Stadtleben und Kids in Berlin

Probleme im Berlin Spandauer Kiez Heerstraße Nord

Als ein Junge an einer Bushaltestelle verprügelt wird, lässt der Spandauer Bürgermeister ein Sorgentelefon schalten. Seitdem wird im Staakener Gebiet Heerstraße Nord die Verunsicherung im Kiez sichtbar. Sozialarbeiter fürchten jetzt um den Ruf des Kiezes

StaakenDer Jugendliche mit einer geistigen Behinderung war auf dem Heimweg, er kam aus einer Betreuungseinrichtung in einem evangelischen Gemeindezentrum, es war noch früher Abend. An einer Bushaltestelle wurde er angegriffen, verprügelt, er musste ins Krankenhaus. Nasenbluten, Schock. Das war Ende März, im Spandauer Ortsteil Staaken.
Ein Faustschlag mit Folgen.
Denn nicht nur in der Einrichtung und unter besorgten Eltern schlugen danach die Wellen der Empörung hoch. Weil immer mehr Klagen von Anwohnern des Kiezes Heerstraße Nord beim Bezirk landeten, schaltete der Bürgermeister Helmut Kleebank, ein SPD-Mann, ein Sorgentelefon – als eine Art Ventil für verunsicherte Bürger. Eine Maßnahme, die zum Teil kontrovers diskutiert wurde. Seitdem wird die gesammelte Verunsicherung eines ganzen Kiezes sichtbar.

Man spürt das auch bei einer Diskussion, die an einem Dienstagabend, knapp vier Wochen nach dem Überfall, im Nachbarschaftszentrum „Gemeinsam“ stattfindet. Gekommen sind gut ein Dutzend sozialer und politischer Akteure aus Spandau. Themen des schon vor den Ereignissen geplanten Abends sind Armut und Bildungspolitik. Eine Schulleiterin ist vor Ort, der Jugendamtsleiter, mehrere Damen vom Quartiersmanagement und ein ehrenamtlicher Nachhilfelehrer. Auf seinem Kapuzenpulli steht „Stark ohne Gewalt“. Bürgermeister Kleebank sitzt in der ersten Reihe, er nimmt an zwei Diskussionsrunden teil und verteidigt die Hotline vehement. Denn viele soziale Akteure fürchten nun um den Ruf des Kiezes. Weil es ohnehin genug Probleme gibt.

In den letzten zwei bis drei Jahren sammelten sich rund um die Heerstraße Menschen, die aus anderen Teilen Berlins wegziehen mussten: Hartz-IV-Empfänger, kinderreiche Familien, prekär Beschäftigte, Niedriglöhner. „Wir beobachten das bei unserer Arbeit“, sagt der Sozialarbeiter Thomas Sonntag, der seit 13 Jahren im Kiez arbeitet, am Rande der Diskussion. Im „Gemeinwesenverein Heerstraße Nord ist er für die Jugendarbeit zuständig. Wenn er in letzter Zeit Familien mit Problemen zu Hause besucht, „dann sind sie oft aus Neukölln, Mitte, Schöneberg oder Kreuzberg hierhergezogen, weil sie dort die Miete nicht mehr bezahlen konnten“. Oder weil diese aufgrund zu hoher Quadratmeterpreise vom Jobcenter nicht mehr bezahlt wurde.
„Es geht aufwärts“, sagt Sonntag daher sarkastisch, „zumindest, was die Problemfälle angeht.“ 1?200 Menschen kamen seit 2007 hierher in den Ortsteil Staaken mit seinen rund 25?000 Einwohnern – die meisten in die ärmsten Teile dieses ohnehin armen Kiezes. Ob bei der Quote der Langzeitarbeitslosen, Zahl der Hartz-IV-Kinder oder den Inobhutnahmen durch das Jugendamt: Überall liegt man in Berlin tief im unteren Drittel – oder bildet gleich das Schlusslicht.

