Literatur

Poesiefestival Berlin 2018

Der Dichter Alexander Gumz schrieb einst Gedichte in der U-Bahn. Jetzt ist er Mitkurator beim Poesiefestival. Ein Essay

gezett

Lange Zeit bin ich viel U-Bahn gefahren. Ich fuhr zur Schule, zum Studieren. Ich fuhr zu Konzerten und Lesungen und Partys. Ich fuhr auf den Kreuzer, wie wir den schinkelgekrönten Buckel am Mehringdamm nannten, zum Rumsitzen und Gitarrespielen. Das ­waren Mitte der 90er-Jahre Dinge, die man ohne großes Geschiebe absolvieren konnte. In den U-Bahnen war es eher ruhig (keine Handys) und Alkohol führten nur Alkoholiker mit sich.

Okay – wozu die Nostalgie? Um zu sagen: In der U-Bahn schrieb ich Gedichte. Oder ­Teile davon, paar Sätze hier, paar Worte da. Ein Konglomerat aus Beobachtungen, Zeilen, die ich mit dem anderen Auge las, und Halbsätzen von der Nebenbank. Für all das, scheint es im Nachhinein, gab es damals Zeit und Raum. Die Stadt war noch nicht die hippste des Universums, Wohnungen wurden einem hinterher geschmissen und wir fühlten uns noch nicht als lebende Ausstellungsstücke der Tourismusbranche.

Heute schreibe ich fast nur noch, wenn ich weg bin. Zum Beispiel in der Uckermark, die auch immer hipper wird. Spricht das gegen Berlin? Jein. Vermutlich werde ich einfach älter. Die Eindrücke, mit denen die Stadt mich zuballert, müssen abhängen, müssen durchs Alltagsgerödel sickern, eine Weile im Körper vor sich hin schwappen.

Erst dann können Gedichte daraus entstehen, am besten, wo die Luft leise ist und die Internetverbindung langsam. ­Dabei kommen Sachen raus wie: „als wir stuck an unseren wangen durch die straßen trugen:/ wer wollte was von aufstand wissen? // (…) // meinen offiziellen titel hab ich nie vernommen. / man nennt mich kastenwagen, dürrer blonder, wasserhahn. // aber die prinzessin in mir will tanzen, / zum pizzaladen an der ecke.“

Berlin ist natürlich doch schuld. All die vielen Independent-Lesereihen, user-freundlich übers Stadtgebiet verteilt (u.a. Lyrik im Ausland, Hauser & Tiger, Kabeljau & Dorsch, Literatur in Weißensee), dazu das junge Literaturhaus Lettrétage in Kreuzberg. Man könnte mehrere Abende die Woche damit zubringen, sich aktuelle Dichtung vorlesen zu lassen, direkt vom Erzeuger. Wer soll das alles schaffen?

Das war noch nicht so, als wir Anfang der Nuller Jahre das Netzwerk KOOK gründeten, aus dem die Dichterin Daniela Seel ihren Verlag kookbooks entstehen ließ. Da schien es bloß eine Art finstere Festung zu geben, in die alle klettern wollten: den Literaturbetrieb. ­Danielas Motto dagegen: Poesie als Lebensform. Alles war Selbstausbeutung, ­Begeisterung, eine kleine Feier des Widerspenstigen – der Dinge, die man machte, weil man sie wichtig fand, nicht, weil sich damit Kohle machen ließ. Kohle gab es nur in unseren Kellern. Wir wohnten in unsanierten Altbauten in Prenzlauer Berg, inkl. Schreibwerkstätten am Wohnzimmertisch.

