Kultur & Freizeit in Berlin

Piano City: Interview mit Sophia Grevesmühl

Zur Piano City Berlin im Oktober finde viele Konzerte in privaten Wohnzimmern statt. Wir haben die Pianisten gefragt, was sie an der Teilnahme gereizt hat, zum Beispiel Sophia Grevesmühl, die seit über 24 Jahren ihrer Leidenschaft, dem Klavierspiel, nachgeht und heute im Bereich Musikmanagement tätig ist.

tip Wie sind Sie zum Klavierspielen gekommen?
Sophia Grevesmühl Mein Vater selbst ist Musiker, er ist Konzertmeister in der Deutschen Oper. So wollte er, dass ich wie er mit der Geige anfange. Ich quälte mich also mit dreieinhalb Jahren mit dem für mich sperrigen
Instrument, bei dem mir die Finger weh taten und mir die Haltung künstlich vorkam. Den Klang liebte ich zwar ungemein – ich hörte oft zu, wenn mein Vater übte – aber ich schielte immer wieder zum Klavier hinüber, das ebenfalls im Musikzimmer meines Vaters stand. Daran spielte mein Vater öfters mit Duopartnern. Gerne öffnete ich den schweren Deckel und drückte ein paar Tasten. Im Gegensatz zur Geige klang der Ton sofort gut. Jedes Mal, wenn mein Vater mit mir wieder Geige üben wollte, wurde mein Gejammere lauter. Zum Glück hatte mein Vater schnell ein Einsehen, dass die Geige nichts für mich war. Er versuchte dann erfolglos, meine Schwester zu überzeugen, aber erst meinen jüngsten Bruder warb er gewinnbringend für das Instrument an – und ich durfte mit Klavierunterricht beginnen.

tip Was fasziniert Sie daran, ein Konzert im eigenen Wohnzimmer zu geben?
Sophia Grevesmühl Mein Wohnzimmer ist eigentlich ein sehr intimer Raum. Hier bin ich ich. Hier bereite ich unter Ausschluss der Öffentlichkeit meine Klavierprogramme vor – Es ist also auch eine Art Werkstatt. Diese einmal zu öffnen und einen Teil meiner Persönlichkeit, die sich ja in der Einrichtung widerspiegelt, total fremden Menschen zu offenbaren, finde ich spannend. Das wird mein Klavierspiel schon beeinflussen, vielleicht sogar bereichern. Das Publikum sitzt schließlich auch ziemlich dicht an mir dran und kann noch genauer mir zuhören. Mich reizt ebenfalls daran, dass dieser Konzertrahmen genau die Bedingungen schafft, für die Klaviermusik hauptsächlich im 19. Jahrhundert geschrieben wurde, nämlich für den Salon. Auch dort trafen sich Musikkenner und –liebhaber und genossen im intimen Rahmen kleine Konzertprogramme. Ich finde es interessant, mich so in die Aufführungspraxis eines Chopins und Liszt – natürlich mit deutlich bescheideneren Klavierkünsten – hineinzubegeben. Aufregend finde ich auch das Drumherum beim Konzert: Die Leute werden bei mir klingeln, sich die Schuhe ausziehen und viel mehr fremdeln, als sie das in einem anonymen Konzertsaal täten. Diese kleine Gruppe soll sich wohl fühlen und eventuell zusammenschweißen – Das wird eine große Herausforderung, der ich mich gerne stellen möchte.

tip Können Sie ein paar Stücke aus Ihrem Programm verraten oder zumindest die Stilrichtung oder einen Komponisten?
Sophia Grevesmühl Ich werde mein Publikum in 45 Minuten durch Europa und durch die Musikgeschichte führen. Mein Ansatz ist, die Vielseitigkeit der europäischen Klavierkomponisten zu zeigen und hoffe, auch Nicht-Klassikliebhaber aufgrund der Vielseitigkeit des Programms anlocken zu können. Ich glaube, bei klassischer Musik ist für jeden etwas dabei. So spiele ich Bartok für Rhythmus-Begeisterte, Chopin für Romantiker, Bach für den Intellektuellen…

tip Haben Sie Lampenfieber? Wie fühlt sich das an?
Sophia Grevesmühl Ja, ich habe sogar großes Lampenfieber, jedes Mal, egal, wie gut ich vorbereitet bin. Es ist ein Gefühl großer Anspannung und größter Aufmerksamkeit. Alle Sinne scheinen geschärft, alles kribbelt.
Manchmal zittere ich auch bis in die Fingerspitzen, glücklicherweise gibt sich das immer beim ersten Ton. Das Schönste am Lampenfieber ist, dass daraus nach dem Konzert eine unermesslich
Entspannung, fast Glückseligkeit wird.

tip Seit wann träumen Sie davon, auf einer Bühne zu stehen?
Sophia Grevesmühl Musik zu studieren war eher ein später Entschluss. Der Wunsch kam erst mit 16 Jahren. Erst dann hatte das Konzertieren einen Reiz für mich.

tip Was kann „Piano City“ für Berlin und seine Bewohner bewirken?
Sophia Grevesmühl Berlin ist die perfekte Stadt für dieses Festival. Diese Stadt ist offen und experimentierfreudig. Da Berlin so groß und vielseitig ist, ist es für viele Personen spannend, neue Bezirke und seine Bewohner beinahe in einer „alltäglichen“ Situation zu entdecken, indem sie Wohnungen von Unbekannten betreten und neue Talente kennenlernen. Vielleicht lernen sich so noch mehr Klavierliebhaber kennen und es kommt zu einem regen Austausch.

Piano City Berlin vom 22. bis 24.10.2010 

 

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