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Weltpremiere im Eis: „Polaris“ am Deutschen Theater

Menschen haben am Südpol nichts verloren und fahren trotzdem hin: Nach knapp zwei Wochen in der Antarktis inszeniert Jan-Christoph Gockel „Polaris“ mit Julia Gräfner und Wolfram Koch am Deutschen Theater Berlin
Text: Irene Bazinger
Veröffentlicht am: 28.05.2026
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Die Antarktis ist ein Hauptdarsteller in „Polaris“ am Deutschen Theater.  © Lion Bischof
Liebe Frau Gräfner, lieber Herr Koch, in Vorbereitung auf das Theaterstück „Polaris“ des Regisseurs Jan-Christoph Gockel verbrachten Sie beide knapp zwei Wochen in der Antarktis. Außer Wissenschaftler:innen, Forscher:innen und – für ein paar Stunden – Luxustourist:innen kommt niemand ins ewige Eis. Wie war’s?

Wolfram Koch (WK) Ich glaube, man kann sich so gut vorbereiten, wie man will – wenn man dann da ist, stimmt das alles nicht mit den realen Gegebenheiten überein. Wir hatten viele Ideen für die Produktion. Aber nach der Ankunft haben wir gemerkt, hier herrschen ganz andere Verhältnisse und Gesetze. Deshalb haben wir einiges umgekrempelt und sind unmittelbar mit diesem Ort umgegangen. Im Grunde spielt jetzt die Antarktis die Hauptrolle.

Julia Gräfner (JG) Auch für mich war die Realität sehr überraschend und anders als erwartet. Ich hatte vorab zum Beispiel den literarisch-dokumentarischen Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ von Christoph Ransmayr gelesen. Der führt zwar an den Nordpol, aber es gibt durchaus Parallelen. Ein paar Menschen begeben sich zwischen 1872 und 1874 auf eine Expedition. Unfassbar, was die an Hindernissen überwinden mussten und wie schwer es mit ihren technischen Mitteln war, in dieser abweisenden Natur zu überleben! Das war bei uns natürlich ganz anders.

WK Wir waren auf der deutschen Forschungsstation Neumayer III zu Gast, die das Alfred-Wegener-Institut betreibt. Sie steht auf beweglichen hydraulischen Stützen, die verhindern, dass das Gebäude im Schnee versinkt. Das Institut ist nach innen mit festen Regeln organisiert, damit die Wissenschaftler:innen und Techniker:innen unter den schwierigen klimatischen Bedingungen vernünftig arbeiten können. Draußen allerdings liegt mit der eisigen weißen Weite ein völlig anderer Planet. Das war extrem eindrucksvoll. Ich hatte immer den Eindruck, Menschen haben hier eigentlich nichts verloren.

JG Man braucht wirklich viel Kraft, um unter solchen Umständen funktionieren zu können. Deshalb gibt es auf der Station täglich fünf Mahlzeiten. Für die Menschen, die körperlich schwer arbeiten, oft stundenlang mit den Pistenfahrzeugen herumfahren, um etwa Defekte an technischen Geräten zu beheben, werden ungefähr 3.500 Kalorien pro Tag berechnet. Hierzulande brauchen Erwachsene um die 2.000 Kalorien. Doch in der Antarktis muss man Widerstandskräfte aufbauen, mobilisieren, erhalten. Für uns waren diese Tage Lektionen in Demut.

WK Es gibt klarerweise keine frischen Lebensmittel, alles – bis auf die Eier – ist tiefgefroren. Auch der Käse wird aufgetaut und ist deshalb immer bröckelig.

JG Das regelmäßige Essen schafft Gemeinschaft, gibt Struktur und Sicherheit. Und sorgt auch für gute Stimmung.

Der Platz auf der Station ist sehr knapp bemessen. Wie viel Privatsphäre ist da möglich?

JG Auf der Station ist man nie für sich, auch nicht in der Nacht. Ich habe mir meine Kabine mit zwei Wissenschaftlerinnen geteilt. Wenn man über ein Jahr lang da ist, muss man schon lernen, mit dieser räumlichen Enge umzugehen. Der Aufenthalt erlaubte einen unglaublichen Einblick in eine andere Lebenswelt und war wirklich ein Geschenk.