Jan Böttcher, Sänger und Texter der Band Herr Nilsson, Zugezogener und Ur-KOOK-Gründer, sang Zeilen wie: „Bieg um die Ecke, und dann tut was weh, das ist die Schönheit der Kastanienallee. / Setz dich hin, trink Kaffee.“ Björn Kuhligk, geborener Westberliner, schrieb eher Sachen wie: „und wenn es dunkel wird im Stadtgerüst / die Autos auf den Straßen stehn / wie eine Linie schlafender Tiere / bin ich mit dem Deutsch / am Ende wie ein leerer Biergarten / Anfang Dezember“. Gedichte und Songtexte gingen problemlos zusammen. Leonard Cohen, Patti Smith, Nick Cave waren genau so wichtig wie Paul Celan, Rolf Dieter Brinkmann oder Inger Christensen.

Über die Jahre wanderten wir mit der monatlichen Lesereihe KOOKread von Prenzlauer Berg über Mitte nach Kreuzberg. Jetzt sind wir im ACUD am Weinbergspark gelandet, einem der letzten alternativen Kulturhäuser der ­Gegend. Nächstes Mal am 19. Juni mit einem Lesekonzert fast aller aktuellen KOOK-Mitglieder: Lucy Fricke, Susie Asado, Karla Reimert, Katharina Schultens, Jan Böttcher, Daniela Seel, viele andere et moi. Ende des Werbeblocks.

Das Tolle an Berlin ist nicht nur, dass immer mehr Menschen kommen, die gute Gedichte schreiben und Spinner ähnlicher Art kennenlernen möchten. Wie in jeder brauchbaren Stadt kann man sich dazu mit Input versorgen, der über den Kreis von mehr oder weniger geteilten Ästhetiken hinausgeht, den Kopf weitet und die Ohren schlackern lässt.

Zum Poesiefestival berlin beispielsweise, für das ich seit zehn Jahren als Co-Kurator einiger Veranstaltungen arbeite, versuchen wir, Dichter*innen aus aller Welt einzuladen, die oft noch nie ins Deutsche übertragen wurden. Dann lesen sie nicht nur, sie treffen auf Vertreter anderer Kunstformen, übersetzen, verfilmen, vertanzen einander. Sie singen und rappen und malen.

Das irritiert und freut des Dichters Hirn. Es lernt andere Sprachen, Bildwelten, Energien kennen. Doch jeder Mensch mit Augen und Ohren kann dort Schräges, Klares, Rotziges und Elegantes finden, dicht beieinander. Vom 25. bis 31. Mai in der Akademie der Künste gibt es so unterschiedliche Dichter*innen zu erleben wie Charles Bernstein (USA), Jorge Kanese ­(Paraguay), Katalin Ladik (Ungarn), ­Ketty Nivyabandi (Burindi), Bronka Nowicka (Polen) oder Nathalie Ronvaux (Luxemburg). Oder Eugen Gomringer in einem Kolloquium. Oder die Autoren Søren Ulrik Thomsen und Michael Lentz mit ihren Bands. Oder Robert Forster, Singer/Songwriter der legendären Band The Go-Betweens, in einem Gesprächskonzert. Auch Björn Kuhligk liest, am 26. Mai bei ­„Poets’ Corner“, zusammen mit vielen anderen Dichter*innen aus Berlin.

Zwischen den Veranstaltungen kann man mit den Vertretern dieser seltsamen Spezies, die fast ganz aus wirklich netten Leuten besteht, Kaffee trinken. Und Gedichtbände gibt’s zu kaufen, von Lyrikverlagen wie dem Verlagshaus Berlin, roughbooks, der Brueterich Press, hochroth, Gutleu, der edition AZUR oder der Ugly Duckling Press. Und ich renne irgendwo herum, im Hintergrund, und winke.

Text: Alexander Gumz

poesiefestival berlin „Werte Vers Kunst“ Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, u. a. Orte,
Do 24.–Do. 31.5., Programm: www.haus-fuer-poesie.org

KOOKread mit fast allen KOOK-Mitgliedern, u.a. Lucy Fricke, Daniela Seel, Jan Böttcher, Susie Asado, Karla Reimert, Georg Leß, Eric Schumacher, Alexander Gumz Acud-Studio, Veteranenstr. 21, Mitte, Sa 16.6., 20 Uhr

www.kookverein.de
www.poesiefestival.org
www.lesereihen.org

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