Stadtleben und Kids in Berlin

Planet RAW: Ein Rundgang durch Berlins aufregendste Ausgehmeile

Es ist eine der letzten Industriebrachen in der Innenstadt: Auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain hat sich eine wilde Mischung aus Clubs, Bars, Kunsträumen, Trendsportstätten und lokalen Projekten angesiedelt. Aber seit Jahren schwelt der Streit um die Zukunft des Areals. Jetzt sollen im östlichen Teil Wohnungen gebaut werden.

RAW-GelaendeTechnostrich und Sportareal

Hunderte Meter zieht sich die alte Backsteinmauer an der Revaler Straße entlang, die das Areal mit der Nummer 99 von den Häusern der Anwohner abschirmt. An drei Stellen tun sich Lücken auf. Wer eintritt, findet sich in einer der größten Party- und Kulturoasen wieder, die es in Berlin zu finden gibt. Wenn man sich hier ohne festen Plan umschaut, kann man sich schnell verzetteln. Aber genau daraus können die großartigsten Berliner Nächte entstehen – von der Sorte, für die die Stadt berühmt ist. Tausende junge Touristen, die jedes Wochenende die Abzweige rund um die Warschauer Straße bevölkern, werden sich schon nicht irren. „Technostrich“ heißt die lang gestreckte Adres­se im Partyvolksmund schlüssig.

Das Angebot, das sich hinter den Gemäuern am südlichen Ende von Friedrichshain erstreckt, dürften selbst extrem Vergnügungssüchtige kaum an einem Abend ausschöpfen können. Zumal es dort auch schon am Tag belebt ist, etwa wenn Skater in der Halle durch Bowl oder Halfpipe rollen, wenn Menschen sich am Kletterkegel emportasten oder im RAW-Tempel Musiker, Theatermacher, Tänzer und bildende Künstler ein- und ausgehen.

Es sind 71?000 Quadratmeter, die nach der Wende verwaist waren. 1999 richtete sich auf dem verfallenden Industriegelände zunächst der RAW-Tempel mit seinen vielen Untermietern und soziokulturellen Angeboten ein: im zur Straße gelegenen Beamtenwohnhaus, dem Ambulatorium, dem Verwaltungsgebäude und dem Stoff- und Gerätelager. Eine Weile waren die kreativen Köpfe allein auf weiter Flur. Bis peu а peu eine illustre Karawane nachzog: das Cassiopeia, die Skater und Kletterer, die Clubs M.I.K.Z. und Suicide Circus, das Astra Kulturhaus, das Badehaus Szimpla, die aus dem Prenzlauer Berg vertriebene Bar Zum schmutzigen Hobby, Imbissstuben und Kneipen und der Kunstraum Urban Spree. Vor wenigen Tagen machte eine Außenstelle der auf urbane Kunst spezialisierten BC Gallery auf. Und noch immer gibt es viele Freiflächen auf dem Areal.

Rundgang

Zum schmutzigen Hobby, ein Freitagabend, Dauerregen. Pfützen sammeln sich vor den Mauern der Bar von Kultwirtin Nina Queer. Ein Pärchen lässt sich von dem Nass nicht beirren und diskutiert heftig. Irgendwas ist „jetzt überhaupt kein guter Zeitpunkt“, beschwert sich die Lady mit der schmalen Silhouette und den langen Haaren. Da geht die Debatte erst recht los.

Kaum möglich, dass auf dem RAW-Gelände zwei Besucher am selben Abend das gleiche Programm erleben. Außer natürlich, sie bleiben zusammen. Am besten, man lässt sich treiben – warum nicht an diesem trüben Freitag, an dem es kühl vom Himmel nieselt.
Im Astra Kulturhaus herrscht am frühen Abend trotz mauen Wetters schon mächtig Betrieb. Von drinnen dröhnen schwere Gitarrenriffs ins Freie. Vor ziemlich genau vier Jahren eröffnet, hat sich die von Lido-Macher Torsten Brandt geführte Location im Expresstempo zu einer der wichtigsten Konzerthallen in Berlin entwickelt. An diesem Abend hält das „Desert Fest“ Hof in der ehemaligen Veranstaltungshalle der Arbeiter, von denen einst mehr als 1?000 in den Reparaturwerkstätten der Reichsbahn beschäftigt waren. Zum zweiten Mal findet das Spezialfest für Stoner-, Doom- und Psychedelic-Rockfans an diesem Ort statt. Zwei schmale Lederjackenträger mit langen Mähnen passieren den Einlass, sie unterhalten sich auf Spanisch. Gegenüber lehnt ein Hüne an der Wand. Er trägt Cowboyhut zum roten Hemd, auf dem schwarze Flammen züngeln. Ruhig betrachtet er das Chopper-Bike, auf dem soeben der nächste Gast einrollt. Totenköpfe grinsen von der Lenkstange.