WK Die Station ist wie ein Schiff aufgebaut, mit Decks, Kabinen, einer Kombüse. Wenn ein Schiff mal losgefahren ist, kann man auch nicht einfach aussteigen. Damit muss man sich arrangieren. Die Antarktis ist zirka 40 Mal so groß wie Deutschland, besiedelt von vielleicht 4.500 Menschen in den diversen Forschungsstationen. Wenn da nicht alles funktioniert, wird es problematisch, weil im dortigen Winter monatelang niemand hinfliegen kann.

JG Deshalb wurden wir vor der Abreise gründlich medizinisch durchgecheckt – Herz, Zähne, Blinddarm, Rauchen, so ungefähr.

WK Trotzdem blieb’s ein Abenteuer. Auf der Station gibt es zwar einen Operationssaal, da kann ein Beinbruch schon versorgt werden, aber bei einem Herzinfarkt wird’s heikel.

Bei zweistelligen Minusgraden in der Antarktis braucht es die richtige Kleidung – auch die Schauspieler:innen Julia Gräfner (l.) und Wolfram Koch mussten sich für „Polaris“ gut vorbereiten. © Imago / Imagebroker
Die Uraufführung von „Polaris“ wird als „Mockumentary“ angekündigt, also als Mischung aus Fiktion und Dokumentation. Was werden Sie Ihrem Publikum auf der Bühne erzählen?

JG Der Ausgangspunkt ist eine wahre Begebenheit, ein Mordversuch, der sich 2018 auf der russischen Forschungsstation zugetragen hat. Ein Mann hat versucht, einen anderen zu erstechen, weil der ihm immer den Schluss von Büchern verraten hat, die der gerade gelesen hat. Lesen ist sehr wichtig in der Einsamkeit vor Ort. Und dann dieses Spoilern … Das Opfer hat überlebt, aber beide wurden zurück nach Russland geschickt. Jan-Christoph Gockel hat davon in einer Zeitung gelesen und war gleich fasziniert. Schließlich hat das ja auch, jenseits der Abgeschiedenheit und Enge und dem damit verbundenen hohen Aggressionsvolumen, poetisches Potential und etwas mit dem Wert von Literatur, von Geschichten im Alltag zu tun.

WK Die Story dieser beiden Männer in ihrer Extremsituation wollen wir mit der speziellen Topografie der Antarktis verbinden, mit der endlosen Landschaft, dem dominanten Weiß, den Pinguinen, die manchmal vorbeikommen. An der Schelfeiskante, wenn im Sommer das Meer auftaut, sieht man die Eisberge schwimmen. Sie nehmen alle Farben an, die der Himmel auf sie projiziert. Mit uns reiste der Videokünstler Lion Bischof und wir haben rund vierzig Stunden Filmmaterial mitgebracht – von der Außenwelt, vom Alltag auf der Station, natürlich auch Spielszenen von Julia und mir und von den Mitarbeitenden vor Ort. Diese Aufnahmen werden wir in die Aufführung integrieren.

Im Idealfall geben wir den Zuschauenden das Gefühl, dass sie mit uns in der
Antarktis waren

Julia Gräfner

JG Jan-Christoph Gockel hat jemanden gefunden, dem es gelungen ist, Kontakt zu Oleg B. und Sergej S. aufzubauen, die damals so aneinandergerieten. Wir werden auch Passagen aus Gesprächen mit ihnen in die Aufführung einbauen.

WK Dazu kommen andere Textfragmente und Inspirationen etwa von Herman Melville, Joseph Conrad, Roger Willemsen und Stanislaw Lem, dessen Roman „Solaris“ eine wichtige Referenzgröße für dieses Projekt ist. Außerdem wollen wir darauf hinweisen, was dort auf Gebieten wie Geologie, Geophysik, Biologie, Meteorologie und Klimawandel erforscht wird.

JG Im Idealfall können wir den Zuschauenden das Gefühl geben, dass sie mit uns in der Antarktis waren. Ich hoffe, wir werden erzählerische Mittel finden, die über das hinausgehen, was eine Dokumentation oder ein Feature leisten kann.

Über die Schauspieler:innen

Julia Gräfner, geboren 1989 in Schwerin, schloss 2012 ihr Schauspielstudium an der Hochschule der Künste Bern ab, anschließend dort ihr Masterstudium „Scenic Arts Practice”. Seit der Saison 2023/24 ist sie fest im Ensemble des Deutschen Theaters Berlin. 2021 war sie Teil der Initiative #ActOut für mehr Akzeptanz und Sichtbarkeit queerer Menschen in der Kulturbranche.

Wolfram Koch, geboren 1962 in Paris, ist Gast auf allen großen Bühnen der Republik. In Berlin kennt man ihn von der Volksbühne und dem DT sowie aus der langen Zusammenarbeit mit Dimiter Gotscheff. Im „Tatort“ aus Frankfurt/Main ermittelte er zusammen mit Margarita Broich bis 2024. Mit Gotscheff, Samuel Finzi und Almut Zilcher erhielt er 2011 den Theaterpreis Berlin.

WK Nach der Rückkehr haben mich viele gefragt, wie es war, ich solle doch mal erzählen … Und ich konnte nur antworten, ich kann euch viele Fotos zeigen, aber das Gefühl, wie es wirklich am Südpol war, kann ich euch kaum vermitteln.

Die Schauspieler:innen Julia Gräfner (l.) und Wolfram Koch reisten zwei Wochen ins Eis.  © Lion Bischof
Das Deutsche Theater steckt in Finanznöten und überall wird an Ausgaben für die Kultur gespart. Wie wurde „Polaris“ finanziert?

JG Es handelt sich dabei um eine Koproduktion des Deutschen Theaters Berlin, der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Théâtre National du Luxembourg, gefördert vom DT Freundeskreis und mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Instituts und in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut, das immer mal wieder auch Künstler:innen den Aufenthalt auf der Forschungsstation ermöglicht.

WK Kunst muss sich nehmen, was Kunst sich nehmen kann. Hätte Gockels Konzept die Leute vom Alfred-Wegener-Institut nicht überzeugt, hätten sie uns auch nicht ausgewählt. Aber sie fanden sein Projekt eben interessant und haben uns diesen wirklich einmaligen Aufenthalt ermöglicht. Wir haben übrigens auch vor Ort eine Art Kulturauftrag erfüllt und mit den Leuten, die auf der Station überwintern, eine Theaterproduktion auf die Beine gestellt. Wir beide waren die Conférenciers und die anderen haben gespielt. Sie konnten sich vor der Reise Kostüme aus dem Fundus des DT aussuchen, die haben wir dann mitgebracht. Es waren alle Theaterlaien, aber wir haben mit ein paar Proben eine Aufführung von einer guten halben Stunde hingekriegt. Das schweißte uns alle zusammen. Und es war sehr berührend! Ich habe wieder einmal gemerkt, wie sehr ich das Theater liebe. Es kann die Leute zusammenbringen, sie lachen lassen, es kann die Herzen erwärmen, auch bei minus 16°C auf dem Unterdeck der Station, wo im Winter die Fahrzeuge geparkt werden.

JG Zum ersten Mal wurde also in der Polarregion Theater gespielt! Das hob auch temporär die Hierarchie zwischen den Wissenschaftler:innen und den anderen Mitarbeitenden auf. Und wir konnten spüren, dass wir wieder zu den Anfängen des Theaters zurückgekehrt sind, wie es Peter Brook in seinem Buch „Der leere Raum“ beschrieb: „Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was für eine Theaterhandlung notwendig ist.“ Diese körperliche, emotionale Erfahrung jenseits der Kopflastigkeit hat mich wieder daran erinnert, warum ich einmal mit dem Theaterspielen angefangen habe.

WK Am Ende unseres Aufenthalts haben wir die Kostüme wieder eingepackt und sind zurückgeflogen. Wir waren nur flüchtige Gäste: Erst da, dann weg. Als eine von vielen Erkenntnissen nehme ich mit: Wir brauchen die Natur, aber die Natur braucht uns nicht.

Deutsches Theater Kammerspiele Schumann­str. 13 a, Mitte, Fr 5.6., 19.30 Uhr (Premiere), Sa 6.6., 20 Uhr, So 7.6., 19.30 Uhr, So 21.6., Fr 26.6., Sa 27.6., jew. 19.30 Uhr, Tel. 28 44 12 25, Karten 38–22 €, mehr Infos


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