Stadtleben und Kids in Berlin

Polizisten in Extremsituationen

Durch den tödlichen Schuss am Neptunbrunnen Berlin ist die Diskussion um Training und Belastung von Polizisten neu entbrannt. Einblicke in die Psychologie des extremen Polizeialltags - und wie man dafür trainiert

PolizeSieben lahme Tage, plötzlich ein Anruf, dann Hektik, alles auf 180: In der Polizeiwache werden Ordner rausgekramt, man versucht die Lage zu bewerten, fragt beim Funkwagen nach Details, noch ehe der am Tatort ist. Dann stellt sich heraus: Es ist gar nichts passiert. Die Körper der Polizisten stecken noch voller Adrenalin, in der Erwartung, dass jetzt eigentlich etwas passieren müsste. Im Hof spielen einige Tischtennis, andere machen Kniebeugen, Liegestützen, um das Adrenalin aus dem Blut zu kriegen. So erzählt es eine Polizistin. Am nächsten Tag kommen sie nach einer Nachtschicht früh morgens nach Hause, haben etwas Dramatisches erlebt. Die einen rennen dann noch mal um den Block, um runterzukommen, schlafen zu können. Manch andere greifen zur Flasche.

Durch den tödlichen Einsatz am Neptunbrunnen ist jetzt wieder eine Diskussion darüber entbrannt, wie es um die Psyche von Polizisten bestellt ist. Sabine_SchumannSabine Schumann, stellvertretende Berliner Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt dazu: „Die Kollegen, die am Alex Dienst versehen, müssen sich jetzt anhören, ob sie heute schon jemanden abgeknallt hätten. Die Fachleute sitzen, wie beim Fußball, immer vorm Fernseher. Stellen Sie sich vor, der Mann hätte sich vor den Augen von Kindern und alten Leuten das Messer selbst in den Bauch gerammt – die Polizei ist immer schuld. Es sind auch schon Kollegen verurteilt worden, weil sie zu lange gewartet haben.“

Immer wieder werden Polizisten zu Hilfe bestellt und werden dann selbst das Opfer von Angriffen. „Wir müssen heute mit viel mehr Leuten in den Einsatz fahren, um die Lage zu beruhigen, weil die Aggressivität und die Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft gestiegen sind“, sagt Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. „Gar nicht akzeptiert zu werden, angegriffen und verletzt zu werden, das belastet sehr. Wer sucht sich schon einen Beruf aus, in dem er angepöbelt und bespuckt wird? Gewalt gegen einen selbst führt zu Distanz, dann spricht man möglicherweise auch anders mit dem Bürger. Dadurch können Eskalationen entstehen, die wir nicht haben wollen.“ Auch Sabine Schumann warnt ihre Leute vor zu viel Distanz, ermuntert zum Verständnis: „Gesunde Empathie hilft immer. Und die lernt man nicht an der Schule.“

Oliver_MalchowExtremsituationen für Polizisten sind nicht unbedingt die spektakulären Großeinsätze wie bei Demonstrationen. Die sind einigermaßen vorhersehbar. Es ist ihr Alltag, der Polizisten psychisch an die Grenzen treibt. Dazu gehört, dass Hochs und Tiefs nicht planbar sind. In den letzten Jahren stellt die Polizei zunehmend Belastungsstörungen und Depression fest. „Das hat mit Dauerbelastung, unkalkulierbaren Dienstzeiten und dem zu tun, was man täglich erlebt“, sagt Malchow. Ein Fehlverhalten seitens eines Polizeibeamten sei in den meisten Fällen das Ergebnis einer Ansammlung von Stressfaktoren während eines Einsatztages: Schwerverletzte, vermisste oder verwahrloste Kinder, Familienstreitigkeiten, ärmlichste und ungerechte Verhältnisse, Umgang mit schwierigen Personen. „Der Polizei­alltag ist immer ein Blick in die Abgründe und Verwerfungen unserer Gesellschaft. Da muss was gemacht werden, sonst fallen uns die Kolleginnen und Kollegen reihenweise um.“

Der Sozialpsychia­trische Dienst in der Polizei kann bei solchen Fällen zu Rate gezogen werden. Und es gibt eine Sozialbetreuungsstelle für psychische Probleme wie Alkoholismus. Doch nach Hilfe zu fragen kostet Überwindung. „Das hat mit dem eigenen Bild zu tun und der Notwendigkeit, in bestimmten Situationen und Notlagen durchzuhalten. Sich zu öffnen, sich dem Vorgesetzten oder einem Betreuer anzuvertrauen und um Hilfe zu bitten, war in der Vergangenheit in der Polizei nicht üblich. Dieser Prozess ist erst in den letzten Jahren in Gang gesetzt worden“, sagt Malchow.
Auch Schumann weiß um das Problem: „Männer reden häufig nicht über die Probleme mit dem Erlebten. Sie versuchen oft nicht, sich damit auseinanderzusetzen, sagen hinterher: Alles okay. Nach meiner Beobachtung gehen Frauen oft dichter an den Tatort, haben danach aber auch ein größeres Bedürfnis, darüber zu sprechen.“

