Musik & Party in Berlin

Pionier im Niemandsland: 36 Jahre SO36

Ulrike Rechel schreibt über glorreiche Zeiten mit zahllosen Konzerten legendärer Rockbands ?und Widrigkeiten wie geklaute Kassen und Lärmschutzmauern

36 Jahre SO36

Einer ist immer der Erste. Gerrit Meijer zum Beispiel. Das erste Konzert einer Punkrockband in Berlin war kaum verklungen – The Vibrators aus England –, da gründete er mit drei Jungs im Publikum des Kantkinos eine Band: PVC. Als wenige Monate später, im August 1978, drei junge Musikfans einen Konzertort an der Oranienstraße eröffneten, buchten sie PVC: Berlins erste Punkband. „Wall City Rock“ hieß ihre Hymne, passend zur Einweihung des SO36. Diese begann mit dem sarkastisch betitelten ?Mauerbaufestival. Der Betonwall um die Stadt stand da gerade 17 Jahre.
36 Jahre später feiert das SO 36 einen krummen Geburtstag, passend zur Zahl des ehemaligen Postbezirks im Namen. Die letzten Jahre waren hart für den schmalen Laden mit dem schwarz ausgemalten, ewigen Flur. Ein Nachbar fühlte sich in seiner Ruhe gestört, das Ordnungsamt verlangte eine neue Lärmschutzmauer. Die Kosten von 100?000 Euro hat das Betreiberkollektiv seit 2009 peu а peu eingetrieben, durch Soli-Konzerte, Spenden, städtische Zuschüsse und erfolgreiche Veranstaltungen: Partys wie der technoaffine Electric Ballroom, die Disco-/Tanzkurs-Nacht Cafй Fatal oder die orientalisch-queeren Gayhane-Nächte. Vorerst ist das „Esso“ gerettet. Mal wieder.
Schon der Auftakt anno 78 sei eine „Wackelpartie“ gewesen, erinnert sich Gerrit Meijer. Das Konzept der Gründer um Klaus-Dieter Brennecke sei experimentell gewesen, angefangen mit dem Ort nahe der Mauer. „Wir waren zuerst skeptisch“, erinnert sich Meijer. „SO36, der Postbezirk, hat auf dem Kompass der Szeneleute gar nicht existiert.“ Das aufkeimende Nachtleben fand in den westlichen Bezirken statt: in Charlottenburg und Schöneberg, an Orten wie dem Dschungel – damals am Winterfeldtplatz – oder dem Punkhouse, der einzigen Adresse für den neuen Gitarrenrock aus USA und London.
Kreuzberg war dagegen verpönter Sammelort für „Althippies und Bartträger“ – neben Alternativen und türkischen Familien. Aber es gab bereits einen Run von Künstlern auf abrissreife Altbauten und Lofts. Brennecke und seine Mitstreiter Achim Schächtele und Andreas Rohй, alle Anfang 20, hatten einen leeren Penny-Supermarkt entdeckt. Hier starteten sie ihren Mix aus internationalem Underground-Rock, Kunst und Kino, den Begriff „Indie“ gab es noch nicht. Beim Mauerbaufestival schauten selbst David Bowie und Iggy Pop vorbei.

36 Jahre SO36

Für West-Berliner Punks wurde das SO36 schnell zur Anlaufstelle, zumal das Punkhouse dichtgemacht hatte. Im Lauf der Jahre gaben sich dort alle, die in Sachen New Wave und Punkrock Rang und Namen hatten, die Klinke in die Hand: Dead Kennedys, Black Flag, The Cure oder Bad Religion; dazu viele Bands aus dem Umfeld der Genialen Dilletanten: Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris oder Die Ärzte. Auch wenn Rock’n’Roll-Stars privat in Berlin waren, gingen sie hier aus. „Wer in der Szene orientiert war, kam am SO36 nicht vorbei“, so Meijer.
Doch nicht jeder liebte die Verbindung aus Underground und Kunstanspruch, vor allem nicht die Anarchos. Als ein Konzert der Noise-Band Wire damit endete, dass eine Truppe Punks – das sogenannte „Kommando gegen Konsumterror“ – den Vorraum stürmte und die Abendkasse klaute, langte es dem idealistischen Brennecke endgültig, er schmiss hin. „Das war immer das Ding in Kreuzberg: die Anarchos, die für nichts etwas bezahlen wollten“, erinnert sich PVC-Shouter Meijer. Mit Politpunks hatten Bands wie PVC, die melodieprallen Gitarrenrock а la Ramones liebten, nichts am Hut. „Unsere Ideologie war es, keine zu haben“, sagt der heute 67-Jährige. „Was uns mehr interessierte, war Sex, Drugs and Rock’n’Roll im weitesten Sinne. Wenn es zudem ein bisschen geistreich war, hatten wir das auch gern.“

36 Jahre SO36Die Konflikte sollten auch den nächsten Mitbetreiber schnell zur Resignation zwingen: den Künstler Martin Kippenberger, der das Ruder übernahm. Bis ihm eine Punkerin aus Ärger über eine Preiserhöhung eine Flasche Bier ins Gesicht schlug. Auch sie, „Rattenjenny“ – heute 55 und immer noch mit pinkfarbenem Irokesenschnitt unterwegs –, zählt zu den Köpfen der SO36-Story. Kippenberger widmete dem Zusammenprall ein Gemälde, Titel: „Dialog mit der Jugend“. Einige Male wechselte das SO36 die Betreiber, jeder hielt auf seine Weise die Fahne des Kultladens hoch. Während die Kunstavantgarde heute andere Räume erobert, hat das SO36 seinen Pfad gefunden. Und der ist dicht am Kiez: Punkrock ist das Herzstück, Techno hält Einzug, queeres und arabisches Publikum feiert mit, Indie- und Punkinstanzen spielen hier. Als unlängst der dritte Geburtstag der 80er-Party gefeiert wurde, rockten alteingesessene Kreuzberger zu Der Plan. Teenies feierten zu Songs von Cure, und vor der Tür stauten sich die Nachtschwärmer.
Das „Anything goes“-Prinzip von damals ist endlich Realität geworden. Die Bedrohung ist heute die Verdrängung. In einer Nachbarschaft, die die zentrale Lage schätzt und keine Subkultur auf Tuchfühlung will. Der Gentrifizierung sind in den letzten Jahren reihenweise Clubs zum Opfer gefallen. Das SO36 hat es noch immer in die nächste Runde geschafft. Grund genug, auch mal krumme Jubiläen zu feiern.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Helmut Metzner, Klaus Hemme, Anno Dittmer

SO36-Festwoche 7.8.–16.8.

Do 7.8.: Streetart-Galerie-­Flureröffnungsparty
Sa 9.8.: Toxoplasma u. Pestpocken, ?20 Uhr, Ausstellungseröffnung „36 Jahre SO36“, Galerie Knoth & Krüger, Oranienstraße 186
Mo 11.8.: Lesedüne, ?Texte zu 36 Jahren Kreuzberg
Di 12.8.: „36 Jahre, 36 Lieder“ – die Punkrock-Geburtstagsparty

Komplettes Programm: www.so36.de

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