Eine gefühlte Unzufriedenheit gab es deshalb wohl schon länger im Kiez – doch nach dem Überfall an der Bushaltestelle lagen die Nerven erst recht blank. Die Lokalpresse berichtete über den „Tatort Heerstraße“.
Bürgermeister Kleebank entschloss sich daher zu der ungewöhnlichen Reaktion, den Vorfall nicht kleinzureden, sondern ihm mit der Einrichtung der Bürgerhotline sogar noch weitere Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Im Büro seines Bezirksbeauftragten für Senioren und Menschen mit Behinderung, Klaus Laufmann, liefen daraufhin zumindest anfänglich die Drähte heiß. Rund 60 Mal klingelte in Raum 1?204 in den ersten Tagen nach Veröffentlichung der bis zum 25. März geschalteten Sorgen-Nummer das Telefon.

Offiziell läuft derzeit die Auswertung, inoffiziell gibt es beunruhigende Fakten. Vor allem ältere Anwohner beklagten sich demnach über massive organisierte Angriffe und Pöbeleien größerer Gruppen Jugendlicher. Schwerpunkt der Beschwerden: das Staakener Einkaufszentrum, eine verschachtelte fensterlose Ladengalerie am Fuße eines der Hochhäuser im Zentrum des Ortsteils. Derzeit mit viel Grün und Gelb auf Ostern geschmückt, fühlen sich im Umfeld vor allem Rentner und gehbehinderte Menschen im Rollstuhl oder mit Rollatoren gemobbt.
„Die Fälle reichen von eher allgemeinen Klagen über herumlungernde Gruppen bis hin zu massiven verbalen Bedrohungen“, verrät ein Verwaltungsmitarbeiter.

Da wird über herumlungernde Jugendliche geklagt, die rücksichtslos herumrennen und Leute schubsen würden. Aber auch von Beleidigungen ist die Rede. „Geh auf den Friedhof, da gehörst du hin!“, habe eine Rentnerin zu hören bekommen. Andere berichten von Drohungen, sie aus dem Rollstuhl zu werfen. Eine Rentnerin soll nach einem Streit mit einem Heranwachsenden sogar eine rot beschmierte Postkarte im Briefkasten gefunden haben. Rot wie Blut.
Was man im Bezirk nicht so gern zugibt: Das Ordnungsamt und die Polizei wurden dafür kritisiert, zu selten und zu langsam vor Ort zu sein, wenn etwas passiert. Gelobt hätten Anrufer dagegen den privaten Sicherheitsdienst des Zentrums.
Es sieht so aus, als hätten sich die Anwohner durchweg froh gezeigt, dass ihnen endlich mal jemand zuhörte und ihre Besorgnis ernst nehme. Für Bürgermeister Helmut Kleebank ist das Telefon deshalb bereits jetzt ein Erfolg. „Es geht uns darum, die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen“, sagt er, „und das ist gelungen.“

Der gelernte Krankenpfleger und studierte Physiklehrer ist seit eineinhalb Jahren Bürgermeister in Spandau. Man tritt ihm sicher nicht zu nahe, wenn man vermutet, dass er nicht unbedingt wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten gewählt wurde. Doch mit der Einrichtung des Telefons ist dem eher ungelenk auftretenden Politiker jetzt ein Coup gelungen, der ihn zum sorgenden Bezirkschef macht. Zu einem Bürgermeister, der den Wählern zuhört, sie nicht alleinlässt. Im Rahmen eines runden Tisches aus Verwaltung, Polizei und anderen Beteiligten sollen die Ergebnisse Mitte April gemeinsam ausgewertet werden.