Schon bei der Premiere vor einem Jahr war der Laden voll – und das, obwohl eher obskure Bands auf dem Programm stehen: wie das heutige Highlight Unida, die Nebenband von Kyuss-Kopf John Garcia. Im Getümmel tritt einem auch mal ein Rocker auf den Fuß: „Ups, entschuldigung, alles okay?“, erkundigt sich der Vollbärtige anteilnehmend.

Im kleinen vegetarischen Lokal Emma Pea hantieren drei Köche in der offenen Küche flink mit Töpfen und Rührgerät. Bis in die Nacht gibt es frisches Curry Penang Tamarind oder eine Suppe Mumba mit Kichererbsen, Möhren und Spinat. Ein Besucher fragt nach dem Desert Fest. Er hat gehört, es solle in der Revaler 99 stattfinden. „Das ist hier alles die Revaler 99. Geh mal bis nach vorn, da ist eine Konzerthalle.“

Skater-Paradies

Neben dem Astra dringt dumpfes Schnarren aus dem Langbau. Hier rollen Skater durch Halfpipe und Bowl. Nach dem ewigen Winter steht jetzt die Tür wieder bis in die Nacht weit offen, von hier aus können Neugierige ein bisschen zugucken. Ein Jüngling mit stacheligen kurzen Haaren bringt sein Brett zum Stehen, „Terror“ steht auf seinem Shirt, er tritt heraus und begrüßt den schüchtern spähenden Zaungast mit einem sportlichen „High Five“. Sie machen Schluss für heute. Erst am Sonntag wird er wieder mit seiner Clique rollen, „damit sich die Muskeln einen Tag erholen“. Andere Skater machen noch längst keinen Feierabend. Linda beispielsweise, die gemeinsam mit ihrer Freundin die senkrecht ansteigenden Holzwellen emporflitzt. Sie ist nicht die einzige Frau, die regelmäßig an der Revaler auf dem Brett steht: „In den letzten Jahren hat sich in Berlin viel getan, es fahren immer mehr Frauen“, sagt die 29-Jährige, die tagsüber als Sonder­pädagogin in Neukölln arbeitet. Wenn sie nicht gerade mit ihrer Mädelsrunde im Mellow Park an der Wuhlheide aufs Brett steigt, ist für sie die Skatehalle in der Revaler eine gute Adresse.

SkatehalleBerlinIn der Skatehalle kennt man sich an diesem Abend bestens, winkt sich zu, verteilt „High-Five“-Grüße. Ein hagerer blonder Rollbrettfahrer, der seinen Namen für sich behält, erklärt, dass abends vor allem Leute „um die 30“ herkämen, so wie er: „Tagsüber arbeiten wir ja.“ In der Halle zu fahren, sei zwar „die Spießer-Variante des Skatens“, räumt er ein, aber ihm sei die Variante lieber, als draußen zu fahren. „Ich fahre Skateboard, seit ich zwölf bin, und habe nie richtig damit aufgehört“, erzählt er. Als er dann anfing, aus Spaß in der Halle in der Revaler zu skaten, traf er überraschend allerlei alte Bekannte: „Denen ging es so wie mir“, lacht er. „Skaten ist schon was anderes als Sport. Es ist ein Lebensgefühl.“ Ob er davon gehört habe, dass die Zukunft des Areals möglicherweise bedroht sei? „Skater sind immer bedroht“, sagt er und zuckt mit den Schultern.
Ganz so leicht nehmen nicht alle Veranstalter und Nutzer auf dem Gelände die Planungen, die auf dem früheren Bahn-Eigentum vorgesehen sind. Dort, wo viele der Gebäude denkmalgeschützt sind. Wohnungen sollen gebaut werden, die Gentrifizierung klopft an.

