Mit Kind

Privatsache Bildung: Öffentliche Schule oder Privatschule?

Fast jeder zehnte Grundschüler geht in Berlin mittlerweile auf eine ­Privatschule. Ein Ende des Booms ist nicht absehbar. Aber rechtfertigen die Privatschulen die hohen Erwartungen, die die Eltern in sie setzen? tip-Autorin Gerlinde Unverzagt hat mit zwei Dutzend Müttern und Vätern über Bildungshoffnungen gesprochen: erfüllte und enttäuschte

PrivatschuleEigentlich wollte Claudia ihre drei Kinder auf eine öffentliche Schule schicken. Sie hatte es doch immer für einen wesentlichen Vorteil des deutschen Schulsystems gehalten, dass es jedem die gleichen Bildungschancen ermöglicht. Doch dann kam der Tag der offenen Tür an ihrer Einzugsschule. Für Claudia war es ein Tag des Schreckens.
Das Schulgebäude: in fürchterlichem Zustand, eine „Bruchbude“, wie Claudia sagt. Die Lehrerin, die die Führung durchs Haus übernahm, „unmotiviert“, unter anderem wegen des jahrgangsübergreifenden Lernens, kurz JÜL, das ihr und ihren Kollegen sowieso „aufgedrückt“ worden sei. Obendrein eine Schulsekretärin, die freimütig über die veraltete Lehrerschaft, hohe Krankenstände, keine Vertretungen und seit Monaten ausfallenden Englischunterricht plauderte. „Wir suchten schnell das Weite“, sagt Claudia.

Jetzt besuchen ihre Kinder eine Privatschule in einem renovierten Industriebau im Nordosten Berlins. Wie bei vielen derartigen Schulen sei die Lehrerschaft eher jung und motiviert. Ein Fach namens Lebenswelten beschäftige sich mit guter Ernährung. Es gebe auch eine Schülerküche. Elternarbeit sei Pflicht, stehe im Vertrag, werde mit Kreuzchen stundenweise abgearbeitet. Von Grillstandbetreuen bis Wandertagsbegleitung. Die Leistungsanforderungen an die Kinder sind auch ziemlich hoch. Für das Schulgeld sind pro Monat je nach Einkommen zwischen 100 und knapp über 500 Euro in der Grundschule und rund 700 Euro ab Klasse 7 fällig.

Claudia nennt die Schule einen „Glücksgriff“. Trotz der hohen Kosten. „Wir finanzieren unseren Kindern ja keinen besonderen Luxus, weil wir für sie etwas Besseres wollten, sondern weil wir das für einen normalen Standard halten, den wir uns auch von jeder öffentlichen Schule wünschen würden“, seufzt sie. „Ich ärgere mich sogar, dass ich das Gefühl habe, wir müssen unsere Kinder in eine private Schule schicken, weil der Staat seinen Bildungsauftrag vernachlässigt.“

So wie Claudia denken immer mehr Berliner Eltern. Fast jeder zehnte Grundschüler besucht mittlerweile in der Hauptstadt eine private Schule, mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. 2002 lag die Schülerzahl an allen öffentlichen Schulen in freier Trägerschaft, wie es korrekt heißt, bei insgesamt 17?000. Heute sind es mit gut 30?000 beinahe doppelt so viele Kinder – und das gegen den Trend einer insgesamt sinkenden Schülerzahl. Die meisten Privatschulen führen lange Wartelisten. Eine Nachfrage, die das Angebot um das Zwei- bis Dreifache übersteigt, ist keine Seltenheit.
Dieser Boom der Privatschulen wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel, weshalb viele Eltern ihnen offensichtlich so viel mehr Vertrauen schenken als ihren öffentlichen Pendants. Vor allem aber auch, ob die Privatschulen diese hohen Erwartungen überhaupt erfüllen. Zumindest haben nahezu vollzählig durch die Fachabiturprüfung gerauschte Privatschulklassen in Dresden und Schweinfurth für Aufsehen gesorgt.