Aber nicht nur bei der Diskussion im Nachbarschaftszentrum zeigte sich, dass keineswegs alle über das bürgernahe Agieren ihres Oberhaupts glücklich sind. Denn das Sorgentelefon löste – nach dem Überfall selbst – eine zweite Pressewelle aus. Jetzt berichteten nicht nur lokale Anzeigenblätter. Sogar die „Abendschau“ kam vorbei. Ulli Zelle interviewte besorgte Bürger und ließ leere Jägermeisterflaschen in dunklen Kellern filmen. Titel des Beitrags: „Problemkiez Heerstraße Nord“.
Da sagt jetzt zum Beispiel Petra Sperling, Geschäftsführerin des Gemeinwesenvereins Heerstraße Nord, für den auch Thomas Sonntag arbeitet: „Das nützt uns dann nicht, ich fürchte sogar, es schadet mehr.“
Seit acht Jahren kümmert sie sich im Kiez um den sozialen Ausgleich, organisiert Veranstaltungen, Hilfsangebote, vernetzt Schulen, Vereine, Stadtteilzentren. Es sind nur wenige Meter von ihrem Kellerbüro bis zum Eingang der Behinderteneinrichtung, die der überfallene Junge besuchte.

Der Verein ist eine Besonderheit aus der Entstehungsgeschichte der Siedlung. Damals, in den 70er-Jahren, sollte damit der Gemeinsinn gestärkt werden. Man merkt Petra Sperling an, dass sie sich jetzt in einer Zwickmühle befindet. Sie weiß mit am besten, wie groß die Probleme des sozialen Brennpunkts sind: „Zum einen ist es natürlich gut, wenn hier eine Verwaltung auf die Bürger hört.“ Aber die Sozialpädagogin will auch den Kiez gegen Vorwürfe von außen schützen. Da ist eine große Angst vor einer Stigmatisierung des Wohngebiets. „Die Kriminalität hat nachweislich nachgelassen“, sagt Sperling, „das war zumindest die Reaktion der Polizei auf diesen Vorfall.“

80 Seiten hat allein die Broschüre über Staaken, die sie Besuchern deshalb in ihrem kleinen Büro im Souterrain gleich hinter dem Einkaufszentrum in die Hand drückt. Darin sind alle aufgelistet, die hier seit Jahren agieren und sich engagieren. Motto: „Akteure, Adressen, Angebote“. Kirchen, Stadtteilvereine, Schulen. Es gibt auch einen Stadtplan, der den Kampf gegen das Elend illustrieren soll: „Staak(en) Engagiert“. Darauf sind Beratungsstellen und Nachbarschaftshäuser blau eingezeichnet: Kircheneinrichtungen lila, Seniorenangebote grün und die für die Jugend gelb. Ein bunter Flickenteppich des Engagements.
Die Pläne hängen auch überall im Kiez vor den Betonbauten. Sie sollen wohl sichtbar machen, dass hier nicht nur die Probleme groß sind, sondern auch die Bereitschaft vorhanden ist, sich ihnen zu stellen.

StaakenAuf dem Stadtplan mutet das alles malerisch und vor allem beherrschbar an. In der Realität jedoch erschlägt den Besucher die düstere Einheitsarchitektur der Betonbauten. Beidseitig der mehrspurig ausgebauten Ost-West-Achse Heerstraße, ungefähr vom Hausnummernbereich 400 bis 500, erstreckt sich die in den 60er- und 70er-Jahren aus dem Sandboden gestampfte Trabantenstadt. Wie Zahnstümpfe ragen fünf rot, grün und blau bemalte Hochhäuser in den Himmel. Drumherum reihen sich zehn bis elfstöckige lang gestreckte Bauten aus Beton.
Für die beiden Rentner Max und Peter ist die Trabantenstadt die Heimat. Ihre Nachnamen wollen sie lieber nicht veröffentlicht sehen. Doch über Staaken können sie einiges erzählen. Sie leben schließlich seit Jahrzehnten hier. Beide haben früher für die Telekom in Siemensstadt gearbeitet, heute sind sie in Pension. Peter, mit 66 Jahren der Ältere, wohnt im Seniorenhaus nur wenige Meter hinter dem Zentrum, der 60-jährige Max mit seiner Familie ebenfalls gleich um die Ecke.
Jetzt sitzen sie in eben jenem verrufenen Einkaufszentrum recht gemütlich auf einer Bank. Den Wandel im Kiez beobachten sie seit zwei Jahren. Russen habe es ja schon immer gegeben, jetzt kämen aber immer mehr andere Nationen dazu. Max erklärt: „Meine Frau ist Erzieherin. Da kommen neuerdings Eltern und sagen, sie wollen ihr Kind in der ,Blonden Kita‘ anmelden.“