Es begann kurz nach der Wende, als das stillgelegte Areal auf die damalige Tochterfirma der Deutschen Bahn, Vivico, übertragen wurde, die deren Immobilien vermarkten sollte. 2008 verkaufte das Unternehmen das riesige Gelände an die Berliner Investorengruppe „R.E.D. Berlin Development GmbH“, in der sich isländische und deutsche Investoren zusammentaten. Seither herrscht Gerangel zwischen alteingesessenen Mietern wie dem Verein RAW-Tempel, der die ruinöse Stadtlandschaft einst aus dem Dornröschenschlaf weckte und mit kreativem Leben füllte. Rund 60 kleine und Kleinstinitiativen versammeln sich heute unter dem RAW-Dach, darunter ein Kinderzirkus, Kunst- und Töpferwerkstätten, ein Tanzstudio, Probe- und Musikproduktionsräume.

Es gab in den zurückliegenden Jahren erbitterte Auseinandersetzungen, in denen der Verein um langfristige Mietverträge bangen musste, vieles – gegen eine günstige Miete – auf eigene Faust renovierte und trotz allem nicht wusste, inwieweit sich umfänglichere Investitionen überhaupt lohnen würden. So war zeitweise unklar, für wie viele der Gebäude die Nutzung überhaupt vertraglich zugesichert war – drei oder vier? Mittlerweile haben die RAW-Macher das marode Ambulatorium schweren Herzens geräumt.
Das Gros der Veranstaltungen, etwa das „Freitagsvarietй“, findet im „Stoff- und Gerätelager“ statt. Kristine Schütt, eine der Vereinsgründerinnen, sagt, dass die zahlreichen Ausbesserungsmaßnahmen und juristischen Gefechte „viele Energien und auch Geld“ geschluckt hätten. „So was macht auch müde und hält dich letztlich von der eigentlichen Arbeit ab, um die es uns geht.“

Flackernde Gesichter, junge Männer in Gruppen, die Blick auf Bildschirme gerichtet, in den Händen Steuerelemente. „Amaze Indie Connect“ im Urban Spree ist ein Pflichttermin für innovative Gamer. Ein rastalockiger Spieler mit Gitarre auf dem Rücken versucht, sonderbare kosmische Formen über schwarzen Grund zu lenken. Zwei Messegäste mit Hornbrillen und Wollmützen betrachten das mysteriöse Spiel und nicken anerkennend.

Manche Vereinbarungen habe der RAW-Verein auch nicht so eingehalten, wie es hätte sein sollen, räumt Kristine Schütt ein. Von Mietschulden spricht der Vermieter. Inzwischen aber scheint der Konflikt beigelegt, den „Templern“ soll ein neuer Mietvertragsentwurf vorliegen, der voraussichtlich ein Bleiben für weitere 15 Jahre sichert.
Von zähen Streitigkeiten zwischen Mietern und Eigentümern berichten auch die Sprecherinnen der „ RAW Initiative“, die sich als Jenny und Franzi vorstellen. Die Initiative hat sich Anfang des Jahres gegründet, um die Interessen der Mieter zu bündeln. Die Initiative fordert mehr als die Verlängerung der Mietverträge. Die Gruppe drängt auf den Erhalt des gesamten Areals und will die Einrichtung von Grünflächen und Stadtgärten erreichen. Auf ihrer Webseite weist die Gruppe auf den Mangel an „erholungswirksamen Grünflächen“ in Friedrichshain-Kreuzberg hin, laut Senatsverwaltung wären das die geringsten Flächen im Vergleich zu den anderen Bezirken.
Bei der Initiative ist von systematischer Verängstigung der Nutzer die Rede, dem Hinhalten bei Vertragsverlängerungen und davon, dass Mieter zum Abschluss neuer, unattraktiverer Verträge gedrängt würden. Zähe Gefechte mit dem Investor lieferten sich neben dem RAW-Tempel etwa das M.I.K.Z. sowie das Astra Kulturhaus, mit dessen Betreiber Torsten Brandt bis heute ein Rechtsstreit schwelt.

