicht bloß Schauplatz, sondern Darsteller, wäre es Protagonist und Antagonist zugleich. Das Gute und das Böse. Anziehend und abstoßend. Die Liebe und der Schmerz. Unbeschwert und bleiern, jauchzend wie deprimiert.

In diese Stadt lässt sich ­hineinprojizieren, was man will. Man kann alles fressen, was einem auf den eigenen Wegen begegnet. Bloß darf man nicht zimperlich sein. Denn die ­Palette ist groß, kann einen überfordern. Doch nur die Dummen verschließen die ­Augen. So lässt die Stadt einen auch mal gelähmt zurück.

Aber genau so sprudelt man im nächsten Moment dann wieder über vor geballtem Enthusiasmus. Dieses Spiel der Intensität macht süchtig nach mehr und stellt von ganz allein den Nicht-Berliner ins Licht des Unerfahrenen. Der Berliner, er hat ja schon alles gesehen, es scheint, ihn könne nichts mehr schockieren. Wer genau hinschaut, weiß, dass das nicht stimmt.

Was Berlin mit seiner Sogwirkung schafft, kann keine andere Großstadt in so beständiger Weise: Ob er will oder nicht, eint sie jeden Einzelnen gleichermaßen in einem Ist-Zustand, der sich von Uhrzeit zu Uhrzeit, von Bezirk zu Bezirk, von Freund zu Freund und von Lebensphase zu Lebensphase ändert. Darin kann man nach oben und unten ausschlagen wie ein Seismograph, sich auch mal neu erfinden.

Das urbane Monster umschlingt einen, stets gut gemeint, mit seinen klebrigen Ärmchen, die nicht mehr so schnell loslassen. Nicht bei Tag, auch nicht bei Nacht. Voll gefressen mit all dem, was Berlin pausenlos quatscht, hält es einen immer fester, injiziert die unzähligen Bilder ins eigene Hirn, bevor man das Gesehene überhaupt selbst formulieren kann.

Die Gefahr der Übersättigung ist groß – die der Sucht, des Rastlosen. So ist der ­schönste Moment in der Stadt der, kurz bevor sie erwacht. Wenn man die Energie, die Berlin dauerhaft in sich trägt, zwar spürt, doch für wenige Momente mal nur abgedämpft. Die Spuren des Lebendigen dann nicht nur flüchtig, sondern mit gemindertem Tempo wahrnehmbar.

Wenn das Gequassel kurz mal verstummt, kann man all die im Kopf gespeicherten ­Sequenzen zu eigenen Erzählungen zusammen puzzeln. Was hinter den Bildern steckt, lässt sich oft nur erahnen. Nichts davon muss zwingend verifiziert werden. Schon die ­Fantasterei macht satt. Und wer all den Geschichten wach begegnet, dem gelingt es auch, die eigene zu erzählen.