Nicht zuletzt bleibt die Frage, was diese tendenzielle Übernahme des deutschen, traditionell kostenlosen Schulsystems durch den privaten Sektor eigentlich für dieses gesamte deutsche Schulsystem bedeutet.
Für diese Geschichte hat der tip mit rund zwei Dutzend Müttern oder Vätern von Schulkindern gesprochen, deren Kinder auf Privatschulen sind oder waren. Die meisten Gesprächspartner wollten, dass weder sie selbst noch ihre Schulen erkannt werden, deshalb wurden sämtliche Namen geändert. Aber in der Summe ergeben diese Erfahrungen ein oft stimmiges, manchmal aber auch widersprüchliches Gesamtbild. Von den Hoffnungen der Mütter und Väter in die Privatschulen. Erfüllten wie enttäuschten.

Schulgeld statt Urlaub

Als Christine im Freundeskreis kundtat, ihr Sohn Tom werde auf eine private Schule gehen, stieß sie eher auf Unverständnis. „Muss das denn sein?“, hätten viele entgeistert gefragt, erzählt sie. Ja, entschied Christine, es muss. Toms Vater stammt aus Afrika, der Junge wächst zweisprachig auf, Muttersprache Deutsch, Vatersprache Englisch. Jetzt geht Tom in die zehnte Klasse.
Wenn er eines Tages die Schule mit einem internationalen Abitur abschließt, dazu Englisch spricht wie ein „Native Speaker“ (was er jetzt schon tue), dann, so sagt es Christine, habe sie die Gewissheit, alles getan zu haben für ihren Sohn.
Christine entspricht nicht unbedingt dem Privatschulklischee von üppig solventen Eltern, die das Schulgeld aus der Portokasse begleichen. Im Gegenteil ist bei ihr schnell vom Verzichten die Rede, wenn es um die hohen Schulkosten, knapp 1?000 Euro im Monat, geht. „Sicher gibt es die Kinder steinreicher Eltern, die von Nannys in dicken Autos vor dem Schultor abgesetzt werden“, sagt sie. „Doch das sind nur wenige.“ Manche Leute würde ja meinen, die Mädchen liefen hier nur in Escada rum. Dabei habe sie noch nie so viele Tchibo-Klamotten wie in dieser Schule gesehen, sagt Christine.

Verzichten heißt für sie: Jeden Cent zweimal umdrehen. Keine Urlaubsreisen zum Beispiel. Um den Schulbesuch ihres Sohnes zu finanzieren, hat sie sich ihre Lebensversicherung ausbezahlen lassen. „Das tut man sich nur an, wenn man überzeugt ist.“
Es sind viele Eltern innerhalb der Recherche für diesen Text, die im Grunde genau diesen Umstand herausstreichen.
Wie Helena, die vor der Einschulung Eltern mehrerer Grundschulen befragte, immer wieder von „Riesenklassen, Unterrichtsausfall, Hausaufgabenstress bis in die Abendstunden und jeden Morgen Theater, weil das Kind nicht in die Schule will“ hörte und ihr Kind dann auf eine zweisprachige Privatschule schickte: teuer zwar, aber die Lehrer „topkompetent, fröhlich und immer ansprechbar“, kleine Klassen. „Es ist ein großes Glück, dass wir das finanziell irgendwie hinkriegen“, sagt Helena.

Oder wie Melanie, aus Südafrika nach Berlin gekommen, deren Tochter in der zweiten Klasse einer staatlichen Schule am Desinteresse der Lehrer an ihrer besonderen Situation litt (sie musste parallel die deutsche und die englische Sprache erlernen) und erst nach dem Wechsel an der privaten Berlin International School „richtig aufgeblüht“ sei. An der Schule, wo der Biolehrer selbst am Sonnabend vorbeikäme, um die Kinder auf eine Prüfung vorzubereiten, freiwillig! „Es kostet ein Vermögen“, sagt Melanie, „aber weil meiner Tochter das so unendlich guttut, bin ich bereit, auf vieles andere zu verzichten.“
Oder aber wie Alice, die auch sagt, dass man das hohe Schulgeld irgendwie „zusammenknapsen“ müsse, aber dann schwärmt: „Der wichtigste Satz meines Sohnes, den er mir seit seinem ersten Schuljahr auf der Berlin International School immer wieder mal sagt: ‚Danke Mom, dass ich auf diese Schule gehen kann.‘ Das spricht doch Bände, oder?