Dazu muss man wissen, dass die Investorengruppe ihre eigenen Pläne mit dem sogenannten Revaler Viereck hat. Nach dem Kauf schwebte den neuen Eigentümern das Modell einer autofreien „Stadt in der Stadt“ vor: mit emissionsarmen Wohnungen, neuen Sportstätten und Gewerbe, etwa einem großen Fair-Trade-Zentrum. Bis die Planung ausgereift wäre, sollte der Raum von Zwischenmietern genutzt werden. Ab 2010 war ursprünglich sukzessive die Wachablösung geplant. Partymacher, Kulturinitiativen und Veranstalter hätten dann den Baukränen weichen sollen.
Dass es anders kam und bislang noch kein Spatenstich erfolgte, liegt an dem Ringen um einen Konsens zwischen der R.E.D. und dem Bezirk unter Führung von Bürgermeister Franz Schulz (Grüne). Der Stadtplanungsausschuss, dessen Zustimmung für ein Bebauungsplanverfahren nötig ist, will die Kultur­oase erhalten. Wie die inzwischen neu gestalteten Pläne im Detail aussehen, ist momentan noch nicht bekannt. Eine Mitte April anberaumte Präsentation vor dem Stadtplanungsausschuss sagten die Investoren kurzfristig ab. Bis zum Sommer, hört man, solle aber ein neuer Anlauf folgen.

In dem Badehaus Szimpla, dem ehemaligen Waschhaus für die Arbeiter der Bahnwerkstätten, ist die Luft tatsächlich fast so stickig wie in einem Dampfbad. Der Barmann schlägt mit dem Löffel an ein Glas: „Showtime!“ Im Konzertsaal ist es proppenvoll: Das russisch-berlinerische Skazka Orchestra spielt Balkan-Ska in hochbeschleunigtem Modus. Hinten tanzen die Ersten ihre Freistil-Variante des Kasatschok. Am Einlass steht Rainer, er verteilt Stempel und nimmt Jacken entgegen. Sein eigentlicher Job ist allerdings ein anderer, nämlich Bandmanager, etwa für die Neosoul-Truppe Tanga Elektra, Stammgäste im Szimpla. Er sagt: „Ich mach’ das hier so nebenbei, einfach weil ich den Laden klasse finde.

Zusätzlich unübersichtlicher wird die Situation auf dem RAW-Gelände dadurch, dass sich die Investorengruppe inzwischen in ein Trio unabhängig agierender Besitzer aufgeteilt hat – und damit auch das Areal.
Die R.E.D. zeichnet für die östliche Seite verantwortlich. Dort, wo heute etwa der Technoclub M.I.K.Z. liegt wie auch Teile des Cassiopeia-Areals. In dem Bereich gibt es Pläne für Wohnungsneubau, die nun offensichtlich zunehmend konkreter werden.
Der anderen Teilgruppe, der isländischen Gesellschaft BNRE Investment, gehört die (größere) Westseite, wo sich etwa Astra und der Kunstraum Urban Spree befinden.
Eine dritte Gruppe, die Reval Holding GmbH & Co. KG, ist für ein kleineres Areal rund ums Badehaus Szimpla zuständig.
Bisher hat die isländische BNRE die Subkultur auf ihrem Areal gewähren lassen. Ein Gespräch mit Eigentümern und Nutzervereinen, das für Mitte Mai geplant war, sagten die Isländer allerdings am vorvergangenen Freitag per Mail an Bürgermeister Franz Schulz ab. Schulz ist aber optimistisch, dass sie den Status Quo auf ihrem Teilstück beibehalten. Er geht von Zwischennutzungsverträgen mit 15 Jahren Dauer für die angesiedelten Projekten aus – nach Vorbild des Astra, dessen Betreiber unlängst einen Vertrag bis 2029 unterzeichnen konnte.

RAW_Gelaende_Urban_SpreeMan könnte sagen: Glücklich können die Projekte sein, die der Zufall auf die westliche, die isländische Seite gebracht hat. Dort haben sie (noch) Ruhe.
Auf dem Ostteil plant die R.E.D. nun Wohnungsneubauten zur Modersohnstraße hin. Daneben – auf dem freien Platz neben der offenen Hallenruine in Richtung Cassiopeia – soll ein Studentenwohnheim entstehen, so der Plan der isländischen Gruppe: Es soll als eine Art „Schallschutz“ zwischen der privaten und der Vergnügungssphäre dienen.
R.E.D.-Geschäftsführer Klaus Wagner kann die Aufregung um seine Baupläne nicht verstehen. „Es war doch allen von vornherein klar, dass es sich bei den Mietverträgen um Zwischennutzung handelt. Das war die Grundvoraussetzung für alle, die hier Räume mieten“, sagt er, daraus habe man auch „keinen Hehl“ gemacht.
„Es ist klar, dass das nicht ewig weitergeht und dass es andere Pläne für das Grundstück gibt. Wenn man, wie wir es gemacht haben, Zwischennutzer zu günstigen Konditionen auf das Areal holt, die ihre Sache sehr gut machen, und plötzlich soll alles so bleiben, wie es ist – dann stimmt für uns etwas nicht. Man möchte auch weitergehen mit dem Gelände“, sagt er.

Spätabends im Astra. Beim „Desert Fest“ steht Allan im Foyer und lächelt: silberne Perlen in der Unterlippe, vier gestapelte Bierbecher in der Hand. Er kommt ursprünglich aus Kopenhagen und ist erst seit ein paar Monaten in Berlin. Tagsüber trifft man ihn in seiner eigenen Tätowierstube in Neukölln. Eine bis zu den Handgelenken bunt bebilderte Frau kommt hinzu: Allans Ehefrau, ebenfalls Tätowiererin mit eigenem Laden. Stolz notiert sie der Autorin die Webseite in den Block. Falls mal Bedarf besteht.

Was Rechtsstreitigkeiten zwischen Vermieter und Mietern angeht, so gehört das für Investor Wagner zum Geschäft. „Verträge können nun mal unterschiedlich gelesen und ausgelegt werden. Wenn sich daraus Uneinigkeiten ergeben, entscheiden eben Gerichte. Das finde ich legitim.“ Ein Beispiel dafür sind die Scharmützel, die die R.E.D. und das Kulturhaus Astra ausfechten. Dem Astra hält Wagner vor, sich nicht an Absprachen gehalten zu haben.
Umgekehrt ist man im Kulturhaus nicht gut auf die R.E.D. zu sprechen, auch hier lautet der Vorwurf, Vereinbarungen wären gebrochen worden. Stefan Grey, der das ­Booking für die erfolgreiche Konzerthalle macht und vorher 14 Jahre lang die Konzerte im Knaack-Club buchte, ist genervt von den Vorgängen des letzten Jahres, von Räumungsklagen, Kündigungsschreiben, Besuchen vom Gerichtsvollzieher. Eine Streitatmosphäre sei gewachsen, die „etwas kaputt gemacht hat“, findet er. Was ihn nachhaltig frustriere, sei die generelle Entwicklung in der Stadt, „dass die Clubs aus den Wohngegenden hinausgedrängt werden. Es wäre eine Katastrophe, wenn mit dem RAW Ähnliches passiert wie vorher im Prenzlauer Berg, wenn diese Bastion verschwinden würde. Die Parallelen sind da.“

Nochmal Urban Spree, fortgeschrittene Stunde. Die Spiele-Messe „Amaze“ ist zu Ende, im zweiten Raum der Galerie startet die Party. Ein paar Digital-Nerds hüpfen zum Technohouse des DJs, auf einer Leinwand hoppelt ein grüner Wellensittich mit Roboter-Greifarmen im Takt mit. Die Gamer sind happy.

BadehausSzimplaIm Badehaus Szimpla hat sich das Skazka Orchestra warm gespielt. Die russische Band mit Berliner Heimat verkuppelt Ska- und Balkanrock mit dem Energiepegel einer Punkband. Die Kultband zieht ihre eigene Fanschar an, vor allem die russische Community in Berlin, rund 200 Leute sind es heute. Bald zwei Jahre ist der musikalische Ableger des Friedrichshainer Cafй Szimpla schon an der Revaler 99. Der ungarische Inhaber Attila Kiss holt hier fast jeden Abend in der Woche Bands her, vor allem aus dem osteuropäischen Raum. Unter der Woche gibt es Standards wie die hauseigene „TuneUp-Session“, die „Swag Jam“ für HipHopper, die Swing-Dance-Party „Salon Obskur“ oder die vom RAW-Tempel übergesiedelte Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“. Der Vertrag für das boomende Badehaus läuft sieben Jahre. „Das passt schon“, sagt Mitbegründer Gregor Leunert. „Sieben Jahre sind in der Branche schon eine lange Zeit“, findet er.

