Lesungen und Bücher in Berlin

Peter Handke: „Versuch über den Stillen Ort“

Das WC bietet Peter Handke Asyl: ""Versuch über den Stillen Ort"

Es gibt Schriftsteller, die produzieren einen Haufen Scheiße. Peter Handke gehört nicht zu ihnen. Der kann selbst über seine Erfahrungen auf der Toilette schreiben und es kommt große Literatur heraus. Im Ernst! Sein neues Buch heißt „Versuch über den Stillen Ort“ und gemeint ist wirklich: das Klo. Schon als Kind sei es ihm zu einem „Asylort“ geworden, der Gang auf den Stillen Ort zu einem „antisozialen Akt“.Noch heute entziehe er sich so den Menschen. „Einsilbig geworden durch die Worte wie Wörter der andern“, wie er schreibt. „Von ihnen zum Schweigen gebracht – angeödet – verödet.“ Sozusagen als „Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss“. Herrlich! Seit Handke 1966 mit seinen „Publikumsbeschimpfungen“ die Bühne betrat und wenig später den gestandenen Autoren der Gruppe 47 „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf, setzt dieser Mann seine Wut in Kunst um. Gerade ist er 70 geworden, doch sein Menschenverdruss ist ungebrochen.

Monomanisch spürt er persönlichen Beschädigungen nach. Von einem Zitat des schottischen Autors Archibald Joseph Cronin („Die Sterne blicken herab“) ausgehend, erzählt Handke vom stillen Örtchen seines Großvaters in Kärnten, auf dem das Klopapier aus slowenischen Zeitungen bestand. Wie er sich als Junge am ersten Tag im Internat in die Hosen machte und auf eine abgelegene Toilette rettete. Oder wie er Jahre darauf „in einer Art Halbkreis um die ­Klosettmuschel geringelt“ die Nacht auf dem Bahnhof von Spittal an der Drau verbrachte, nachdem er mit Seesack von Daheim losmarschiert war.
Das Buch knüpft an die „Versuchsreihe“ der Jahre 1989 bis 1991 an („Versuch über die Müdigkeit“, „Versuch über die Jukebox“ und „Versuch über den geglückten Tag“), und der Österreicher beweist darin mehr Ironie denn je. Natürlich geht es nicht nur ums Klo. Es geht wie immer bei Handke um alles: den Ernst des Lebens, um existentielle Erfahrungen, das Wiederfinden der Sprache und ums Schreiben. Erst sehr viel später, so wischt Handke in einem Satz wie nebenbei hin, sei ihm auch das Lesen zu einem stillen Ort geworden.    

Text: Welf Grombacher
tip-Bewertung: Lesenswert

Peter Handke: „Versuch über den Stillen Ort“
Suhrkamp, 110 Seiten, 17,95Ђ

 

weitere Buch-Notizen:

Herausragend: Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“
Jenny Erpenbeck verlängert in „Aller Tage Abend“ viermal ein eigentlich schon abgeschlossenes Schicksal  

Heinz Buschkowsky: „Neukölln ist überall“ Der berühmteste Bezirksbürgermeister der Welt hat ein Buch über Integrationsprobleme geschrieben. 

Karen Duve: Grrrimm Grimms Märchen haben 200. Geburtstag. Karen Duve erzählt fünf davon eigenwillig neu. Das haben die Märchen nicht verdient

Sabine Bergk: „Gilsbrod“ Mit einem 120-Seiten-Monolog gibt Sabine Bergk einer Souffleuse eine eigene Stimme.

Zutiefst moralisch: Sibylle Bergs: „Vielen Dank für das Leben“, in der sie über eine gar nicht lustige Zukunft schreibt

Paul Austers: „Sunset Park“  Darin analysiert Auster die amerikanische Depression der neuen Lost Generation

Daniela Dröscher: „Pola“
Der UFA-Star Pola Negri wird durch den Einzug des Tonfilms zum
Kassengift. Die Berliner Schriftstellerin Daniela Dröscher macht daraus
einen Roman.    

Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste“ Bernd Cailloux blickt auf das alte Westberlin zurück – und irgendwie auch auf sich selbst.

David Bezmozgis: „Die freie Welt“  Ein lebenspralles Familienepos, in dem Letten 1978 in Rom stranden.

Rayk Wieland: „Kein Feuer, das nicht brennt“  Ein Roman, der nur vorgibt ein Roman zu sein.

Marion Brasch: „Ab jetzt ist Ruhe“ Eine prominente Familiengeschichte, die auch DDR-Geschichte ist.

Ins heute verlegt: Bjarni Bjarnasons Roman „Die Rückkehr der Jungfrau Maria  

 

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare