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Pfadfinder in Berlin – Sie möchten Teil einer ­Jugendbewegung sein

Uniformen, Lagerfeuer und jeden Tag eine gute Tat: Pfadfinder ­stehen nicht gerade unter Hipness-Verdacht. Trotzdem meldet sich eine ­wachsende Zahl Berliner Kinder und Jugendlicher bei ihnen an. Was wollen die da?

Foto: Christina Hunger

Fünf junge Frauen zwischen 16 und 22 hocken in der Abendsonne auf einem Grashügel in Tempelhof und beugen sich über eine topographische Karte. Sie tragen blaue Blusen mit einer Lilie darauf und rot-weiße Halstücher, auf dem Boden liegen Schaf-Felle und eine Tüte Haribo. Der Geruch eines Lagerfeuers hängt in der Luft, etwas unterhalb stehen drei Bauwagen und ein Apfelbaum.

An diesem Abend planen die Mädchen ihre Großfahrt. In den Sommerferien wollen sie zehn Tage lang durch Ungarn wandern, mit dem Gepäck auf dem Rücken. Bisher wissen sie nur, dass sie nach elf Stunden Zugfahrt am Bahnhof in Budapest aussteigen. Aber was brauchen sie? Sie einigen sich auf ein Gemeinschaftszelt, zwei Kocher, ein Erste-Hilfe-Set, ein Beil und ein Vorlesebuch mit Abenteuergeschichten. Und, nicht zu vergessen: „Eine Kackschippe und eine Gitarre!“ Die jungen Frauen sind Pfadfinderinnen im Deutschen Pfadfinderbund (DPB). Und allzeit bereit.

Heute ist ihr „Heimabend“, so heißen die wöchentlichen Treffen, die beim DPB für Mädchen und Jungen getrennt stattfinden. Zur Begrüßung singen sie ein paar Fahrtenlieder zur Gitarre, in denen die Sehnsucht nach einem Leben unterwegs beschworen wird: „Es locken die Gipfel und Klüfte, es ruft euch der Wellen Gebraus, euch treiben die wehenden Lüfte zur Fahrt in die Ferne hinaus.“
Weder der Text noch die Musik sind ganz auf der Höhe der Zeit, mehr G-Dur als Breakbeat. Aber die Mädchen singen laut und hingebungsvoll, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres, als an einem Sommerabend in Berlin auf einem Hügel zu stehen und ein zweistimmiges Lied über eine „große Tippelei“ in den Abendhimmel zu schmettern.

Tatsächlich sind sie damit nicht allein. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in Berlin, die bei den Pfadfindern mitmachen, ist nach Auskunft der Jugendsenatsverwaltung in den letzten Jahren gestiegen: „Die PfadfinderInnenverbände bieten in den vergangenen zehn Jahren deutlich mehr Kurse der außerschulischen Jugendbildung, internationale Begegnungen und Ferienfahrten an und erreichen somit auch deutlich mehr Jugendliche.“ Aber was macht die Faszination von Volksliedern, Uniformen und deutschem Wald aus? Sind die Zeiten so unsicher, dass sich alle nach ein bisschen Heimat sehnen? Oder sind Lagerfeuer ein Trending Topic, bringen Skills im Fährtenlesen jede Menge Likes?

Das wohl eher nicht. Luca Grabo, 22, kennt die Vorurteile. Sie ist seit acht Jahren bei den Pfadfindern und leitet die Mädchengruppe an, auch wenn sie nur wenig älter ist als die anderen. Ihr blaues Hemd ist zigfach geflickt, die Zimmermannshose über dem Knie abgeschnitten. Sie erzählt, wie sie einmal nachts um vier in voller Montur und mit Rucksack in die U-Bahn gestiegen ist, weil sie früh zu einer Wanderung aufgebrochen sind. Ihr gegenüber saß ein Typ, der gerade von einer Party kam. Er guckte sie nur kurz an und meinte: „Du warst auch noch nie richtig feiern, oder?“ Doch, war sie.

Grabo hat braune Haare und einen Undercut, das Deckhaar ist blond gefärbt. Am Maxim Gorki Theater macht sie eine Ausbildung zur Bühnen-Plastikerin, ein Aufkleber mit dem Hashtag #besetzen prangt auf ihrem Kalender. Besonders heimatbewegt sieht sie nicht aus. Ist sie auch nicht. Im Gegenteil. Sie findet solche Begriffe total überholt. Sie ist wegen des Gemeinschaftsgefühls bei den Pfadfindern, wegen der Freundschaften und der Freiheit, die sie hier fand. Als sie das erste Mal mitgemacht hat, war sie gerade 14, eine Freundin hat sie mitgeschleppt. Dass die Leiter kaum älter waren als die Mitglieder der Gruppe, fand sie fantastisch. „Da läuft einfach vieles lockerer, man kann sich ausprobieren und hat die totale Freiheit, so zu sein, wie man will.“

Frei sein, draußen sein, ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl: Das sagen hier alle, die man fragt, warum sie in einer Pfadfinder-Kluft stecken. „Man ist auf eine andere Art verbunden“, meint Luzie, die auch in Grabos Gruppe ist, „das ist ein Gefühl, das ich vorher so nicht kannte“. Auf den Fahrten spürt sie es. Da hängen sich alle zusammen rein: Gepäck tragen, Zelte aufbauen, Feuer machen, Essen kochen. Und am Abend schlüpfen sie zusammen in die großen schwarzen Zelte.
Die Bildungswissenschaftlerin Nina Kolleck sagt, dass die Jugendlichen bei den Pfadfindern vieles finden, was im Kontrast zu ihrem Alltag steht: „Schon in der Grundschule herrscht der Leistungsdruck, die Schüler stehen untereinander in Konkurrenz und fühlen sich oft als Einzelkämpfer.“ Deswegen sehnten sie sich danach, Gemeinschaft zu erfahren: „Sozial eingebunden zu sein ist ein psychologisches Grundbedürfnis“. Rituale würden den Zusammenhalt in einer Gruppe verstärken und den Kindern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Die Pfadfinder pflegen solche Rituale – und sprechen ihre eigene Sprache. Ihre Welt ist von „Wölflingen“, „Meuten“, „Gilden“ und „Stämmen“ bevölkert. Wer von außen kommt, fühlt sich ein bisschen wie in einer Parallelgesellschaft. Erst wenn man sich ein paar Skills (Knoten machen, Jurten aufbauen) angeeignet hat, wird man in die Gemeinschaft aufgenommen. In einem feierlichen Initiationsritus erhält man im Schein des Lagerfeuers sein Pfadfindertuch.

Viele Pfadfindervereine pflegen solche Traditionen. Dazu gehören auch das Pfadfindergesetz, das aus zehn Regeln besteht, und die Pfadfinderversprechen, die die Mitglieder ablegen. Ein Satz wie „Der Pfadfinder ist hilfsbereit und einsatzfreudig“ ist wenig kontrovers. Aber es gibt auch andere. „Ich verspreche bei meiner Ehre, meine Pflicht gegenüber Gott und meinem Vaterland zu erfüllen“ zum Beispiel. Ehre, Vaterland, Gott – damit tun sich einige schwer.

Luca Grabo erzählt, dass es darüber immer wieder fruchtbare und frustrierende Debatten gebe. „Da gehen die Meinungen weit auseinander. Viele sagen, dass sie nichts damit am Hut haben, andere wollen nichts ändern, weil sie die Auseinandersetzung mit den Bedeutungen der Begriffe wichtig finden.“ Die Diskussionsprozesse findet sie extrem langwierig.

Foto: Luca Grabo

Es gibt aber auch Gruppen in Berlin, die sich selbst als Pfadfinder verstehen, obwohl sie mit den meisten Traditionen gebrochen haben. So zum Beispiel der Bund Deutscher Pfadfinder_innen (BDP). Dort gibt es weder Kluft noch Pfadfindergesetz oder -versprechen. Sie sehen auch ihre Aufgabe etwas anders: „Suchten Pfadfinderinnen und Pfadfinder früher, sich in der Natur zurechtzufinden, so gilt uns dies heute auch für die Gesellschaft. Mehr denn je muss jedes Mädchen und jeder Junge lernen, sich eigenständig zu orientieren“, schreiben sie. Das mit der Orientierung in der Gesellschaft meinen sie offensichtlich ernst. Auf die Email der Redaktion kommt eine Abwesenheitsnotiz zurück: „Wir sind auf der Fusion.“ Sie gehen also auch zelten – aber auf einem Technofestival mit 70.000 Teilnehmern. Gruppenstunden gibt es bei ihnen nicht, dafür Kleidertausch-Partys. Im Sommer organisieren sie eine Radtour nach Frankreich.

Der Verein ist laut Selbstauskunft ein „antifaschistischer, antirassistischer, multikultureller, innovativer, basisdemokratischer, selbstbestimmter“ Jugendverband. Nicht weniger als sechs Adjektive scheint es zu brauchen, um sich abzugrenzen von ganz anderen Geisteshaltungen, die teilweise ebenfalls unter dem Label „Pfadfinder“ gepflegt werden.

Die Trias aus Feuerschein, Uniform und Vaterland zieht nämlich auch Gruppen am anderen Ende des Spektrums an. Weil der Begriff „Pfadfinder“ in Deutschland nicht geschützt ist, können sich sogar Kreise so nennen, die neonazistischen Bewegungen nahestehen und völkisches Gedankengut propagieren. Auch fundamental-christliche und evangelikale Verbände haben Pfadfinder-Gruppen gegründet. Augen auf also, wenn es um Pfadfinder geht. Christina Hunger, 44, Bildungsreferentin beim Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP), sagt, dass man außerdem unbedingt darauf achten sollte, ob ein Verein ein Konzept zur Prävention von sexuellem Missbrauch entwickelt hat, bevor man seine Kinder dort anmeldet.