Er sagt auch, man dürfe die Zugereisten natürlich nicht ausgrenzen. Aber es sei spürbar, wie sich im Kiez viel ändert. Dass es zunehmend an Höflichkeit fehle. Und wenn es bei Rossmann Sonderangebote gebe, würden sie einen über den Haufen rennen. Ans Wegziehen denken die beiden Alten dennoch nicht. Wo sollten sie auch hin?  „Neukölln ist doch auch Käse“, sagt Peter. Von dem Überfall auf den Jugendlichen haben sie natürlich gehört. Auch die Mitbewohner von Peter reden von Übergriffen. Zwei oder drei Vorfälle hätte es in letzter Zeit gegeben, sagt er. Zumindest erzähle man sich das so in der Einrichtung. Aber die Polizei kommt ab und zu vorbei und klärt auf. Dramatisch klingt das alles nicht: „Uns hat noch keiner angegriffen“, sagt Max.
Im Gegenteil: Als er letzte Woche einen Jugendlichen, genau hier vor der Apotheke des Zentrums, mit einem beherzten „Verpiss dich!“ davon abhielt, auf den Aufsteller vor dem Eingang einzuprügeln, wurde er selbst von einem Passanten gemaßregelt. Wie er eigentlich mit dem Kind rede. Dennoch halten beide das Sorgentelefon  für eine sinnvolle Idee: „Gut, wenn die Politiker mal zuhören.“

Wie es mit der Heerstraßen-Hotline weitergeht, ist jedoch nicht klar. Bürgermeister Kleebank will sie nicht über den März offenhalten. „Vielleicht kann man aber einen Verein finden, der das übernimmt“, sagt er auf der Diskussionsveranstaltung im Nachbarschaftszentrum Gemeinsam.
Dort steuert dann Sozialarbeiter Thomas Sonntag ein paar frische Zahlen bei. In manchen Straßenzügen liegt demnach die Zahl der unter 15-Jährigen, die in ALG2-Familien aufwachsen, mittlerweile bei 77 Prozent. Tendenz: nach oben. „Die Fälle, in denen das Jugendamt sogenannte Hilfen zur Erziehung leisten musste, sind ebenfalls stark angestiegen“, sagt Sonntag: um 70 Prozent von 2008 bis 2012 bei den ambulanten, gar um 170 Prozent bei den stationären Hilfen.
Man trifft Sonntag später draußen bei einer Zigarettenpause. Ob denn das Sorgentelefon beim Thema Jugendgewalt tatsächlich helfen würde. Er schüttelt den Kopf: „Gewalt findet eher untereinander statt“, sagt er, „da werden Kleidung oder Handys abgezogen.“

Ansonsten sind es eher Fälle von leichtem Vandalismus, wie eingeschlagene Scheiben. Allerdings sei das alles nichts im Vergleich zu früher. Vor vier, fünf Jahren marodierten Mitglieder von Jugendgangs wie die Staaken Hood durch den Kiez. „Doch die sind mittlerweile erwachsen“, sagt Sonntag. Einer ist sogar bei seinem Verein als ehrenamtlicher Helfer aktiv. 

Text/Fotos: Björn Trautwein

 

Mehr zu Berlin:

Fahrradstadt Berlin: Tipps, Trends, Hintergründe

Flughafen Tegel kurz vor der Überlastung

Charlottenburg – Alter Glanz und neue Größe

Pankow: Zwischen Boom und Pleite

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin