Theater und Bühne in Berlin

Porträt Barry Kosky – Intendant der Komischen Oper Berlin

Barrie Kosky, der neue Intendant der Komischen Oper, glitzert und glittert und weiß, was er will

BarryKoskyGestatten: „Medienhure.“ Der neue Intendant der Komischen Oper, der sich so bezeichnet, nimmt sich selbst gern auf die Schippe. So, als könnte ihm in Berlin nichts Ernsthaftes mehr zustoßen. Er hat leicht Lachen. Kaum ein eincheckender Intendant in Berlin hatte zu Beginn seiner Arbeit schon ein so scharf umrissenes, medial funkelndes Image wie der lustig untersetzte, schwule, jüdische Operetten-Clown Barrie Kosky.

Bei seiner Ernennung verkündete Kosky, er werde Wagners „Parsifal“ auf Hebräisch und mit seinem Hund Blumfeld in der Rolle der Kundry inszenieren. In seinem leergefegten, klinisch weißen Intendantenzimmer  stehen nur ein Tisch, einige Stühle und ein Hundekorb. „Nehmen Sie nicht auf der cremefarbenen Couch Platz“, wird uns beim Warten noch zugeraunt. Das Möbel muss wegen Speichelflecken von Herrchens Cockerspaniel gereinigt werden. Das Tier ist nach einer Erzählung von Franz Kafka benannt und lebt zurzeit in einem Berliner Hunde-Hotel.

Schon vor fünf Jahren kam Kosky nach Berlin. Privat wohnt er im Schöneberger Akazien-Kiez. „Der Westen ist doch eigentlich sehr schön“, sagt er mit einem Anflug abgefeimter Naivität. Zur Komischen Oper in den Osten gelangt er zu Fuß durch den Tiergarten. Oder er fährt mit der S-Bahn. Einen Führerschein hat er nicht. „Ich wäre tot“, meint er im Hinblick auf seine starke Brille. Sie soll eine Dioptrien-Zahl von minus 13 aufweisen.
Keine seiner bisherigen Berliner Inszenierungen hat Theatergeschichte geschrieben. Der Mann ist trotzdem längst stadtbekannt. Sein Vorsatz, bloß nicht langweilig zu werden, wird im vorwitzigen Berlin honoriert. Kosky ist schon deswegen willkommen, weil er Stücke leichtzunehmen versteht. So lange, bis sie sich schütteln und den ernsten Kern ihrer Sache wie von selbst ausspucken. Wenn man Glück hat.

Seine knallbunte, nacktärschige Inszenierung von Cole Porters „Kiss me, Kate“ (mit Dagmar Manzel) an der Komischen Oper verkaufte sich monatelang wie geschmiert. Noch ein Berliner Theater-Grundgesetz: Wer hier einen echten Erfolg hat, den vergisst man so schnell nicht. Also kam das Angebot, Nachfolger des holzgeschnitzten Homoki zu werden, fast wie von selbst.
An jedem Finger dicke Modeschmuck-Ringe, ein Augenbrauen-Piercing hinter der Harold Lloyd-Brille: Barrie Kosky erinnert an das schöne alte Wort Paradiesvogel, das man in Berlin verwendete, als es noch Travestieshow-Tourismus und den Berliner Tuntenball gab. Die billigen Brillis trägt Kosky übrigens, seit seine ungarische Großmutter ihm mit ihrem Schmuck zu lange vor den Augen herumgeklunkert hat. „Sie hat ihre Brillanten nicht einmal zum Baden abgelegt“, so Kosky. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester begann er seine Theaterarbeit bei häuslichen Kostümfesten. Als Kind vor ratlosen Verwandten.
Koskys Theater aus dem Geiste des Dress-Up, der Verkleidung und Mischpoken-Beglückung, knüpft an ältere Unterhaltungstradi­tionen an. Die Komische Oper gilt durch ihren Gründungsdirektor Walter Felsenstein (gestorben 1975) als Wiege des modernen Regietheaters. In Wirklichkeit war sie nicht nur Kaderschmiede für fortschrittliche Opernregie. Das Haus ist älter.