Christine, die Frau mit dem zweisprachigen Kind und ohne Urlaubsreisen, atmet tief durch, lächelt. „Ich weiß nicht, ob ich das gemacht hätte, wenn wir nicht in Berlin wohnen würden“, sagt sie. Aber die Berliner Schullandschaft, ergänzt sie, sei nun mal „schwierig, um es mal höflich zu sagen.
Ich suchte eine zweisprachige englische Schule, keine elitäre Privatschule, und wollte kein Waldorf-Heiteitei. Wenn eine staatliche Schule mir das hätte bieten können – kein Unterrichtsausfall, hohes Niveau, ganzheitlicher Ansatz, fächerübergreifender Unterricht – hätte ich mich nicht für eine Privatschule entschieden.“

Staatliche Vertrauensverluste
2009 hat das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) ermittelt, dass mehr als die Hälfte aller Eltern für ihre Kinder eine Privatschule bevorzugten, wenn sie sich die höheren Kosten leisten können. In einer repräsentativen Umfrage für den „Spiegel“ erklärten sich sogar vier von fünf der befragten Bürger bereit, Schulgebühren zu bezahlen, wenn ihr Kind dadurch besseren Unterricht und bessere Lehrer hätte. Und in einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung über Eltern in verschiedenen Lebenswelten von 2008 heißt es: „Vor allem in der bürgerlichen Mitte sind die Belange der Schule zum beherrschenden Thema des Familienlebens geworden.“ Die Studie, sie heißt „Eltern unter Druck“, konstatiert ein „Leiden an der Schule“. Sie offenbart, wie viel Unruhe es unter Eltern gibt und welche zentrale Rolle die Bildung dabei spielt.
„Eltern haben das Vertrauen in die staatlichen Institutionen verloren“, analysiert der „taz“-Bildungsredakteur Christian Füller, der mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat. So habe die DIPF-Umfrage ergeben, dass „selbst Eltern mit Hauptschulabschluss, die sich früher kaum für private Schulen inte­ressiert haben, heute ihr Kind lieber auf eine Privatschule geben“ würden.

Im PISA-Vergleich schneiden zwar private Schulen insgesamt etwas besser ab als staatliche. „Das liegt an den Elternhäusern, nicht daran, dass private Schulen an sich schon besser wären, und es hat mit Geld erst mal nichts zu tun,“ sagt Füller. „Wenn Eltern eine Privatschule aussuchen, haben sie Ansprüche. Die Bildungssoziologen sprechen von kulturellem Kapital.“
Privatschuleltern haben zu 60 Prozent selbst das Abitur, an staatlichen Schulen sind das nur halb so viele. Bei den Gymnasien wiederum sind bildungsorientierte, karrierebewusste Mittelstandsfamilien das Klientel sowohl der privaten als auch der staatlichen Einrichtungen. Der Leistungsvorsprung der Privaten schwindet, wenn man auf diesem Feld die Schülerleistungen vergleicht. Dabei erzielten die 15-jährigen Schüler an staatlichen Gymnasien sogar etwas bessere Leistungen. Die Abschlüsse können den Ansturm auf die Privatschulen also nicht erklären.

Eltern-Wunschlisten
„Selbstverständlich verstehen wir uns als Dienstleister für die Familie und den Elternwillen“, sagt Andreas Wegener. Er ist der Geschäftsführer der privaten Kant-Schule, die an drei Standorten rund 2?100 Schüler zählt, und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft freier Berliner Schulen, in der 85 Prozent der privaten Schulen Mitglied sind. Man bekommt im Gespräch mit Wegener einen guten Überblick, mit welchen Erwartungen Eltern zu einer privaten Schule kommen. Er kennt sie aus den Aufnahmegesprächen. Zuallererst: dass die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten des Kindes stets im Mittelpunkt stehen müssten. Dann weiter die Wunschliste runter: Ganztagsbetrieb, bestimmte Angebote wie Englischunterricht ab der ersten Klasse, musische, kreative, sportliche AGs, Hausaufgaben-Erledigung möglichst in der Schulzeit, Verlässlichkeit und keinen Unterrichtsausfall, keine bürokratischen Verfahren, kurze Informations­wege zwischen Eltern und Lehrern. Es ist wirklich keine total absurde Wunschliste.

Die Flucht bildungsinteressierter Eltern vor Kindern mit Migrationshintergrund mit mangelnden Deutschkenntnissen in staatlichen Schulen werde nicht hart kommuniziert, sagt Wegener. Sie spiele aber sicherlich eine Rolle. Denn Eltern wollten ein sicheres Umfeld garantiert wissen. Der Chef der Kant-Schule sagt, und es klingt trivialer, als es ist: „Schließlich geht es um die Kinder!“

Bildungshort der Gleichgesinnten
Luise musste über die staatlichen Schulen keine Erkundigungen im Bekanntenkreis einziehen. Sie ist mittendrin im staatlichen Bildungskosmos: als Lehrerin an einer sogenannten Brennpunktschule. „Bedrängnis, nicht Dünkel“, sagt sie, habe sie dazu bewogen, für die beiden jüngsten ihrer insgesamt sechs Kinder das renommierte Canisius-Kolleg in Tiergarten, das vom katholischen Jesuiten-Orden geleitet wird, auszuwählen.
Von Anfang an hat sie sich dort in der Elternvertretung engagiert und die Belange freier Schulen in Gremien und Kooperationen unterstützt. Die Wahlfreiheit der Eltern zu erhalten und zu stärken, liege ihr am Herzen. Was an privaten Schulen auffalle: Man suche einander aus. Der Schulleiter seine Lehrer und Schüler, die Eltern die Schule.
Dann erzählt sie von Schülern, Eltern und Lehrern, die zusammenarbeiten, sei es für Konzerte, die Gartenpflege, Feste. Oder andere Unterstützungen, die den Schulkindern zugutekommen. Eltern tun das, weil sie eine Entscheidung für die jeweilige Schule getroffen haben.
Eine Entscheidung, die nicht selten auch sehr prägend durch die konfessionelle oder lebensanschauliche Präferenz bestimmt sein kann. Und manchmal genau deshalb schiefgeht. Weil eben nicht passt, was in der Erwartung einfach zusammenpassen sollte.
So schickte Maja ihre Tochter, wie auch Luise, auf das katholische Canisius-Kolleg – aber ohne religiöse Praxis in der Familie. Es waren keine schönen drei Jahre für das Kind. „Wir dachten uns, wenn sie das schon in der Familie nicht kennenlernen kann, soll sie das in der Schule erfahren“, erinnert sich Maja. „Doch sie mochte die Religion nicht und ärgerte sich darüber, wenn vor und nach dem Unterricht gebetet wurde. Was allerdings den Unterricht selbst angeht, gab’s nichts zu meckern, der war anspruchsvoll und die Lehrer sehr bemüht.“
Jetzt besucht Anna ein normales staatliches Gymnasium, aus pragmatischen, nicht etwa ideologischen Gründen, wie ihre Mutter betont, und fügt etwas resigniert hinzu, dass es doch immer eine Lotterie sei, eine gute Schule zu finden. „Ich habe das Gefühl, dass religiöse Eltern anders sind. Sie kennen sich alle untereinander und sind auch in ihrem Gemeindeleben eng verbunden. Der religiöse Hintergrund ist ihnen wichtiger als die Bildung.“
Funktionieren private Schulen also nur, weil hinter der handverlesenen Schülerschaft bildungsnahe und gleich gesinnte Eltern stehen?
Luise, die Brennpunktschullehrerin, die ihre Kinder auf eine Privatschule schickt, lächelt abwehrend. So einfach könne man das nicht sehen. Brennpunktschulen wie die, an der sie arbeitet, funktionierten jedenfalls nicht und von Elternengagement sei auch kaum etwas zu spüren. „Sicher haben es freie Schulen auch leichter, weil sie Eltern anziehen, die sich für die Schule interessieren und deshalb auch engagieren.“

An mehreren Fronten
Ohne Eltern geht es nicht – so tönt es landauf, landab aus Schulen, Parlamenten, aus amtlichen Verlautbarungen. Einige Eltern nehmen das sehr wörtlich und gründen eine eigene Schule. Andere suchen eine Schule, die am besten zu ihren Belangen passt.
Private und freie Schulen waren oft Vorreiter gesellschaftlicher Entwicklungen, die dann auch irgendwann in der staatlichen Schule ankamen. Auch wenn man da noch immer über den Sinn des Sitzenbleibens, die Notwendigkeit des sturen Auswendiglernens oder den starren 45-Minuten-Takt diskutiert.
Von freien Trägern kamen Anstöße, Schulen für Mädchen, ganztägige oder reform­pädagogische Schulen zu eröffnen: Altersmischung, fächerübergreifender Unterricht, Freiarbeit, binnendifferenzierter Unterricht, verbale Beurteilungen statt Noten in den ersten Klassen.
Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann, langjähriger Professor an der Universität Bielefeld, der seit seiner Emeritierung 2009 Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance ist, nennt als strukturelle Vorteile von Privatschulen die oft professionellere, autonomere Schulleitung, die sich intensiver um ihre Klientel von Eltern und Kindern kümmern könne. So schafften sie an mehreren Fronten Bedingungen für bessere Arbeit, auch für die Elternbeteiligung. „Eltern­engagement in privaten Schulen hebt das Leistungsniveau,“ sagt Hurrelmann. „Die Eltern sind im System, lernen die Lehrer intensiver kennen. Das schult Eltern und die Kinder profitieren im Leistungsbereich, weil die Kinder besser eingestellt sind.“

Wie wichtig dieses Elternengagement auch und gerade an privaten Schulen ist, lässt sich daran erkennen, wenn es nicht funktioniert. Wenn etwas richtig schiefläuft. Denn sei es nun an freien, demokratischen, konfessionellen, kommerziellen oder reformpädagogischen Schulen: Eine der entscheidenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schullaufbahn der Kinder scheint  ein reibungsarmes Verhältnis zwischen Elternhaus und Schule zu sein.
Und: zwischen den Eltern untereinander.

Eltern im Einsatz
Als sich Paul, ein Journalist, vor drei Jahren bei seinem Sohn für eine kleine, private Schule entschied, die von Eltern und Lehrern gegründet worden war, geschah das mehr aus Not denn aus Überzeugung.
Der Schulfrust begann weit vor dem ersten Schultag von Sebastian. Bei der staatlichen Grundschule, die Paul und seine Frau ausgesucht hatten, wurden sie abgelehnt. In der, der sie dann zugeteilt wurden, kam der Junge nicht gut klar.
Deshalb wechselten sie schweren Herzens auf die private Schule, auch des kürzeren Schulwegs wegen. Dabei sei das pädagogische Konzept dort sehr ähnlich dem in der staatlichen Schule gewesen, erzählt Paul. Allerdings habe die private kleinere Klassen von 12 bis 14 Kindern versprochen, unterrichtet von je zwei Lehrern und meist auch noch einem Erzieher. Das, hofften die Eltern, käme dem schüchternen, langsamen Lerner Sebastian entgegen.
Aber dann erfuhr Paul, was es heißt, wenn ausgerechnet an einer Elterninitiativschule die Eltern nicht mitziehen.
„Mal abgesehen von der enormen finanziellen Belastung und dem Zeitaufwand durch Elterndienste von sechs Stunden im Monat bin ich ziemlich enttäuscht vom Des­interesse der anderen Eltern“, sagt er. „Bei Elterndiensten, Versammlungen und pädagogischen Abenden waren oft nur wenige Eltern dabei, wichtige Gremien waren monatelang nicht besetzt.“

Auf der anderen Seite sei da der überaus kämpferische Einsatz von Eltern, der dem Alltag an einer kleinen, privaten Schule auch nicht zuträglich sei. Paul beschreibt die Schattenseiten beim Umsetzen alternativer pädagogischer Konzepte unter mäßiger staatlicher Unterstützung: lästige Dauer­diskussionen um pädagogische Ansätze, endlose Debatten zwischen Lehrern und Eltern. Elterndienste in Gestalt von Hausmeistertätigkeiten und Schwimmbegleitung. Und viel Ärger um das übliche Problem, dass Eltern denken, ihre Kinder lernten nicht genug, und Lehrer sich schnell angegriffen fühlten, wenn Eltern das pädagogische Konzept kritisierten.
Ein anderer Vater, nennen wir ihn Jochen, auch er hat einen Sohn, berichtet ähnliche Erfahrungen an einer seinerzeit neu gegründeten freien Grundschule: „Grabenkämpfe darüber, was freies Lernen bedeutet und wie viele Regeln nötig sind, allgemeine Überlastung der Eltern und Lehrer nach anfänglicher Euphorie, endlose Diskussionen ohne Ergebnis, Schulausbau-AGs, das hält kein Mensch aus. All diese Elternabende, aus denen man mit Hirnsausen rausgeht, weil’s wieder nichts gebracht hat.“
Das scheinbar Paradoxe dabei: Gleichzeitig ist Jochen mit der persönlichen Entwicklung seines Sohns sehr zufrieden. Weil schulische Leistung nicht alles sei. Auch wenn er sich – sein Sohn ist mittlerweile auf der nächsten freien, weiterführenden Schule – immer noch über amateurhafte Beurteilungen in den Jahresbriefen, die das Zeugnis ersetzen, ärgert. Oder über die Lehrer, die  bei Sorgen der Eltern, was die Kinder da eigentlich lernen, stets abwiegeln.

Aber dafür hat Jochen jetzt eine noch privatere Lösung gefunden: Er wird einen Nachhilfelehrer buchen.
So ist auch Paul, der Journalist mit der Elterninitiativschule ohne ausreichende Eltern­initiative, gespalten, wenn er ein Resümee dieser drei Jahre ziehen soll. „Wir waren schon zufrieden mit der Klasse, weil es ihm dort gut ging, er Freunde gefunden hat und seine Leistungen besser wurden“, sagt er. „Doch das ganze Drumherum war unerfreulich, das ständige Theater. Entscheidungsfindung hat nicht funktioniert, die ganze Selbstverwaltung klappt nicht gut. Das kriegen die Kinder ja auch mit, wenn die Stimmung immer schlechter wird.“

Konkurrenzdenken
Die Frage ist nun, ob der Aufschwung der Privatschulen, der viel mit der (mal mehr, mal weniger gerechtfertigten) Unzufriedenheit mit den staatlichen Schulen zu tun hat, im Umkehrschluss auch Besserungsmaßnahmen bei den staatlichen Schulen induziert. Zugegebenermaßen klingt das angesichts der Sparzwänge der öffentlichen Haushalte nach einer etwas gewagten These. Aber unmöglich ist es nicht. Zentral auch hierbei: die Eltern.
Denn über den Elternwillen entsteht ein Wettbewerb zwischen Schulen. Wenn Schulen angesichts schwindender Schülerzahlen um Schüler konkurrieren, haben Eltern die Möglichkeit, die beste für ihr Kind zu wählen. Schlechte Schulen verlieren ihre Schüler. „Das schafft Anreize, die Sache möglichst gut zu machen,“ sagt Ludger Wößmann, Bildungs­ökonom an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Privatschulen sind eine Flut, die viele Boote hebt.“
Damit die Konkurrenz auch wirklich allen zugutekomme, dürfe der Zugang zu Privatschulen nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängen, sagt Wößmann. „Deshalb sollten Schulen in privater Trägerschaft pro Schüler die gleichen staatlichen Mittel bekommen wie staatliche Schulen.“