Inzwischen ist es nach Mitternacht, im Astra neigen sich die massigen Gitarrenriffs dem Ende zu; morgen geht der Spaß ab Nachmittag von vorne los. Booker Stefan Grey ist jetzt schon zufrieden. „Das ist einfach ein perfektes Hippiefest, es gibt null Stress, alle sind glücklich!“ Zwei Festivalbesucher trotten vorbei und durch den strömenden Regen in Richtung Treppe zum Ausgang. „Späti oder Kaisers?“, fragt der eine, der andere meint: „Späti! Is’ näher.“
Manchmal können Entscheidungen so einfach sein. 

Text: Ulrike Rechel
Fotos: Benjamin Pritzkuleit, Adam Sello

Die Geschichte des RAW-Areals
1867: Inbetriebnahme der „Königlichen Preußischen Eisenbahnwerkstatt Berlin II“. 1944: 80 Prozent des Werks werden bei einem Luftangriff zerstört. Nach dem Krieg: Wiederaufbau. 1967: Namensgebung „Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Franz Stenzer“. Nach dem Mauerfall wird das Werk 1994 stillgelegt. 1999: Einzug des RAW-Tempel e.V. als ­Zwischennutzer. Der RAW-Tempel fördert soziokulturelle ­Aktivitäten, z.B. Künstlerwerkstätten, Obdachlosentheater, Musikproduktions- und Probenorte, Kinderzirkus. 2001 stellt die Bahn-Tochter Vivico Bebauungspläne vor. In den nächsten Jahren: Verhandlungen über den Verbleib des RAW-­Tempels. 2007: Verkauf an die R.E.D. Berlin Development GmbH, die auf dem Areal Wohnungsbau und Gewerbean­siedlung vorsieht. Ein „Runder Tisch“ zur Geländeentwicklung scheitert. Zwischennutzer siedeln sich an, z.B. Five-O GmbH (2004) mit Sport- und Kulturensemble aus Skatehalle, Sommer­garten, Kletterkegel, Cassiopeia-Club und Freiluft­kino; Astra-­Kulturhaus (2009), Badehaus Szimpla (2011), ­Urban Spree (2012).

 

Die wichtigsten Orte

Ambulatorium
derzeit nicht bespielt, gehörte vor der ­Schließung zum RAW-Tempel e.V.

Astra Kulturhaus
Konzerte, seit 2009, Vertrag bis 2029

Badehaus Szimpla
Live-Musik, Partys (u.a. Rock, Swing, Jazz-Jam, World Music), seit 2011, Vertrag bis 2020

BC Gallery
zeitgenössische und urbane Kunst, seit 2013

BWH Beamtenwohnhaus
Ateliers, Werkstätten (Siebdruck, Keramik), seit 1999, gehört zum RAW-Tempel e.V., Vertrag (läuft bis 2019) gekündigt, Kündigung nicht durchgesetzt, derzeit Verhandlungen

Cassiopeia
Club (HipHop, Electro, Rock, Hardcore), Freiluftkino, Biergarten, Grill. Gehört zum Five-O-Verbund. Club seit 2004, Vertrag bis 2020. Erweiterung seit 2010, dort Vertrag bis 2019

CK-99
Cocktailbar, Lounge, Games, seit 2011,
Vertrag bis 2021

Crack Bellmer
Bar, Club (House, Deephouse, Soul Funk, ­Reggae, Swing), seit 2012, Vertrag bis 2019

Emma Pea
Vegetarisches Restaurant, seit 2011,
Vertrag bis 2019

Kletterkegel & Indoorklettern
Klettern, Kurse, Bouldern, seit 2004,
Vertrag bis 2019 (gehören zu Five-O)

M.I.K.Z.
Club, Lesungen, Theater, Yoga, Workshops, Präsentationsfläche für lokale Künstler u.v.m.

Tony’s Grill
Deutsch-ungarischer Burger-Imbiss, seit 2012, Vertrag inkl. Verlängerungsoption bis 2019

Urban Spree
Kunstraum, Ateliers, Biergarten, Store
(Fotobücher), seit 1999, Vertrag bis 2019

 

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