Die weltweite Pfadfinderbewegung ist die größte Jugendbewegung der Welt. Der Krach zwischen Traditionalisten und den Erneuerern begleitet sie schon lange. In den USA hat zuletzt die Entscheidung, auch Homosexuelle und Transgender bei den Boy Scouts aufzunehmen, zu intensiven Debatten geführt. In Deutschland hat sich die Pfadfinderbewegung vor allem in der Folge von 1968 zersplittert. Heute existieren bundesweit etwa 300 verschiedene Pfadfindervereine.
Die Weltpfadfinderverbände erkennen aber nur vier Vereine in Deutschland an: Die katholische Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG), den nicht-kirchlichen BdP, den evangelischen Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) und die Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG). Zusammen vertreten diese vier im Ring deutscher Pfadfinder*innenverbände (RdP) zusammengeschlossenen Vereine etwa drei Viertel der rund 250.000 Pfadfinder in Deutschland. Außerdem bereiten sie gerade die Aufnahme eines fünften Mitgliedes vor: Des laizistischen Bundes Moslemischer Pfadfinder und Pfadfinderinnen Deutschlands (BMPPD), den es in Berlin allerdings noch nicht gibt.

Die meisten deutschen Pfadfindergruppen beziehen sich auf eins von zwei Vorbildern: Entweder auf die internationale Tradition, die auf den Begründer der englischen Pfadfinder, Robert Baden-Powell, zurückgeht, oder auf die Wandervogel- beziehungsweise Jugendbewegung, die am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland entstanden ist.

Gemeinsam ist beiden Richtungen, dass Gemeinschaft, Musik und Erlebnisse in der Natur im Mittelpunkt stehen und dass die Jugendlichen früh Verantwortung übernehmen. Allerdings ist den Gruppen in der Tradition der Jugendbewegung die Charakterformung durch Gemeinschaftserlebnisse besonders wichtig, während die Arbeit in den Pfadfinderverbänden des RdP stärker angeleitet ist und auf altersspezifischen pädagogischen Konzepten fußt.

Ein Problem, mit dem in Berlin fast alle Gruppen kämpfen, ist der Mangel an Freiräumen in der wachsenden Stadt. Da wird um jeden Quadratmeter gerungen, fast jedes Grundstück weckt Begehrlichkeiten. Die Pfadfinder vom DPB fürchten aktuell um die Zukunft ihres Geländes in Tempelhof, weil es in einer Straße liegt, für die ein Bebauungsplan beschlossen werden soll. Dass aber auch die Größe des Grundstücks das Gefühl von Freiheit befeuert, von dem dort alle schwärmen, ist offensichtlich. Man braucht nun mal Platz, um Bauwagen aufstellen, Feuer machen und draußen herumrennen zu können. Vielleicht auch, um seinen Helikoptereltern zu entkommen. Der Radius, in dem sich Kinder frei bewegen dürfen, schrumpft bekanntlich seit Jahren. Hier haben sie rund 4.000 Quadratmeter.

Einige Kilometer weiter nördlich in Prenzlauer Berg, beim Stamm der Plejaden vom BdP, können sie von solchen Verhältnissen nur träumen. Christina Hunger sagt, dass sie dringend mehr Platz bräuchten, denn sie könnten schon lange keine Kinder mehr aufnehmen. Während ihre Warteliste immer länger wird, versuchen sie, sich beim Bezirk Gehör zu verschaffen, um größere Räume zu bekommen. Einfach ist das nicht.

Zurzeit treffen sie sich im Jugendclub W24 in der Wichertstraße. Ihre Wildnis ist ein Hinterhof. Der ist zwar nicht klein, aber ein Gefühl von Freiheit überwältigt einen auch nicht gerade. Kohlrabi und Möhren wachsen in Pflanzkisten, in einer Ecke parkt ein Auto, Teile der Fläche sind zubetoniert. An diesem Tag beginnen die sieben- bis elfjährigen „Wölflinge“ ihre Gruppenstunde in den Räumen des Jugendclubs. Die meisten Kinder tragen ihre Kluft. Beim Begrüßungsritual hält ein Kind das Pfadfinderbanner, was in der Enge des Raumes geradezu grotesk wirkt.

Später gehen sie runter in den Hof und veranstalten ein paar Gruppenspiele. Auf 13 Kinder kommen an diesem Tag zwei erwachsene Betreuerinnen und ein 15-jähriger Pfadfinder, der gerade zum Gruppenleiter ausgebildet wird. Er trägt den großartigen Titel „Meutenassistent“. Zu dritt können sie sich um die Erziehungsziele aus dem pädagogischen Konzept kümmern. Bei den Wölflingen soll das „Leben in der Meute“ eingeübt werden. Und so zupfen die drei Leitwölfe die blau-gelben Halstücher in Form und mahnen die Klassiker an, immer wieder: „Nicht mit Stöcken schlagen, alle in eine Reihe, nicht schummeln“. Es ist so eine Sache mit dem wilden Leben in der großen Stadt.

Mehr Infos gibt’s hier:

Deutscher Pfadfinderbund: www.dpb-berlin.de
Bund Deutscher Pfadfinder_innen: www.bdp-berlin.org
Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder: www.bdp-bbb.de
Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg: www.dpsg-berlin.de
Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder: www.vcp-bbb.de
Ring Deutscher Pfadfinder*innenverbände: www.pfadfinden-in-deutschland.de