Aktuelle Lyrik

Poesiefestival Berlin 2019

Delirien und Debatten: Das 20. Poesiefestival Berlin zeigt sich politisch aufgeladen – ebenso wie die Berliner Gegenwartslyrik. Eine Bestandsaufnahme

Foto: imago images / gezett

Wer wissen will, wie digitale Medien und neue Geschlechterdiskurse die deutsche Sprache beeinflussen, schaut in die Gegenwartslyrik. Anlässlich des 20. Poesiefestivals Berlin vom 14. bis 20. Juni lohnt sich ein Blick auf die Berliner Dichterinnen. Divers sind sie, aber ihnen allen ist die Freude am Experiment und an der Haltung gemein.

Da wäre zum Beispiel Monika Rinck. Sie legte dieses Jahr „Alle Türen“ (Kookbooks) vor. Rinck, die Großmeisterin des absurden Dichtens, greift in Sprache ein und verdreht, wo sie kann, Bedeutungen bis ins Unkenntliche. Sie macht Notizen: „Die Tiere sind jemand / Sie sehen sich als Personen”, stellt Forderungen auf: „Ich will allgemeine unpersönliche Lust.” Ihre Gedichte zu hören ist, als würde man jemandem zwischen Genie und Delirium beim Denken erleben: „Kurz nach drei / schreibt die Geliebte in der knüppelnden Senke des Morgens, sie sei / entlaubt oder entlobt, das ist schwer zu entziffern.“ Ein Sound, der sich festsetzt. Nach ein paar Zeilen Rinck gibt es kein zurück mehr in ein normiertes Sprechen.

Erzählerischer geht Tom Schulz in seiner „Reisewarnung Für Länder Meere Eisberge“ (Hanser) vor. In Gedichten wie kleinen Geschichten macht er uns die Vertracktheit der Gegenwart bewusst. Eine Welt, in der „die schwarze müde See aus Plastikpartikeln“ besteht und „das Volk ein Souverän ist und in den Ferien im Stau steht.“ Schulz verbindet das Banale mit dem Großen; er sinniert über den Zustand unseres Planeten, unseres Wirtschaftens, das Bewusstsein für die Verquickung der globalisierten Welt. Durchweg kritisch und erzählerisch leicht, lesen sich seine Reiseberichte wie ein Rundgang durch Gleichzeitigkeiten. Feuilleton-Debatten, etwa um das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Alice-Salomon-Hochschul-Fassade, flackern auf: „Auf der Avenida weder Frauen noch Blumen noch Bewunderer.” Um sogleich wieder abzuebben.

Politisch aufgeladen geht es auch auf dem diesjährigen Poesiefestival zu: unter dem ­Motto „Endlich Zeit für Sprache“ nehmen Lyriker und Vortragende im 20. Jahr des Festivals die sprachlich Gegenwart auseinander. In einer Kultur, die so textbasiert ist wie die Gegenwart, scheint das nur folgerichtig. Wer, wenn nicht die lyrisch Schreibenden, kann uns dabei helfen, die Gegenwart zu lesen? Das gilt gerade für Lyrikerinnen, die sich mit LGBTQ*-Themen beschäftigen. Im 50. Jahr nach den Aufständen in der Christopher Street in New York gibt das Poesiefestival queeren Stimmen Raum. Edmund White, Romanautor und Lyriker aus New York, ist als Zeitzeuge zu Gast. Bei „Queer Poets. Queer Voices – 50 Jahre Stonwall” geht es auf der Bühne um südafrikanische, polnische und amerikanisch-puertoricanische Positionen. Die dauernde Einladung zum Experiment macht lyrische Sprache zur Einladung für queeres Schreiben. So sieht es auch Festivalchef Thomas Wohlfahrt in seinem Grußwort: „Wir erleben, wie Lyrik sprachliche Räume für kritisches und freies Denken offen hält.“

Politische Relevanz scheint auch in anderen Positionen der Gegenwartslyrik durch. #poetisierteuch heißt es schon seit Jahren aus dem Verlagshaus Berlin. Der kleine Independent-Verlag gehört zu den Berliner Powerhouses der Lyrik. Alexander Graeff veröffentlichte hier in diesem Jahr „Die Reduktion der Pfirsichsaucen im köstlichen Ereignishorizont“. Er erzählt von Kulinarik, von Körpern und seziert toxische Männlichkeiten, wirft sie in ein „non-binäres Biotop der Freude“ und macht sie zum „Höhepunkt der Gegenwart“. Verkopfte Zeilen treffen auf körperliche Realität, durchweg gewürzt mit einer selten feinen Beobachtungsgabe.

Auf Körper hat es auch Anna Hetzer, ebenfalls im Verlagshaus Berlin, abgesehen. Sie lockt uns ins Ungewisse der Sprache mit ihrem Band „Kippbilder“. Wie auch ein Tom Schulz geht sie auf die Reise, seziert die Sprache, operiert an der offenen Zunge. So heißt es in ihren Zungenbrechern: „fischers Fritze fischt / für das deutsche vaterland“ oder auch, nur wenige Zeilen späterm „kerkermeister kärchern Körper / für das deutsche vaterland.“ Hinter Wortwitz und Alliterationen versteckt sich eine Brutalität, die Schlucken lässt. Und da wäre sie wieder, die Zunge. Auch hier wieder: Politik und Körper und Sprache. Die Gegenwartslyrik hatte selten so viel politische Brisanz wie in diesem Jahr.

Poesiefestival Berlin  Akademie der Künste (Hauptort), Hanseatenweg 10, Fr. 14.–Do 20.6., vollständige Programm: www.haus-fuer-poesie.org
Weltklang: Nacht der Poesie  u.a. mit Yugen Blakrok (Südafrika), Patrizia Cavalli (Italien), Marion Poschmann (Deutschland), AdK (siehe oben), Fr. 14.6., 20 Uhr, Eintritt 13/8 € (incl. Anthologie)

Queer Poets. Queer Voices – 50 Jahre Stonewall
  mit Angélica Freitas (Brasilien), Lee Mokobe (Südafrika), Urayoán Noel (Puerto Rico/USA), Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki (Polen), AdK (siehe oben), Mo 17.6., 19.30 Uhr, Eintritt 10/7 €