Bis 1933 feierte hier die Operette der Weimarer Republik mit Stars von Lizzi Waldmüller bis Rudolf Nelson Urstände fröhlich-unmoralischer Abendunterhaltung. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“, flötete hier die legendäre Fritzi Massary.
Richard Tauber verkündete in der Uraufführung vom „Land des Lächelns“ das Credo bürgerlich integrierter Perversionen: „Wie’s da drin aussieht, geht niemand etwas an.“ An diese Tradition einer noch nicht verbiederten Operette will Kosky anknüpfen. Das hat eine politische Dimension. Die Nazis waren es, welche die jüdisch-frivole Operette der Vorkriegszeit eskamotierten. Ihnen kamen Jux und Tollerei unvölkisch vor. Fast die gesamte Szene einschließlich etlicher Komponisten wie Paul Abraham oder Emmerich Kalman mussten emigrieren. Die Librettisten Fritz Grünbaum Fritz Löhner-Beda wurden im KZ ermordet.

Dass die Operette heute als ein spießiges, prüdes und bigottes Gewerbe gilt, ist himmelschreiendes Unrecht angesichts der Geschichte und des subversiven Potentials dieser Gattung. Das falsche Image liegt auch an den strassbesetzten Stars der Pantoffel- und Pomaden-Operette seit den 50er-Jahren (wie Anneliese Rothenberger oder Rudolf Schock). Das zu ändern ist ein vornehmes Ziel Koskys. Mit Kalmans „Bajadere“, Paul Abrahams „Ball im Savoy“ (mit Dagmar Manzel und Helmut Baumann) und dem „Kuhhandel“ von Kurt Weill will man gleich in der ersten Saison Zeichen setzen.
Neben Operette, Neuer Musik (von Olga Neuwirth und Detlev Glanert) und Mozart will Kosky Gewicht auf die russische Oper und auf französischen Barock legen – zwei Sparten, die bislang in Berlin vernachlässigt wurden. Für letztere soll auch das Komische-Oper-Dogma des Singens auf Deutsch gelockert zugunsten der Originalsprache werden; aber nur ausnahmsweise.
Seit der überlaufenden Klosett-Schüssel in Barrie Koskys Berlin-Debüt-Inszenierung des „Grand Macabre“ von György Ligeti weiß man, dass dieser Mann nicht nur kokettieren will. Bei seinem „Orfeo“ an der Staatsoper (dirigiert von Renй Jacobs) erlebte man, dass er betriebskompatibel funktionieren kann. Im Schauspiel (Strindbergs „Traumspiel“ im Berghain, eine Produktion des Deutschen Theaters) hatte er weniger Glück. Mit „Rigoletto“, „Figaro“, „Iphigйnie en Tauride“ und (am besten) „Rusalka“ erwies er sich danach als festeste Bank im Gemischtwaren­laden der Komischen Oper.

Aus deren Altmeister- und Provokateur-Regie-Sortiment will Kosky nur Calixto Bieito weiter beschäftigen. Er bevorzugt neue Musiktheater-Namen wie Ivo van Hove (für Tschaikowskys „Mazeppa“) und Kirill Serebrennikov („American Lulu“). Fette Schinken von Wagner und Strauss soll es an der Behrenstraße vorerst nicht mehr geben. Man merkt, dass hinter der Fassade des bunten Hundes und kleinen Provokateurs jemand steckt, der nüchtern zu diagnostizieren und die richtigen Schritte einzuleiten weiß. Unter Barrie Kosky nimmt die Komische Oper die erstaunlichste und radikalste Re-Spezialisierung in Angriff, die in den letzten Jahrzehnten an einem Berliner Opernhaus überhaupt zu beobachten war. Ob Kosky sie wirklich realisieren kann, muss man abwarten.

Seine mutige Monteverdi-Trilogie, ein Paukenschlag zum Auftakt der Saison, versammelt die drei Gründungs-Opern „Orfeo“, „Ulisse“ und „Poppea“ in modernen Arrangements für Banjo, Harmonium und E-Gitarre. Die Opern werden ungekürzt hintereinander gespielt. Das Spektakel dauert „von elf bis elf“, so Kosky. Also rund zwölf Stunden. Für Speis und Trank ist gesorgt. Wach bleiben müssen die Leute selber. 

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Gunnar Geller

Orpheus, Odysseus, Poppea
z.B. am 16.9., 3.10., 4.11.
in der Komischen Oper,
außerdem jeweils einzeln: 22.9., 19.10. (Orpheus), 23.9., 20.10., 6.12. (Odysseus), 21.10., 1.11. (Poppea),
Karten-Tel. 47 99 74 00

 

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