Kino & Film in Berlin

In „Poussiиres d\Amour“ feiert Werner Schroeter Operndiven

Parallel zum Start von Werner Schroeters Film "Diese Nacht" gibt es nun die Gelegenheit, den 1996 entstandenen Film-Essay "Poussières d'Amour" auf DVD kennen zu lernen.

Poussiиres d'AmourPoussiиres d’Amour“ nannte der Theater-, Opern- und Filmregisseur Werner Schroeter seinen von der Belcanto-Musik inspirierten Film vielleicht, weil diese feinstofflichen „Abfallprodukte der Liebe“ das Fluidum bereichern, in dem sich Sänger in den Proben, in der intimen Atmosphäre hinter der Bühne allmählich an den Schmelz der großen Gefühle heranspielen. Jetzt gibt es parallel zum Start von Werner Schroeters neuem Film „Diese Nacht“ die Gelegenheit, den 1996 entstandenen Film-Essay, der eine Hommage an die rätselhafte Schönheit der Stimmen ist, auf DVD kennen zu lernen.
Werner Schroeter hat seit Beginn seiner Regie-Karriere Ende der sechziger Jahre radikal auf Melos und Gefühlsintensität der Opernmusik vertraut und die grandiose Gestik der überkommenen Ausdrucksformen immer wieder anarchisch neu collagiert.
Inzwischen hat er mehr Opern und Theaterstücke inszeniert als Filme gedreht. „Poussiиres d’Amour“ ist eine hypnotisierende Nahaufnahme großer Diven und Stars, auch eine diskrete Recherche danach, wie ernst sie es persönlich mit der Liebe, der Ekstase und dem Tod nehmen, die sie besingen.
Schroeter lud Martha Mödl, Gail Gilmore, Trudeliese Schmidt, Jenny Drivala, Kristine und Katherine Ciesinski, Laurence Dale und Sergej Larin in die ehemalige Abtei Royaumont bei Paris ein und filmte Proben mit den Stars und der Pianistin Elizabeth Cooper und zeigt sich als Zeremonienmeister und behutsamer Gesprächspartner. Den Schwebezustand zwischen Workshop, Meditation und inszenierten Arien taucht die Kamerafrau Elfi Mikesch in traumwandlerische Hell/Dunkel-Bilder.
Isabelle Huppert und Carole Bouquet, zwei Schroeter-Schauspielerinnen früherer Filme, interviewen die Stars, vor allem Schroeters Diva assoluta, die italienische Sopranistin Anita Cerquetti. Ihre lyrische Interpretation von Bellinis „Norma“ rivalisierte einst virtuos mit der von Maria Callas, doch Cerquetti, eine Erscheinung mit Fellini-Gesicht, steht in Schroeters melancholischer Anrufung der Opernkunst für den Abschied: Man sieht sie mit furioser Energie beim Unterricht, doch ihre eigene Stimme ging verloren, als sie sich ins bürgerliche Familienleben zurückzog. Werner Schroeters „Poussiиres d’Amour“ steht dem Spiel mit der artifiziellen großen Geste und deren realitätsnahen Brechung ähnlich nah wie sein aktueller Spielfilm „Diese Nacht“.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

Poussiиres d’Amour – Abfallprodukte der Liebe, Deutschland/Frankreich 1996; Regie: Werner Schroeter; Mit: Anita Cerquetti, Martha Mödl, Rita Gorr, Kristine Ciesinski, Katherine Ciesinski, Laurence Dale, Jenny Drivala, Gail Gilmore, Sergej Larin, Carole Bouquet und Isabelle Huppert; 125 Minuten, Farbe; Extras: Werner Schroeter inszeniert R. W. Fassbinders „Katzelmacher“; Filmgalerie 451; 14,95 Euro 

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