Um in den entscheidenden Situationen ruhig zu bleiben, ist Routine notwendig. Innerhalb der dreijährigen Ausbildung oder im Bachelor-Studium für den Polizeidienst spielen Selbstverteidigung, Schieß- und Einsatztraining eine zentrale Rolle, aber auch Verhaltenstraining, bei dem man lernt, wie man in Stresssituationen runterkorrigiert. Doch bei vielen Polizisten liegt die Ausbildung lang zurück. Malchow räumt ein: „Wenn man das lange nicht erlebt hat, kann es sein, dass die Vorsicht nachlässt. Deshalb muss das im Training immer wieder sensibilisiert werden.“
Einsatztrainer sind psychologisch geschulte, einsatzerfahrene Polizisten, oft Profis in Selbstverteidigung. Schutz- oder Kriminalpolizisten sind verpflichtet, Einsatztrainings zu absolvieren. In der Ausbildung nehmen diese einen guten Monat ein. Doch es kann längst nicht jede Situation trainiert werden, dafür reicht das Personal nicht, weil jeder, der trainiert, im Dienst vertreten werden muss. Wegen Aktenbergen mit Strafanzeigen auf dem Schreibtisch oder Krankheit wird auch mal die Fortbildung gestrichen. Im Zweifelsfall geht der Einsatz vor. Doch es gibt auch eine ganz andere Hemmschwelle: Man steht beim Training unter Beobachtung – und kann versagen.

In den Trainingszentren sind Wohnungen oder Lokale nachgebaut. Die Trainer schaffen belastende Situationen, in denen man – auch durch Lärm – in Wallung gerät, wie durch häusliche Gewalt. Man weiß beim Training vorab kaum etwas über die Lage. Dann spielt man Rollen durch, Kollegen übernehmen den Part der Zivilisten.
Schießtraining ist für die Besatzung im Funkwagen dreimal im Jahr angesagt, für Dienstgruppenleiter einmal im Jahr. Beim Schießtraining werden Filmsequenzen gezeigt, bei denen man innerhalb von Sekundenbruchteilen entscheiden muss: schießen, ja oder nein? Trotzdem lässt sich die Realität nur zum Teil simulieren. Wer in der Schießhalle sicher trifft, tut das noch lange nicht, wenn im Ernstfall Menschen kreischen.

Im wirklichen Einsatz gehen die meisten Schüsse von Polizisten auf verletzte Tiere oder als Warnschüsse in die Luft. „Wir sind nicht die schießwütigen Rambos. Die meisten Kollegen sind Künstler im Zutexten. Die reden so lange auf die Leute ein, bis sie ihr Vorhaben aufgeben“, so Sabine Schumann. „Eigentlich sind Polizisten eher zurückhaltend und nutzen die Waffe nicht, weil man ansonsten in der Öffentlichkeit zerrissen wird. Man wird in der Öffentlichkeit nie eine Rechtfertigung dafür bekommen, wenn ein Mensch erschossen wird.“

„Polizisten in Deutschland sind alle sehr sensibel im Umgang mit Schusswaffen, weil am Ende der Tod eines Menschen stehen kann“, sagt Oliver Malchow. „Deshalb ist das Training so, dass man versucht, vorher alle anderen Möglichkeiten durchzuspielen. Sich selbst in Gefahr zu begeben, um anderen zu helfen, und dann so stabil zu sein, dass man sich nicht erlaubt, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, das zeigt auch, welche Polizisten wir sein wollen: nicht Cowboys, die wild um sich schießen. Wir sind Waffenträger, aber in erster Linie lösen wir die Einsätze durch das Gespräch.“
Wenn dann aber doch geschossen wird, kommt es zur staatsanwaltschaftlichen Überprüfung wegen Tötungsdelikt oder Körperverletzung. Das erhöht den Druck auf den betreffenden Polizisten. Die Polizei bietet dann seelsorgerische und psychologische Begleitung. In der Regel wird man nicht vom Dienst suspendiert. Malchow betont, es sei wichtig, dass dann auch in der Dienstgruppe das Thema aufgearbeitet werde. Wer möchte dann aber in einer solchen Lage gegen den eigenen Kollegen aussagen? „Man erlebt zu zweit oder in der Gruppe richtig schwierige Situationen, bei denen man sich auf den anderen verlassen können muss“, sagt Malchow. „Polizisten machen auch Fehler. Da kommen sie in Konflikte: Gegen denjenigen, der einem bei einem gefährlichen Einsatz gestern noch das Leben gerettet hat, heute aussagen zu müssen, welcher Mensch hätte da keinen Konflikt? Am Ende muss es aber so sein, dass Fehlverhalten auch ausgesprochen wird.“
Und findet genug Selbstkritik innerhalb der Polizei statt? „Ich bin davon überzeugt, dass wir nach innen sehr kritisch mit Einsätzen umgehen“, so Malchow. „Nach außen reden wir nicht gerne über Fehler und Schwächen. Aber intern werden kritische Einsätze akribisch nachbereitet, wenn dafür Zeit ist und die Arbeitsbelastung das zulässt.“ Diese sogenannten Supervisionen werden geleitet vom Dienstgruppenleiter oder Revierleiter, die entweder dabei waren oder für den Einsatz Verantwortung tragen.

Wie hilft das Polizeitraining dabei, Menschen psychisch einschätzen zu können? Malchow sagt: „Manchmal wirkt jemand ganz ruhig, aber dann darf man nicht gleich glauben, dass er auch so bleibt. Er kann unvermittelt von einer Sekunde zur nächsten ausrasten. Deshalb darf sich kein Polizist dem Gefühl, die Lage sei beruhigt, hingeben, sondern muss innerlich immer auf der Hut sein.“ 

Text: Stefan Hochgesand
Foto: ArnoBachert/pixelio, GdP

 

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