Theater und Bühne in Berlin

Porträt Rainald Grebe

Rainald Grebe reaktiviert mit seiner neuen Show am Maxim Gorki Theater "Dada Berlin"

DADABerlinWie immer, wenn Rainald Grebe ein neues Theaterstück vorbereitet, wühlt er sich durchs Material und hat nicht die geringste Ahnung, wie das Ergebnis in ein paar Wochen auf der Bühne aussehen wird. Grebe ist ein manischer Sammler seltsamer Wirklichkeitssplitter, unter dessen Blick dieses Land wie eine hübsche, von im Prinzip gutwilligen, aber leider mehr oder weniger geisteskranken Insassen bewohnte Puppenstube wirkt. Im vergangenen Jahr hat er den Unsinn des Berliner Wahlkampfes in einem fröhlich-sarkastischen Gorki-Theaterabend entsorgt: „Völker, schaut auf diese Stadt – Berlin wählt und Rainald Grebe kann sich nicht entscheiden.“ Einen besonders irren Gastauftritt hatte per Video der große Dichter und Denker Leander Haußmann, der darüber grübelte, dass der Wannsee ja echt nichts zu bieten hätte außer der Wannseekonferenz. Tja. Wie gesagt, Grebe hat einen präzisen Blick für die Komplett-Dachschäden seiner Mitmenschen.

Irgendwie fast logisch, dass er sich nach den unfreiwilligen Real-Dada-Auftritten des Berliner Politik- und Kulturbetriebs-Personals im Cabaret Wowereit jetzt den echten Dadaisten der 20er-Jahre zuwendet: „Dada Berlin“ heißt Grebes neue Show im Maxim Gorki Theater, Premiere Ende Oktober. Der Titel klingt wie eine korrekte Diagnose des Berliner Dauerzustands.
Derzeit frisst sich Grebe durch Lautpoesie von Hausmann (Raoul, nicht Leander) bis Kurt Schwitters und weiß im Augenblick nur so viel: „Der Lyriker Michael Lentz hat mir geraten, das bloß nicht mit Schauspielern zu machen – da könnte er recht haben.“ Und wie kommt er gerade auf die Dadaisten? Grebe, entspannt und freundlich wie immer am Telefon: „Das sind meine Ursprünge, da komme ich eigentlich her. Hausmann, Ball, Tristan Tzara, Huelsenbeck – das habe ich mit 17, 18 gelesen, das hat mich gerockt damals. Die Dadaisten waren alles junge Leute, das war eigentlich eine Jugendbewegung. Wenn man diese ganzen Lautgedichte liest, muss ich daran denken, dass die Dadaisten in Zürich Ausländer waren, Flüchtlinge. Die Schweizer haben die nicht verstanden, da waren Lautgedichte doch die logische Antwort.“ So gesehen passt sein Dada-Abend dann ja sogar ins Programm vom Shermin Langhoff, die ab übernächster Spielzeit das Gorki leiten wird: Auch Dada ist irgendwie postmigrantisch.

Dass Grebe öfter an Dada denken muss, hat vielleicht auch damit zu tun, dass seine Karriere seit ein, zwei Jahren rasant Fahrt aufgenommen hat. „Ich bin in letzter Zeit sehr berühmt geworden. Ich hab die Waldbühne in Berlin gerockt, ich bin mit einem Orchester durch die großen Hallen dieser Republik getourt. Alles wurde immer fetter, ich auch.
An manchen Tagen hab ich zehn Interviews gegeben, die meisten Fragen haben sich die Redakteure aus Wikipedia rausgeschrieben. Da steht drin, wer ich bin. Und nach dem 30. Interview glaub ich das sogar selbst. Ich könnte jemanden anstellen, der für mich die Fragen beantwortet, auffallen würde es nicht“, schreibt er im Waschzettel zu seiner neuen, nebenbei gesagt großartigen Solo-CD („Das Rainald Grebe Konzert“), die im Oktober rauskommt. Er singt über Captain Krümel, die Nöte der Pubertät („Kein Kommentar“) und seinen Zivildienst in der psychiatrischen Anstalt Gilead. Traurig. Lustig. Wer das nicht liebt, dem ist nicht zu helfen.

Was Grebes Karriere mit Dada zu tun hat? Zum Beispiel, mit seinen Worten, Folgendes: „Letztes Jahr war ich öfter in irgendwelchen Fernsehsendungen und dachte, ich mag das alles nicht. Das ist so absehbar und durchformatiert. Dadaismus ist das Gegenteil davon. Ich will dem RBB ein Format für eine Sendung vorschlagen. Ich versuche, am Gorki mit dem Dada-Abend den Piloten für meine zukünftige RBB-Sendung, die es ja vielleicht nie geben wird, zu zeigen.“ Obwohl, Dada und RBB – das könnte passen, wenn vielleicht auch auf Seiten des RBB eher unfreiwilligerweise.
Und weil Rainald Grebe weiß, dass Journalisten lustige Geschichten mögen, erzählt er am Telefon noch eine, und sie ist wahr: „Das Züricher Cabaret Voltaire, wo die Dadaisten 1916 angefangen haben, wird seit zehn Jahren wieder von einem Verein betrieben, finanziell unterstützt von der Stadt Zürich. Ich war da. Jonathan Meese hat innen die Wände bemalt, mit Pimmeln und sonst was. Der Raum wird auch für private Feiern vermietet. Ein Schweizer Hochzeitspaar wollte dort heiraten. Die Eltern dieses Brautpaares sahen vor der Feier die Wände mit Meeses Pimmel-Gemälden und fanden, nein, das geht nicht. Sie haben Meese mit roter Wandfarbe übermalt. Das ist Dada heute, das fand ich großartig.“ 

Text: Peter Laudenbach
Foto: Thomas Aurin

Dada Berlin
im im Maxim Gorki Theater, ,
Premiere: 29.10., Ticket-Tel. 202 21-115

Vita:
•    1971 geboren
•    Studium Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin
•    2000–2004 Dramaturg, Schauspieler, Regisseur am Theaterhaus Jena
•    2004 erste CD: „Abschiedskonzert“
•    Juni 2011: Konzert mit dem Orchester der Versöhnung in der Waldbühne
•    2010, 2011: Theaterinszenierungen am Maxim Gorki Theater

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