Dada-Theater

„Pfusch“ an der Volksbühne

Und tschüss: Herbert Fritsch verabschiedet sich mit „Pfusch“ von der Volksbühne

Foto: Thomas Aurin
Foto: Thomas Aurin

Herbert Fritsch, der Spezialist für Theaterabende ohne tieferen oder höheren Sinn, hält sich nicht an das Versprechen, das er mit dem Titel seiner letzten Inszenierung an der Volksbühne macht: Wo „Pfusch“ drauf steht, ist in diesem Fall kein Pfusch drin. Oft ist es ja umgekehrt, zum Beispiel in der Berliner Kulturpolitik, über die sich in diesen Tagen trefflich streiten lässt. Am Tag der Premiere sorgt eine Äußerung des Regierenden Bürgermeisters Müller für erhöhten Interpretationsbedarf: Müller hatte im Abgeordnetenhaus erklärt, er stehe zwar zu der Entscheidung, als Nachfolger für den geschassten Volksbühnen-Intendanten Castorf den Museumsmann Chris Dercon zu berufen – aber er lasse dem künftigen Kultursenator Lederer auch freie Hand bei der Gestaltung der Zukunft der Volksbühne. Lederer hält die Ernennung Dercons bekanntlich für einen Fehler und denkt darüber nach, ob Dercons Talente an einem anderen Ort nicht besser einzusetzen wären. Wie eine Garantie dafür, dass er sich solchen Gedankengängen in den Weg stellen wird, klingt Müllers Statement nicht.

So oder so, Herbert Fritsch verlässt die Volksbühne, an der er schon vor zwei Jahrzehnten in sagenhaften Castorf-Inszenierungen gespielt hat, bevor er sich als Regisseur psychedelischer Dada-Revuen neu erfinden konnte. Seine besten Regie-Arbeiten hat er an der Volksbühne gezaubert, Inszenierungen wie „Murmel, Murmel“ oder „der die mann“, Abende wie LSD für die Augen. Einerseits will so ein Abschied gefeiert werden, andererseits besitzt Herbert Fritsch entschieden zu viel Stil, um in Sentimentalitäten zu baden. Also stellt er in „Pfusch“ seine Ratlosigkeit aus und dreht seine Versuche, dem Theater den Sinnzwang auszutreiben, noch etwas weiter. Die Bühne bevölkern seltsame Lemuren in schimmelgrünen, uringelben oder luftig hellblauen Nachthemden aus wallendem Chiffon unter hochgetürmten Perücken. Wahrscheinlich sind es die unsterblichen Gespenster der Volksbühne, die hier noch umgehen werden, wenn der Nachfolger des Nachfolgers von Castorf das Zeitliche gesegnet haben wird.

Weil die Ewigkeit eine lange Zeit ist, vertreiben sich diese manisch depressiven Kinder-Greise ihre Tage und Nächte mit seltsamen Spielen. Sie turnen lebensmüde auf, in oder hinter einer riesigen Röhre, die bedrohlich und immer schneller nach vorne rollt, als wollte sie die ersten Reihen der Zuschauer einfach unter sich zerquetschen. Die Röhre wird in einem aberwitzigen Ballett gedreht, gewendet und gerollt. Gemächlich schiebt sie sich an den Köpfen todesmutiger Athleten in einer Versenkung vorbei – eine kleine Richtungsänderung, und die Röhre des Todes würde ihre schönen Köpfe zu Brei zermalmen. Aber weil in Fritschs Theater die Schauspieler prinzipiell alles können, hat die Schwerkraft an diesem Abend nichts zu melden. Selbst die schwere Röhre scheint irgendwann zu schweben als wäre sie aus Watte und nicht aus Stahl.

Musik gibt es auch, aber auch die ist offenbar manisch-depressiv geworden. Zehn Klaviere stehen auf der Vorderbühne Spalier wie ein uneinnehmbarer Wall, der die Bühne und die Kunst vor den Zumutungen der Wirklichkeit da draußen bewahrt. Dirigiert vom Kapellmeister Ingo Günther, dem das knallrote Kleid und die High Heels wie angegossen passen, hämmern die Lemuren sehr schnell und mit der Monotonie einer Maschine auf die Tasten. Das ist keine Melodie, das ist ein Minimal-Art-Terror vom feinsten. Und weil das seine volle Wirkung  erst bei hoher Dosis entfaltet, gibt Fritsch der Anti-Musik großzügig Raum und Zeit. Freundlicherweise erklärt einer der Piano-Folterer irgendwann das dahinter stehende Prinzip: „Heute gibt’s nur Achtel.“ Auch Frank Castorfs alte Drohung, notfalls aus der Volksbühne ein Schwimmbad zu machen, wird endlich erfüllt. Allerdings ist das Bassin mit großen, blauen Würfeln gefüllt, in denen die Taucher kopfüber stecken bleiben, als wäre es der Morast der Berliner Kulturpolitik. Wolfram Koch nimmt ausgiebig Anlauf für einen Sprung ins kalte Wasser, er tänzelt am Beckenrand, er rutscht auf dem Würfel-Wasser aus, er reckt die Brust wie Tarzan vor dem Sprung zur nächsten Liane, er posiert auf dem Sprungbrett wie auf einem Laufsteg. Und dann schreitet er unerschrocken zur Tat, stürmt auf dem Sprungbrett zum Absprung – aber es geschieht, was geschehen muss: Das Sprungbrett bricht ab, und der Athlet purzelt wie ein nasser Sack in die Tiefe. Wenn schon Slapstick, dann bitte mit Rumms.
Und dann, nach anderthalb ziemlich bezaubernden Stunden (und nach vielen umwerfenden Volksbühnen-Jahren), treten die Fritsch-Virtuosen Florian Anderer, Jan Bluthardt, Werner Eng, Ingo Günther, Wolfram Koch, Annika Meier, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler, Varia Sjöström, Stefan Staudinger, Komi Mizrajim Togbonou, Axel Wandtke und Hubert Wild einer nach dem anderen an die Rampe, winken kurz und sagen: tschüss. Der eiserne Vorhang senkt sich langsam und endgültig vor den Fritsch-Künstlern und man denkt kurz, dass er wirkt wie eine Guillotine.

Pfusch an der Volksbühne Eintritt 12–40 €

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