Davon sind die privaten Schulen derzeit noch ziemlich weit entfernt. In Berlin erhalten sie vom Senat 93 Prozent der Personalkosten als Zuschuss. Weil davon aber auch Sachleistungen, Reparaturen oder auch Lehrmittel bezahlt werden, sind faktisch nur 60 bis 70 Prozent der tatsächlichen Kosten, die in Privatschulen entstehen, durch staatliche Mittel abgedeckt. Um diese Lücke zu schließen, haben viele Schulen private Spender. Aber vor allem: die Eltern, die zum einen das hohe Schulgeld berappen müssen und zum anderen der Schule durch ihr Eltern­engagement Personalkosten sparen.
So leiden freie Schulen, an denen die Lehrer zwischen 10 und 20 Prozent weniger verdienen als an staatlichen Schulen, unter der staatlich gewollten Unterfinanzierung. Der „taz“-Bildungsexperte Christian Füller sagt: „Es ist an sich eine Ungeheuerlichkeit, dass unter dem Deckmantel des grund­gesetzlich verankerten Sonderungsgebotes, wonach der Besuch einer Privatschule Schülern aus einkommensschwachen Familien nicht verwehrt werden darf, ein System protegiert wird, das selbst nichts anderes tut, als die Schüler nach den Einkommensverhältnissen der Eltern zu sondieren.“
Wie eng in Deutschland soziale Herkunft mit dem Schulerfolg zusammenhänge, sei ein Skandal, wettert Füller. „Sondierung ist nur zu einem geringen Anteil das Problem der Privatschulen, sondern vor allem der Sündenfall des staatlichen Schulwesens. Die Sozialauswahl oder, böse gesagt, die Selektion nach der Herkunft der Eltern ist am Gymnasium am größten.“
Klaus Hurrelmann, der Bildungsforscher, hat einen kühnen Gedanken, wie man das ändern kann: die Umwandlung aller Schulen in private Schulen mit staatlicher Trägerschaft. „Träumen wir mal!“, sagt er.
In den Niederlanden gebe es diese Konstruktion längst: Die Schulen sind privat geleitet und zu 100 Prozent staatsfinanziert. Da wüssten die Eltern oft gar nicht genau zu sagen, ob ihr Kind auf eine staatliche oder private Schule gehe.
„Es wäre wirklich ein tolles Ding, wenn wir das in Deutschland auf die Reihe kriegten“, sagt Hurrelmann. „Den Strukturwandel haben wir seit 15 Jahren auf dem Papier. Es geht unendlich langsam voran, wir brauchen noch mal 15 Jahre.“

Der ganze Zirkus

Anna, Mutter dreier Kinder aus Wilmersdorf, hatte eine ganz eigene Hoffnung in die Privatschule ihrer Wahl: Weil sie der Waldorf-Pädagogik, die dort Grundsatz ist, überaus aufgeschlossen gegenübersteht. Das Pro­blem lag woanders. „Waldorfschulen brauchen Waldorf-Familien und keine berufs­tätigen, alleinerziehenden Mütter wie mich, sondern welche, die den ganzen Tag zu Hause sind und sich 24 Stunden lang ums Kind kümmern können.“ Manchmal passt es einfach nicht. „Bei 400 Euro Schulgeld im Monat und Nachhilfelehrern, einer Fülle von Elterndiensten und dann auch noch der Aufforderung, meinem Kind zu Hause das Stricken beizubringen, bin ich dort ausgestiegen“, sagt Anna.
Jetzt gehen zwei ihrer Töchter wieder auf eine staatliche Grundschule. Anna sagt, sie genieße die Auszeit, sich gerade mal nicht um den Stress der Schulwahl kümmern zu müssen. Lange wird ihre Auszeit aber nicht mehr währen. Irgendwann steht die Entscheidung über die weiterführende Schule an.
Anna sagt: „Dann geht der ganze Zirkus wieder von vorne los.“     

 

Text: Gerlinde Unverzagt
Illustrationen: Helena Nordborg Koch

 

Berliner Privatschulen in Zahlen

Schüler: Fast jeder zehnte Grundschüler in Berlin besucht eine private Schule, mehr als doppelt so viele wie im ­Bundesdurchschnitt, der sich quer durch alle Schularten auf acht Prozent ­beläuft. In Berlin ist die Zahl der ­Privatschüler seit 2002 von 17?000 auf heute 30?135 gestiegen, während gleichzeitig die gesamte Schülerzahl sank.
Schulen: Aktuell zählt die Senats­verwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung 114 allgemeinbildende private Schulen. 18 Neugründungen und eine Schulschließung gab es im vergangenen Schuljahr. Es könnten noch mehr Schulen werden, denn ­einige Vorgänge seien noch nicht ­abgeschlossen, teilt die Senatsverwaltung mit.

Kosten für Eltern
Private Schulen verlangen sehr unterschiedliche Summen von den Eltern. Die Spanne reicht von unter 100 Euro an manchen katholischen und etwas höheren Beträgen bei evangelischen Schulen über 150 bis 250 Euro im Schnitt an den freien demokratischen bis zu knapp tausend Euro an der Berlin International School. Staffelungen nach Einkommen oder Stipendien bieten die meisten Schulen. 

 

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