Essen & Trinken in Berlin

Premiumlieferdienste in Berlin

Kaum ein Segment der Digitalwirtschaft ist derzeit ?umkämpfter als der Lieferservice. Immer neue ?Startups schießen aus dem Boden. Ihr Konzept:? Lieferessen aus der gehobenen Gastronomie

Premiumlieferdienste in Berlin

Gemäß dem Mantra „Gegessen wird ­immer“ begann der digitale Kampf um die Mägen vor rund acht Jahren mit dem Aufkommen von Lieferplattformen wie ­Pizza.de, Lieferando oder Lieferheld. Sie waren die ersten, die sich in die Wertschöpfungskette zwischen das Restaurant und den hungrigen Kunden setzten. Seitdem klickt man sich durch digital aufgelistete Karten, anstatt mit dem Flyer in der Hand beim Imbiss anzurufen. Doch die Spezifizierungsmöglichkeiten des Liefermarktes sind noch nicht ausgereizt. Die mitunter paradoxe Gleichzeitigkeit von Bequemlichkeit und dem Wunsch nach guter Ernährung hat innerhalb der Nische eine weitere aufgetan: Premiumlieferdienste.
Sie tragen Namen wie Deliveroo, Foodora oder Urban Taste und sind – bis auf den 2005 gegründeten Methusalem Bloomsbury’s – alle erst in den vergangenen zwölf Monaten in Berlin gestartet. Was die neuen Startups vereint, ist der Anspruch, nur die besten Restaurants ins Repertoire aufzunehmen. Statt schlammiger Nudeln in „Spezialsauce“ gibt es Wildkräutersalat mit Blüten oder Tiroler Herrengröstel.
Felix Chroborg, Geschäftsführer der Berliner Deliveroo-Dependance betont, dass „alle Restaurants von ihnen selbst sehr vorsichtig ausgesucht und getestet wurden“. Auch bei Foodora finden man Namen wie den angesagten „Mädchenitaliener“ in Mitte oder die Slow Food Manufaktur „Berliner Feinkost Fraktion“.
Restaurants und Bistros in diesem Segment liefern nicht selbst, haben keine eigenen Fahrer. Die brauchen sie auch nicht, denn die neuen Anbieter verstehen sich als „Full-Service-Solution“. Eine Flotte aus Fahrern – im platten Berlin zumeist auf dem Rad, in anderen Gegenden auch mit dem Mofa oder Auto – steht in der Stadt verteilt bereit und wartet darauf, dass ein Restaurant in ihrem Revier ausliefern möchte. Das Restaurant kommuniziert mit dem Lieferservice virtuell, der Anbieter verspricht durch kleine Lieferkreise und spezielle Algorithmen die schnellstmögliche Lieferung.
Angepeiltes Ziel sind bei Deliveroo etwa 32 Minuten von der Bestellung bis zum Türklingeln. Der Preis des vollen Service ist eine Provision von etwa 30 Prozent auf jede Bestellung. Um die eigene Marke zu stärken, verfügen die Lieferer sogar über eigens designte und gebrandete Verpackungen. Die Gastronomen entscheiden selbst, ob sie diese verwenden.
Und die Restaurants? Lohnt es sich? Sebastian Hunold, Inhaber des Ron Telesky spricht von derzeit ein bis zwei Pizzen am Tag. Bei gleich drei Anbietern, Foodora, Bloomsbury’s und Deliveroo, hat er seinen kreuzbergisch-kanadischen Pizzaladen gelistet. „Im Moment ist es eher ein Zubrot, aber wenn im Herbst das Wetter schlechter wird, kann sich das sicher verdoppeln oder verdreifachen.“ Sein Risiko ist gering. Kein Fahrer muss angestellt, kein Auto betankt oder versteuert werden. „Und wenn im Laden die Hütte brennt, kann ich mich auf dem Tablet auch für ein paar Stunden ausloggen.“ Sorgen mache ihn mehr, dass die Qualität durch die Zeit in der Wärmebox leiden könne. Der Plan: Sich demnächst die eigene Pizza nach Hause liefern lassen, um das zu überprüfen.
Auch Maren Berens erhofft sich für ihr kleines veganes Cafй Pкle-Mкle eine Erhöhung der Kapazitäten – seit zwei Monaten ist es bei Bloomsbury’s zu finden. Wobei das natürlich auch dazu führen kann, dass sie mit einer einzigen kollektiven Großbestellung plötzlich an die Grenzen des zeitlich und personell Machbaren gerät. Es ist eine Sache der Erfahrung und Planung. Um das Stresspotenzial zu verringern, haben Hunold und Berens nicht die gesamte Karte im Netz, lassen zeitaufwändige Gerichte weg.
Doch während sich auch bei anderen befragten Restaurants bislang keine nennenswerten Umsatzsteigerungen feststellen lassen, wachsen die Start-ups selbst stetig. Bei Foodora waren bei Nachfrage etwa 105 Berliner Restaurants gelistet, bei Deliveroo 250, mit einer wöchentlichen Steigerung des Ordervolumens von 20 bis 25 Prozent.  Und es wird ordentlich investiert.  Bei Deliveroo London sind erst kürzlich 70 Millionen Dollar von amerikanischen Geldgebern geflossen. Und auch der umtriebige Berliner Startup-Inkubator Rocket Internet der Samwer-Brüder mischt durch den Kauf von Foodora kräftig mit. Schon durch eine fast 40-prozentige Beteiligung am Liefergiganten Delivery Hero (Lieferheld, Pizza.de und neu: „Urban Taste“) hat Rocket Internet sein ausgeprägtes Interesse an der Lieferbranche bewiesen.
Es bleibt indes abzuwarten, ob der Markt groß genug für diese Vielzahl an Anbietern ist. Und ob der Kunde hochpreisiges Essen wirklich aus der Pappschachtel schütteln möchte. Dennoch: „Der Außer-Haus-Verzehr wächst kontinuierlich“, sagt Doreйn Pick, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der FU Berlin: „Die Menschen werden immer qualitätsbewusster, wollen immer mehr Auswahl, haben jedoch oder nehmen sich immer weniger Zeit, um selbst zu kochen.“ Die Zielgruppe, auf die die neuen Premiumdienste abzielen, nämlich „junge, berufstätige Menschen“, sei in ihrer Gesamtheit aber eher klein, sagt Pick. Der weitaus lukrativere, weil größere Markt sei in Wirklichkeit Lieferessen für ältere Menschen. Dieses Geschäft ist zwar noch nicht im Internet angekommen, aber die nächste Start-up-Idee ist bestimmt nicht mehr weit.

Text: Andrea Hahn

Foto: Foodora

Web-Adressen von in Berlin aktiven Premiumlieferdiensten:

www.bloomsburys.de?

www.deliveroo.de?

www.takeeateasy.de?

www.foodora.de?

www.urbantaste.de

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